zur Navigation zum Inhalt
Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 18. Mai 2015

Ohne Reue

Nur wer richtig sündigt, kann sich in Reue üben. Diese wiederum ist Voraussetzung für die ärztliche Absolution.

Die Kampagne „Sonne ohne Reue“ erfreut sich nicht zuletzt deshalb großer Beliebtheit, weil sich ein solcher Slogan leichter merken lässt, als „Protektion dermatopathologischer Läsionen durch UV-Karenz“. Man vermittelt damit nämlich auch die frohe Botschaft, dass Dinge nicht prinzipiell verboten sein müssen, so man sie im vernünftigen Ausmaß betreibt. Während Initiativen, wie „Sonnenbaden pfui Teufel“ zum Scheitern verurteilt sind, freut man sich über einen gewissen freien Spielraum. Darin kann jeder seine persönliche Haut durch sanfte Dosissteigerung der Sonnenbestrahlung beliebig von rohem auf verbranntem Zustand hinauf titrieren.

Da die Sonne auf dieser Erde quasi ubiquitär scheint, außer vielleicht in der Nacht und an Urlaubsorten, hat es auch Sinn, diesen Stern nicht kategorisch zu verbieten. Sonnenstrahlen gehören nun mal zum Leben dazu, sind überdies auch gesund und schaden nur, wenn man den ästhetischen über den gesundheitlichen Anspruch stellt.

Bei anderen Dingen, die die Herzen potenzieller Patienten mehr erfreuen, als jene der Ärzte, sieht die Sache schon anders aus. Dabei ist man auch deutlich restriktiver. Vergebens sucht man Gesundheitsinitiativen wie „Rauchen ohne Reue“, „Kokain schnupfen ohne Reue“ oder „Ungeschützter Geschlechtsverkehr beim volltrunkenen Rudelbumsen auf Mallorca ohne Reue“. Der erzieherische Effekt eines totalen Abratens der erwähnten Praktiken ist freilich geringer, als die Empfehlung, man dürfe zwar, aber eben nur mit Maß und Ziel. Man muss seine Kundschaft eben dort abholen, wo sie sich befindet. Sei es im Solarium, in der Raucherlounge, im Backstage-Bereich der Veranstaltung „Rock gegen Drogen“ oder am Strand von Palma.

Auch hängt es von den folkloristischen Bräuchen ab, was nun aus medizinischen Gründen verboten werden darf. Und da auf den heimischen Almen kaum Tabak gedeiht, die trinkfreudigen Österreicher jedoch flächendeckend Wein anbauen, wird das Eine verboten, beim Anderen jedoch nur vor Übermaß gewarnt. Obwohl es vom Genuss zum Vollrausch nur ein paar wenige Promille sind.

Unseren Patienten die schlechten Angewohnheiten zu untersagen, bringt also wenig. Weitaus wirksamer ist es, wenn sie sündigen und dabei Reue empfinden. Denn nur dann kann es eine Vergebung der Sünden durch die Mediziner geben. Bei der ärztlichen Beichte ist satt 100-maligem „Gegrüßet seist du, Maria!“, die brave Einnahme der verordneten Medikamente erforderlich. Eine für alle Seiten akzeptable Buße, um zur Absolution zu gelangen.

Personen, die das Risiko der Sonne kennen, sich daher mit Lichtschutzfaktor 1.000 eincremen, ausschließlich unter Sonnenschirm, Handtuch und Luftmatratze liegen und aus Prinzip das klimatisierte Hotelzimmer nicht verlassen, werden wohl tatsächlich nicht in Verlegenheit kommen, später etwas bereuen zu müssen. Außer vielleicht ein recht blasses Leben geführt zu haben.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben