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© Magdalena Fischer
Der Schädel eines Neugeborenen ist im Verhältnis zum Durchmesser des Geburtskanals sehr groß.
 
Leben 4. Mai 2015

Lösung für Geburtsdilemma

Zusammenhang zwischen Becken, Kopf- und Körpergröße beim Menschen erleichtert Geburt.

Köpfe von Neugeborenen sind im Verhältnis zum engen Geburtskanal des Beckens sehr groß, was den Geburtsvorgang langsam und schwierig macht. Forscher aus Wien haben nun die bislang unbekannten Anpassungen in unserem Körperbau gefunden, die das Geburtsdilemma erleichtern. So haben z. B. Frauen mit großen Köpfen tendenziell ein kürzeres Kreuzbein und mehr Platz im Geburtskanal.

Als im Lauf der Hominidenevolution der aufrechte Gang entstand, veränderte sich auch die Form des Beckens. Erst nachdem der aufrechte Gang lange etabliert war, nahmen die Gehirne nach und nach an Volumen zu. Damit wurden auch die Köpfe der Neugeborenen größer. Diese wachsenden Köpfe mussten aber durch ein enges Becken hindurch geboren werden, das bereits an den aufrechten Gang angepasst war. Dies hat bis heute schwerwiegende Konsequenzen: Die Mortalität von Frauen in Entwicklungsländern, die bei der Geburt keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben und wo keine Kaiserschnitte durchgeführt werden können, ist nach wie vor sehr hoch.

Barbara Fischer, Evolutionsbiologin an der Universität Wien und an der Universität Oslo, hat die Auswirkungen dieser andauernden starken Selektion durch die Geburt auf den menschlichen Körperbau näher untersucht. Zusammen mit dem Anthropologen Philipp Mitteröcker analysierte sie 3D-Daten des menschlichen Beckens ( PNAS 2015; online 20. April ). Mithilfe dieser Daten konnten sie eine komplexe Verbindung zwischen der Gestalt des Beckens, der Körpergröße und dem Kopfumfang identifizieren, die dazu beiträgt, das Geburtsdilemma zu verbessern. Die Dimensionen von Kopf und Körpergröße variieren laut diesen Ergebnissen nicht unabhängig von der Gestalt des Beckens der Frauen, sondern sind damit verknüpft: Da die Größe des menschlichen Kopfes zu einem hohen Anteil erblich ist, bringen Frauen mit großen Köpfen tendenziell Kinder mit großen Köpfen zur Welt. „Wir fanden heraus, dass Frauen mit großen Köpfen einen Geburtskanal besitzen, der so geformt ist, dass ihn Neugeborene mit großen Köpfen leichter passieren können“, erklärt Fischer: Das Kreuzbein ist bei diesen Frauen kürzer und lässt mehr Platz im Geburtskanal.

Aus der Literatur ist bekannt, dass kleine Frauen im Durchschnitt schwierigere Geburten haben und ein höheres Risiko tragen, dass der Fötus bei der Geburt nicht durch den Geburtskanal passt. Die Wiener Studie konnte zeigen, dass kleine Frauen außerdem einen runderen Geburtskanal besitzen – eine Anpassung an den stärkeren Selektionsdruck, dem kleine Frauen ausgesetzt sind.

CL/Uni Wien, Ärzte Woche 18/2015

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