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Ob Boule oder Pétanque: Das Spiel mit den Kugeln ist für alle Altersgruppen geeignet.
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Hier liegen sie richtig: Das Maßband ist dennoch unerlässlich, um den Sieger eindeutig zu bestimmen.

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Zwei Meister der Pétanque à la provençale: Raoul Bonfort und René Macary, die neben ihrem exzellenten Spiel auch geschliffene Wortgefechte beherrschten.

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Boulekugeln in unterschiedlicher Ausführung: in massiver Bronze und mit einem mit Nägeln beschlagenen Holzkern.

 
Leben 18. Juni 2015

Keine ruhige Kugel

Gut für Herz und Kreislauf: Das Boule-Spiel – auch Pétanque genannt – findet in Österreich immer mehr Zuspruch. Ein kurzer historischer Überblick.

In Frankreich hat das Boule-Spiel, ob auf Amateurebene oder Profiniveau, große Bedeutung. Auf Stil und Erfahrung kommt es dabei in jedem Fall an. Der Rest ist reine Nervensache.

Seit dem 19. Jahrhundert gilt das Boule-Spiel als der französische Nationalsport schlechthin. Historisch weit ältere, damit verwandte Spiel-Varianten lassen sich jedoch bereits bis in die ägyptische und römische Antike zurückverfolgen. Auch im Mittelalter und während der Renaissance war dieses Spiel bekannt und beliebt. Größere Popularität erlangte es während des 19. Jahrhunderts: Es wurde nicht nur literarisch, sondern auch bildlich in Stahlstichen und Gemälden verewigt.

In seinem Buch „Ferragus“ aus dem Jahr 1833 hat Honoré de Balzac eine Partie Boule in Faubourg Saint–Marceau beschrieben: „Dieser von seiner Lage her Paris beherrschende Ort wurde von Boule-Spielern eingenommen, alten grauen Gestalten voller Gutmütigkeit, braven Leuten, die uns an unsere Vorfahren erinnern und deren Physiognomien nicht mit denen ihres Publikums verglichen werden können(...).“ Balzac zeichnete hier ein Bild, das dem des heutigen Boule-Spielers in keiner Weise mehr gerecht wird. Denn was einst als ambitionierter Zeitvertreib begonnen hatte, entwickelte sich nach und nach zu einem Wettkampf, bei dem Nervenstärke ebenso viel zählt wie Geschick und ein hohes Maß an Erfahrung. Darin liegt bis heute seine Faszination.

Ab und an findet man auf französischen Flohmärkten noch gut erhaltene Boule-Kugeln mit schöner Patina vom jahrzehntelangen Gebrauch. Marcel Pagnol hat im 20. Jahrhundert in einer berühmten Szene das Boule-Spiel unsterblich gemacht: Wie in der Verfilmung von „Fanny“ aus dem Jahr 1931 zu sehen ist, muss sogar die Straßenbahn warten, während eine Boule-Partie mit der nötigen Ernsthaftigkeit mitten auf den Schienen ausgetragen wird. Dass es grundsätzlich bei diesem ernsthaften Spiel dennoch gesellig zugeht, hat seine Anziehung über lange Zeit eher erhöht.

Boule gehört – obwohl es weltweit gespielt wird – zu Südfrankreich wie Pastis und die Zikaden. Die erste offizielle Boule-Vereinigung unter dem Namen „le Clos Jouve“ wurde jedoch weiter nördlich, 1850 in Lyon gegründet. Von dort ging das „jeu national“ aus, dem das „jeu provençal“ gegenüberstand.

Die Sache mit den Kugeln

Worum es beim Boule-Spiel geht, ist rasch erklärt: In der auch wettbewerbsmäßig international häufig gespielten Version hat jeder Spieler drei Kugeln, die mit Geschick und Können möglichst nahe an die kleinere Zielkugel gebracht werden sollen. Oder wie es der „Kleine Illus- trierte Larousse“ so treffend umschreibt: „Das Boule-Spiel hat seinen Ursprung im Süden Frankreichs; das Ziel ist dabei eine kleinere Holzkugel, ‚cochonnet‘ genannt. Gespielt wird auf einem nicht präparierten Untergrund.“ So kurz, so gut und dennoch gibt es eine Reihe von Regeln, die es zu beachten gilt.

Unter den zahlreichen Varianten blieb die Lyonnaiser Spielart bis in das 20. Jahrhundert bestimmend. Dennoch gab es daneben zahlreiche regionale Formen, darunter das populäre „jeu provençal“, bei dem das Terrain frei gewählt wurde. Der Spieler holt dabei mit drei Schritten Schwung, um die Kugel mit einem gezielten Wurf dem „cochonnet“ möglichst nahe zu bringen oder aber auch gegnerische Kugeln gekonnt aus dem Feld zu schlagen.

Spielte man zunächst noch – aus Kostengründen – mit reinen Holzkugeln, so kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kugeln auf, die einen gedrechselten Kern aus möglichst zähem Holz besaßen. In Heimarbeit wurden diese hölzernen Kugeln von den Männern gedrechselt, das akkurate Beschlagen mit eisernen geschmiedeten Nägeln, die der Kugel einen oft schuppenartigen Panzer verliehen, übernahmen die Frauen. Teils waren solche Kugeln auch monogrammiert und wiesen graphische Muster auf, um sie von jenen des Spiel-Gegners unterscheiden zu können.

Boule oder Pétanque?

Der gleichbedeutend für das Boule-Spiel verwendete Begriff „Pétanque“ ist vergleichsweise jungen Ursprungs. Er wurde um 1907 im Boulodrome von La Ciotat geprägt. Der Überlieferung nach plagte den Champion Jules Hugues dermaßen der Rheumatismus, dass es ihm unmöglich war, mit den vorgeschriebenen drei Schritten den notwendigen Schwung zu holen. Stattdessen wurde aus Gründen der Chancengleichheit mit „ped tanca“ (pieds joints) gespielt, was auf Deutsch so viel wie „mit geschlossenen Füßen“ heißt. In einem Kreis stehend, wurde so zu einem gezielten Wurf angesetzt. Von dieser provenzalischen Bezeichnung leitet sich also der Begriff „Pétanque“ ab.

Ende der 1920er Jahre kamen die ersten Stahlkugeln zum Einsatz, auch Bronzekugeln wurden beim Spiel verwendet. In der Regel liegt heute die Größe der Kugeln zwischen 7,5 und 8,0 cm und ihr Gewicht zwischen 650 und 800 Gramm. Ob man nun „harten“, „mittelweichen“ oder „weichen“ Kugeln – letztere besitzen eine gewisse Elastizität – den Vorzug gibt, hängt allein vom Spielstil ab.

Wettbewerbsmäßig haben sich mittlerweile international weit über eine halbe Million Spieler dem Boule-Spiel verschrieben. Und das nicht nur in frankophilen Regionen, sondern vermehrt auch in Österreich. So gibt es speziell in Wien und Salzburg Boule-Vereine, die auf Profi-Ebene auch international erfolgreich sind. Obwohl wettkampfmäßig gemischte Teams, also Männer und Frauen gemeinsam antreten, ist Boule noch immer eher eine Männer-Domäne. Aber auch wenn man Boule eher als Ausgleich und nicht wettkampfmäßig betreibt, bietet das Spiel eine Menge Abwechslung für alle Altersgruppen. Ein charmanter Zeitvertreib ist es allemal.

www.obut.com – Führender Hersteller von Boule-Kugeln

www.boule.at – Österreichischer Pétanque Verband

www.carrepetanque.fr – Museé Pétanque/Saint-Bonnet-Le-Château

Thomas Kahler, Ärzte Woche 24/2015

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