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\"Der arztbesuch\" (Detail) von Jan Miense Molenaer
© Yury Kisialiou / iStock /Thinkstock

Roter Fingerhut: Giftpflanze, die in der Volksmedizin seit Jahrhunderten bei Herzschwäche verwendet wird.

Mistelbacher Museumsarchiv

© (2) Peter Boettcher

Aderlassschnepper aus Retz. Nur wer Geld hatte, konnte sich einen richtigen Doktor leisten.

 
Leben 26. Juni 2015

Studierte Ärzte waren gefährlich

Sie schoren, wuschen, schröpften und ließen zur Ader. Bader gab es im Mittelalter in fast jedem Ort.

Der Film „Medicus“ schildert die frühen Mediziner als reichlich primitive Bande von Kurpfuschern. Eine Ausstellung in St. Pölten tritt den Beweis an, dass Gesundheitsversorgung und Hygiene besser waren als ihr Ruf, und gelehrte Doctores mitunter mehr Schaden anrichteten als Kräuterweiblein.

„Kruzitürken!“. Der Zimmermann brüllt wie am Spieß, so laut, dass die Dorfleute für einen Moment innehalten. Alle schauen zu dem jungen Mann hinüber. In einer Hand hält er das blutbefleckte „negelein“ (frühneuhochdeutsch für kleiner Nagel), auf den sich der Mann, nennen wir ihn Enzo, soeben gesetzt hat. (Enzo deshalb weil diese Geschichte in Niederösterreich spielt und der Name hier einst geläufig war.) Die Menschen lachen gutmütig und gehen ihrer Wege, aber was passiert mit dem gepeinigten Handwerker? Waren die Zustände im Gesundheitswesen am Land seinerzeit nicht dermaßen verheerend, dass Enzos Schicksal besiegelt ist?

Wider Erwarten stehen seine Chancen stehen gar nicht so schlecht, wie man als Fan der „Medicus“-Kinofilms meinen könnte. Das sagt Prof. Dr. Elisabeth Vavra. Sie ist Kuratorin der Ausstellung „Bader, Medicus, Primar“ in St. Pölten. Enzo geht zum Kräuterweiblein, zum Bader oder zum Wundarzt. „Die Wunde wurde gereinigt und ein Zugpflaster verschrieben, das in der Apotheke angefertigt wurde. Es kann sein, dass die Wunde ausgebrannt werden musste.“ Autsch: Als einziges Narkotikum stand bis ins 19. Jahrhundert Alkohol zur Verfügung.“

Selbst wenn der junge Mann erst nach einigen Tagen zu einer Kräuterkundigen geht, ist seine Lage nicht hoffnungslos. Die Wunderwaffe am Land heißt Arnika. Und sie ist es es bis ins 20. Jahrhundert geblieben. Vavra: „Wenn sich in meiner Kindheit eine Wunde entzunden hat, dann hat die Arnika-Tinktur genauso gut gewirkt wie eine Salbe aus der Apotheke. Das Wissen um Kräuter und ihre antiseptische Wirkung ist sicher schon lange vorhanden.“

Wäre Enzo reich gewesen und hätte das Geld für einen „studierten Doktor“ gehabt, wären seine Überlebenschancen ungleich schlechter gewesen. Der richtige Arzt hätte ihn zur Ader gelassen und damit seinen Körper entscheidend geschwächt.

Anders als im Film „Medicus“ dargestellt, war den Badern und Wundärzten die Bedeutung der Hygiene allerdings durchaus bewusst, sagt Vavra. Bis zum ausgehenden Mittelalter hatten größere Orte wie Krems oder Mautern in Niederösterreich zwei bis drei öffentliche Bäder gehabt. Dort war ein Bader für das Bart scheren, Haare schneiden genauso zuständig wie für das Schröpfen und für den Aderlass. „Einmal in der Woche war Badetag“, sagt Vavra. Es war sogar üblich, dass ein Ausrufer in den Gassen verkündete: „Das Bad ist warm, das Bad ist warm!“ Im 16. Jahrhundert, mit Beginn der Neuzeit, beendete die Angst vor Syphilis die öffentliche Körperpflege. Wer es sich leisten konnte, zog sich in seine Räumlichkeiten zurück und wusch sich daheim. Es machte sich die Meinung breit, dass Wasser in die Poren des Körpers eindringt und schlechte Stoffe hineinschwemmt. Die Folgen zeigten sich im Barock als sich die bessere Gesellschaft mehr parfümierte als wusch. „Man hatte damals eine andere Vorstellung von der Verbreitung von Krankheiten. Wir wissen heute genau, dass es für bestimmte Krankheiten Erreger gibt, dass es Autoimmunkrankheiten gibt, usw. Die Leute früher glaubten, es fliegen so genannte ,Miasmen’ in der Luft (üble Düfte) herum und die durfte man nicht einatmen. Diese bösen Stoffe verbreiten sich auch über das Wasser und daher hatte man Wasser zu meiden.“

Enzos Operation ist nicht allzu kostspielig. Anders hätte es sich verhalten, wäre er vom Gerüst gefallen und hätte sich den Knöchel gebrochen. Laut der 1794 aufgelegten Taxordnung, konnten für einen Bruch 4 Gulden verlangt werden. Ein Maurer bekam im Schnitt einen Wochenlohn von 2 Gulden.

Um Bader zu werden ging man in die Lehre bei einem Badermeister. Davon gab es im Viertel ober dem Manhartsberg, das etwa dem heutigen Waldviertel entspricht in den 96 wichtigsten Ortschaften 150. In der Weinviertel-Metropole Mistelbach gab der letzte Bader, Joseph Pfandzelter, erst 1777 sein Gewerbe auf. In Paasdorf (Bezirk Mistelbach) setzte sich der letzte Bader 1782 zur Ruhe. Antonius Bacher hieß er. Das Gewerbe des Baders ging in jenem des Wundarztes auf, stellt Vavra fest. „Das hing mit den unter Maria Theresia erlassenen Vorschriften bezüglich der Ausbildung zusammen. Die ausgelernten Bader mussten jeweils bei den zuständigen Universitäten, für Niederösterreich war das die Wiener Universität, eine Prüfung ablegen. Dies wurde auch rückwirkend verlangt, was ältere Bader dazu veranlasst hat, gleich ihr Gewerbe an den Nagel zu hängen.“

Sonderausstellung „Bader, Medicus, Primar – Gesundheitswesen in Niederösterreich. Bis 18. Oktober 2015. Niederösterreichisches Landesmuseum. Tel.: +43 2742 908090.

Martin Burger, Ärzte Woche 26/2015

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