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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 11. Mai 2015

Jakobsdoktor

Wenn Sie diese Kolumne lesen, bin ich wieder mal weg und wandere den Jakobsweg im fernen Spanien entlang.

Dass ich einmal zu einem passionierten Pilger und erfahrenen Weitwanderer werden würde, hätte ich mir vor ein paar Jahren noch nicht gedacht. Ich habe mich vorwiegend als Kopfmensch gesehen, wie man auch am wöchentlich in dieser Kolumne abgebildeten Konterfei sieht, das den Bereich unterhalb des Halses konsequent ausblendet. Menschen, die freiwillig auf kilometerweiten Pfaden zentimetergroße Blasen akquirieren, waren mir höchst suspekt. Viele hundert Kilometer und einige Dutzend Blasen später wurde ich selbst zum Suspekten.

Dass ich dieses Jahr auch noch den Halbmarathon gelaufen bin, macht mich nun endgültig zu einem neuen, noch etwas fremden Wesen, in das ich erst hineinwachsen muss. Aus dem Spiel, mich zu verkleiden, wie ein Läufer, mir eine Startnummer ans T-Shirt zu heften, wie ein Läufer und halbe Bananen zu verzehren, wie ein Läufer, wurde die ernste Erkenntnis, plötzlich auch ein Läufer zu sein. Ich wurde auch nicht, wie befürchtet, während der Veranstaltung als Nicht-Läufer enttarnt und wegen mangelnder Zugehörigkeit von den echten Läufern empört aus dem Bewerb verbannt.

Jetzt bin ich also jemand, der aus seinem reichen Erfahrungsschatz plaudern darf, Tipps geben, wie man am besten Erleuchtung findet, welche Pilgermenüs anzuraten sind, in wieweit sich tatsächlich ungewaschene Socken als Prophylaxe für wunde Füße eignen und ob es jetzt die neue Job-Description für Comedians ist, den Jakobsweg zu gehen. Genauso kann ich nun über die besten Trainingspläne für Langstreckenläufe referieren, die Qualität der unüberschaubaren Sorten von Müsliriegeln, anaerobe und aerobe Verbrennungsmechanismen, die Effizienz von Pulsuhren und die Frage, ob es den Mitläufern zumutbar ist, die ungewaschenen Socken vom Jakobsweg auch während des Marathons zu tragen.

Ich bin nun also um einige Lebenserfahrungen reicher und so gerne ich als allwissender Experte nun Weisheiten von höchster Güte absondern könnte, möchte ich an dieser Stelle an all die Fragenden eine einzige Empfehlung abgeben: Probiert es selber! Muss ja kein Marathon sein. Und kein Pilgerweg. Aber vielleicht etwas anderes, das einem aus der Komfortzone an und über seine Grenzen führt: mit dem Rucksack durch unentdeckte Gebiete, die Mongolei, den Regenwald oder das Allgemeine Krankenhaus, je nach Mut ein Sprung aus der Stratosphäre oder von der Kinderschaukel; und für all die Läufer und Geher: einmal in Ruhe zu verharren. Das kann auch ganz schön abenteuerlich sein.

Die Einsicht, nicht erst das gesamte Universum bewegen zu müssen, um eine Veränderung überhaupt zu bemerken, sondern es oft nur einen kleinen Schritt braucht, der einen vom Couch-Potato zum Sportler, vom Kunstbanausen zum Maler, vom Molekularbiologen zum Wunderheiler verwandelt, macht es zunehmend reizvoller, Schritte zu tun. Wozu haben wir denn unsere Füße?

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