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Statt im Straßenkreuzer im Kleinstwagen: Cary Grant lässt die Isetta glamourös wirken.

Passend zum Lebensstil der 1950er Jahre: Die BMW Isetta Standard.

Nahezu komfortabel: Blick in dasInnere der BMW Isetta

© BMW AG (5)

Sportlich, sportlich: Iso Isetta bei der Mille Miglia 1954.

Schön schlicht: Lenkrad, Schaltung und Tachometer.

 
Leben 4. Mai 2015

Klein, aber oho!

Vor 60 Jahren hatte die BMW Isetta ihren ersten Auftritt. Heute zählt sie zu den automobilen Design-Klassikern der 1950er-Jahre.

Der Traum von einem wind- und wettergeschützten fahrbaren Untersatz blieb für viele bis in die 1950er-Jahre unerschwinglich. Kleinstwagen wie die BMW Isetta waren der erste Schritt zur Verwirklichung automobiler Wunschträume.

Wer dem Namen nach einen rassig-sportlichen Kleinwagen mit italienischem Temperament erwartet, der wird zunächst enttäuscht. Dennoch konnte das kugelige Gefährt bei der Premiere rasch erhebliche Sympathien für sich verbuchen. All jene, die lieber gleiten als hetzen, sind bei einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auch heute noch damit bestens bedient. Ungewöhnlich ist an diesem Gefährt so manches: Da wäre zunächst die Fahrertür an der Fahrzeugfront zu nennen, durch die man in das Innere des eiförmigen Gefährts gelangt. Die findigen Isetta-Konstrukteure haben dort auch das Armaturenbrett angebracht. Ein ausgeklügelter Mechanismus sorgt dafür, dass beim Ein- und Aussteigen die Lenksäule nicht im Weg ist. Auch sonst hat die Kleine alles, was ein anständiges Auto braucht, obwohl das Platzangebot durchaus beschränkt ist. Zu zweit kommt man sich in der Isetta gezwungenermaßen näher.

Not macht erfinderisch

Ihre Existenz verdankt die Isetta dem Absatzproblem auf dem Motorradsektor Mitte der 1950er-Jahre, das alle Zweiradhersteller traf. Die unmittelbare Nachkriegszeit war zunächst von einem wahren Zweiradboom geprägt. Speziell Motorräder und Roller der beliebten leichten Klassen von 98 ccm bis 250 ccm sah man überall auf den Straßen. In Österreich liefen überwiegend 125er-, 175er- und 250er-Modelle von Puch aber auch BMW, Horex und manch englischer Viertakter. Mitte der 1950er-Jahre begann der Absatz auf dem Zweiradmarkt zu stocken: Mit dem aufkeimenden Wirtschaftswunder kam auch der Wunsch nach einem fahrbaren wetterfesten Untersatz. Motorradgespanne boten nur einen Kompromiss.

Das fahrbare „Dach über dem Kopf“ sollte stattdessen automobilähnlich sein; schließlich wollte man damit zeigen, dass man sich etwas Besseres als nur ein Zweirad leisten konnte. Für Kleinwagenhersteller tat sich folglich ein neues Feld auf und auf heimischen Straßen waren alsbald aus heutiger Sicht kuriose Gefährte unterwegs. Das war zum einen der Puch 500, eine Lizenzfertigung des Fiat 500. Zu ihm gesellten sich das Goggomobil aus dem Niederbayerischen Dingolfing und beispielsweise der Messerschmitt Kabinenroller, ein eigenwilliges Dreirad, dessen Fahrgastzelle wie eine Pilotenkanzel auf Rädern wirkt. Das Fahrvergnügen in solch einem Gefährt war zwar mehr als abenteuerlich, aber schließlich war auch das Verkehrsaufkommen weit geringer.

Damals schon exotisch wirkten der Heinkel Kabinenroller und der Zündapp Janus. Dessen Modellbezeichnung deutet es schon an: Fahrer und Beifahrer blickten nach vorne, die Mitfahrer auf der Rückbank hatten das Vergnügen nach hinten hinaus zu sehen. In der Praxis bewährte sich dieses Konzept jedoch nicht, die Verkaufszahlen blieben in Österreich und Deutschland weit hinter denen der Isetta zurück.

Rollendes Unikum

Die Isetta wurde zunächst in Italien bei ISO Spa entworfen und gebaut. 1953 feierte sie auf der Automobilmesse in Turin, mit einem Zweitakt-Motor ausgestattet, ihre Premiere. Erst zwei Jahre später entschied man sich in der BMW-Zentrale in München, sie in einer 250er- und 300er-4-Takt Version in Lizenz zu fertigen. Auch in Belgien, Brasilien, England, Frankreich und Spanien setzte man auf die Stärken dieses Kleinstwagens. Grundlage dafür war dessen solide Technik in einem ansprechend-attraktiven Blechkleid.

In Zweifarblackierung sah die Isetta sogar noch sportlicher aus, als sie tatsächlich war. Wahrscheinlich war das mit ein Grund dafür, dass kein anderer Kleinstwagen aus den 1950er-Jahren in einer solch hohen Stückzahl gebaut – und verkauft – wurde. Lieferbar war dieses charmante Gefährt auch mit einem Faltdach, wodurch sich der Fahrspaß deutlich erhöhte. Man hatte dabei übrigens auch an die Sicherheit gedacht; Bei einem Unfall sollte es den Insassen möglich sein, sich durch die Öffnung im Dach zu retten.

Die Motorisierung erfolgte durch das adaptierte Triebwerk der BMW R 25 mit 13 PS, die größere Version lieferte 1,2 PS mehr. Nur in Österreich gab es eine dreirädrige Version, weil dafür der Motorradführerschein allein ausreichte. Ableiten ließ sich diese Regelung von den ebenfalls dreirädrigen Motorrad-Gespannen. Eine Iso Isetta kam 1954 im Rahmen der Mille Miglia sogar zu Rally-Ehren. Wie sich die „1000 Meilen“ bei solch beengten Platzverhältnissen für Fahrer durchstehen ließen, ist fast unvorstellbar. Und doch konnte dieser Leistungsbeweis unter härtesten Bedingungen sogar Skeptiker von den Vorzügen dieses Kleinstwagens überzeugen. Noch heute gehen Isettas regelmäßig bei der Mille Miglia an den Start und sorgen damit für das besondere Flair dieser historischen Rally.

Nach 161.728 gebauten Isettas und zuletzt einer vergrößerten Version, dem BMW 600, war 1962 Schluss; der neue BMW 700 übernahm nun die Rolle als Einstiegsmodell. Immer wieder wurden in Zeiten hoher Benzinpreise und drohender Einschränkungen des Individualverkehrs Stimmen nach einem Isetta-Revival laut. Am ehesten erfüllt dies – auch wenn er mit der Isetta rein gar nichts mehr zu tun hat – der BMW i3, ein 5-Türer mit Elektroantrieb. Warum man allerdings designmäßig dabei nicht andere, attraktivere Wege gegangen ist, bleibt ein Rätsel. Im Gegensatz dazu blieb die Isetta aber nicht nur für Nostalgiker ein wunderbares Fahrzeug, auch Sammler haben das kuriose Gefährt, dessen Marktwert längst im Steigen begriffen ist, für sich entdeckt. Tatsächlich findet sich nahezu überall für eine Isetta immer noch Platz.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 19/2015

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