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Landauer des Wiener Hofes Wien, um 1814, Kaiserliche Wagenburg Wien

 

 
Leben 7. April 2015

Fahr’ ma, Euer Gnadn!

Ein würdevoller Aufrtitt: Die Ausstellung "der Kongress fährt" in der kaiserlichen Wagenburg Wien.

Der Wiener Kongress 1814/15 tagte und tanzte nicht nur: Die internationalen Repräsentanten, darunter 13 Fürsten und Fürstinnen, wollten auch ihrem Stand entsprechend kutschiert werden.

Es war ein Ereignis der Superlative, in dessen Verlauf die Weichen nach dem endgültigen Sieg über Napoleon für die Zukunft Europas gestellt wurden. Ursprünglich war dieses „Fürstentreffen“ auf sechs bis acht Wochen anberaumt. Doch bald schon zeigte sich, dass über die zukünftigen territorialen Ansprüche und Einfluss-Sphären der einzelnen Großmächte keine Einigkeit bestand: Österreich, England und Frankreich konferierten mit Russland um Preußen über das Schicksal von Polen und die Zukunft von Sachsen. Die Hoffnung auf ein rasches einvernehmliches Übereinkommen zerschlug sich alsbald.

Die mittelalterlich geprägte, von Mauern und dem Glacis umschlossene Reichshauptstadt mit ihren insgesamt 250.000 Bewohnern und Kaiser Franz I. hatte nun völlig neuen Herausforderungen zu begegnen. Mit 400 Reisekutschen waren die Kongressteilnehmer nach Wien gekommen, diese stabilen Gefährte galten jedoch in der Stadt als nicht standesgemäß. Noch dazu musste für die Dauer des Friedenskongresses eine für deren Unterstellung geeignete Remise errichtet werden. Dies stellte Obersthofmeister Ferdinand Fürst Trauttmansdorff, der eine der vier höchsten Stellungen am Hofe bekleidete, vor eine gänzlich neue Aufgabe, die es zeitgerecht zu bewältigen galt. In weiser Voraussicht hatte er sich rechtzeitig auch bereits um die notwendigen Quartiere für die internationalen Gäste gekümmert. Den kaiserlichen Fuhrpark samt seiner Bediensteten nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren wieder in Schuss zu bringen, war eine Sache, diesen ersten internationalen Kongress transportlogistisch vorzubereiten und zu organisieren erforderte zusätzlichen erheblichen Aufwand und dementsprechend hohe Kosten.

Trauttmansdorff brachte es zuwege, dass in nur vier Wochen 167 elegante Kutschen gehalten im dunkelgrünen Farbton des Wiener Hofes gebaut wurden. Sie standen während der Dauer des Kongresses den internationalen Gästen zu Verfügung. Ein logistisches Meisterstück war auch die Koordination der Fahrten, welche die hochstehenden Herrschaften in Anspruch nehmen konnten: Für die in der Hofburg untergebrachten Fürsten standen Equipagen und Kutscher rund um die Uhr parat. Alle anderen konnten auf einem Bestell-Formular den Ort und Zeitpunkt für Stadtfahrten angeben, nur 15 Minuten später stand ihnen die Kutsche zur Verfügung.

Mit Eleganz und Komfort

Mit aufwändigen Livreen betresste Dienerschaft sorgte dafür, dass es den edlen Herrschaften in den Prachtkutschen an nichts fehlte. In der Wagenburg befinden sich auch heute noch einige sehr schöne und darüber hinaus elegante Kutschen, die von handwerklich geschickten Wiener Stellmachern entworfen und gebaut wurden. Natürlich unterlagen auch diese Fahrzeuge der jeweiligen Mode, man schätzte jedoch Eleganz und Komfort, was auch im geschmackvoll ausgestatteten Inneren dieser „rollenden Salons“ zum Ausdruck kam. Die Federung der Kutschen war komfortabel, um den Insassen die Fahrt über die gepflasterten Straßen so angenehm wie nur irgend möglich zu machen. Blattfedern sorgten dafür, dass der an breiten und starken Lederriemen aufgehängte Kasten bestens gefedert wurde. An der Breite der goldenen Linierung der Räder konnte man zudem den Status dessen ablesen, der sich in der Kutsche befördern ließ. Die edlen Gefährte beanspruchten generell die Vorfahrt, die gewerblichen Fuhrwerker hatten das Nachsehen.

Bei aller Bequemlichkeit, welche diese edlen Gefährte ihren Insassen boten, hatten es dazu im Gegensatz die Kutscher auf dem Kutschbock nicht angenehm. Oft kam man nicht schnell genug voran, war Wind und Wetter sowie den Launen der Fahrgäste ausgesetzt. Für die anlässlich des Wiener Kongresses zusätzlich engagierten 200 Kutscher und die Pferdeknechte, die etwa 700 Kutschpferde zu versorgen hatten, bot dies über Monate hinweg jedoch wohl eine gute Einnahmequelle. Im Detail informiert diese Ausstellung darüber aber nur spärlich. Die „Berlinen“ welche Platz für vier Personen boten, die bei Bedarf zu öffnenden Landauer und die leichten „Pirutschen“, die am Hof gerne während des Sommers für Ausfahrten benutzt wurden, prägten das Bild der Residenzstadt.

Internationale Maßstäbe

Wie viele Besucher sich anlässlich des Wiener Kongresses in der Stadt aufhielten, darüber gibt es keine genauen Zahlen, aber die zeitgenössischen Schätzungen belaufen sich auf etwa 100.000. Die Adelspalais waren gut belegt, in den bürgerlichen Unterkünften gab es für den Kongresstross kaum mehr freie Plätze. Die Kongressteilnehmer erwarteten abseits von den zeitraubenden und anstrengenden Sitzungen auch Möglichkeiten zur Zerstreuung. Tanzveranstaltungen und Soireen sorgten für Abwechslung. Da mit einer Einigung aller Parteien vor Ende des Jahres 1814 nicht mehr zu rechnen war, organisierte Trauttmansdorff, um die erlauchten Gäste bei Laune zu halten, am 22. Jänner 1815 eine festliche Schlittenfahrt von Schönbrunn in die Innere Stadt. Die Prunkschlitten, von denen nur ein Exemplar erhalten ist, boten, besetzt mit den illustren Gästen, den Wienern und Wienerinnen ein prächtiges Schauspiel. Wer allerdings größere Freude daran hatte, jene, die bei klirrender Kälte in Felldecken gehüllt dahinfuhren, oder das Wiener Publikum, das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Insgesamt 38.000 reservierte Kutschenfahrten sind für die Dauer des Kongresses belegt. Der Wiener Kongress wurde auf diplomatischer wie auch auf gesellschaftlicher Ebene zum Ausnahmeereignis und setzte damit internationale Maßstäbe.

„Der Kongress fährt – Leihwagen, Lustfahrten und Luxus-Outfits am Wiener Kongress 1814/15“, bis 9. Juni 2015
www.kaiserliche-wagenburg.at

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