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© Alfred Galik/Vetmeduni Vienna
Ausgegrabenes Kamelskelett aus Tulln an der Donau.
 
Leben 7. April 2015

Kamelskelett in Tulln gefunden

Wiener Archäologen haben das exotische Tier im komplett erhaltenen Zustand ausgraben können.

Im Zuge einer Rettungsgrabung im niederösterreichischen Tulln an der Donau fanden Archäologen ein komplettes Kamelskelett. Das Tier stammt aus der Zeit der zweiten Türkenkriege im 17. Jahrhundert. Der Fund gilt als einmalig im Mitteleuropa.

„Das erst teilweise freigelegte Skelett wurde ursprünglich für ein Pferd, oder ein großes Rind gehalten“, erinnert sich der Archäozoologe Alfred Galik vom Institut für Anatomie, Histologie und Embryologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Ein Blick auf die Halswirbelsäule, den Unterkiefer und die Mittelhand- und Mittelfußknochen brachte sofort Klarheit. Es handelte sich um ein Kamel.“ Kamelknochen sind in Europa bereits ab der Römerzeit nachweisbar. So sind beispielsweise aus Mauerbach bei Wien, Serbien und Belgien solche Teilfunde bekannt. Ein komplettes Kamelskelett ist für Mitteleuropa bislang einzigartig.

Neben Pferden waren Kamele wichtige Reit- und Transporttiere im Osmanischen Heer. Im Bedarfsfall diente das Fleisch der Wüstenschiffe auch als Nahrung für die Armee. Das in Tulln gefundene Skelett war jedoch vollständig. „Das Tier wurde also nicht geschlachtet und in seine Einzelteile zerlegt. Es stammte möglicherweise aus einem Tauschhandel“, so der Erstautor Galik. Umfangreiche DNA-Analysen ergaben, dass es sich bei dem Tier um ein Hybrid handelt: Die Mutter war ein Dromedar, der Vater ein Trampeltier. Die genetische Diagnose stimmt auch mit den morphologischen Merkmalen eines Hybriden überein. Einige Merkmale sind einem Dromedar, andere wiederum einem Trampeltier zuzuordnen. „Zur damaligen Zeit war diese Kreuzung nichts Ungewöhnliches. Hybriden waren genügsamer, ausdauernder und größer als ihre Mutter- und Vatertiere. Für das Heer waren diese Tiere also besonders geeignet“, erläutert Galik. Das Kamel war männlich, etwa sieben Jahre alt und höchstwahrscheinlich kastriert.

Bei den Ausgrabungen wurden neben Tierknochen und Keramikgeschirr noch weitere Stücke gefunden. Ein sogenannter „Rechenpfenning“ aus der Zeit König Ludwig XIV grenzt den Fund auf die Jahre 1643 bis 1715 ein. Ein mit Theriakum, einem mittelalterlichen Allheilmittel, gefülltes Fläschen aus der „Apotheke zur Goldenen Krone“ in Wien wurde ebenso am Ausgrabungsort gefunden. Die Apotheke gab es in Wien in den Jahren 1628 bis 1665. Somit konnte der Fund zeitlich gut eingeordnet werden.

Originalpublikation: PLoS ONE 10(4): e0121235

Vetmed Uni Wien, Ärzte Woche 15/2015

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