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© Claudia Hauer
Warzenkraut und Krötenstein: Ausstellungsansicht Heilpflanzen.
© NÖ Museum Betriebs GmbH, Johann Nesweda

Krötenstein: Eigentlich der Zahn fossiler Fische. In Gold oder Silber gefasst galt er als Universalheilmittel.

 
Leben 30. März 2015

Krötenmedizin

Über Jahrhunderte waren Volksmedizin und Aberglaube eng miteinander verknüpft. Die Ausstellung „Warzenkraut & Krötenstein“ im Landesmuseum St. Pölten gibt Auskunft über Heilkräuter und glaubensgebundene Methoden zur Heilung.

Vielfältige Einblicke in die Geschichte der Medizin und der Volksmedizin: Was schadet, was hilft? Über Jahrhunderte nahm man Zuflucht zu Naturheilmitteln und auch zu fragwürdigen Methoden des Kurierens.

Heilkundliches Wissen ist eine der großen Errungenschaften der Kulturgeschichte. Trepanationen etwa zählen zu den ältesten Eingriffen. Einige Personen, an denen vor über 2000 Jahren solche Operationen durchgeführt wurden, haben dies sogar kurzzeitig überlebt. Von einem tieferen Verständnis der ursächlichen Zusammenhänge war man jedoch noch weit entfernt.

Ursprünglich entwickelte sich das Wissen über heilkräftige Kräuter aus der Notwendigkeit heraus, ein körperliches Übel oder Gebrechen zu lindern, wenngleich oftmals mit einer Heilung nicht zu rechnen war. Über Jahrhunderte hinweg war die medizinische Versorgung ohnehin sehr eingeschränkt und das fundierte Wissen darüber eher spärlich verbreitet. Dabei gab es bereits in der Antike erste Ansätze zu einem tieferen Verständnis: Hippokrates von Kos, Ahnvater der Medizin, begründete die „Vier Säfte Lehre“. Ihr zufolge sollte die Ausgewogenheit von Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim das körperliche Wohlbefinden garantieren. Einer seiner Nachfolger, Pedanius Dioskurides gilt als erster Pharmazeut. Sein fünfbändiges Werk „de materia medica“ wurde auch von seinem Zeitgenossen Galenos von Pergamon als fundamental gewürdigt. Besonders die Heilkräfte von Arzneien tierischen Ursprungs wurden darin empfohlen.

Wertvolles Wissen

Im Mittelalter waren die Klöster der wichtigste Hort schriftlich festgehaltenen Wissens, das teils aus antiken teils aus arabischen Quellen stammte. So auch über heilkundliche Pflanzen. Auf dem Klosterplan von St. Gallen aus dem frühen 9. Jahrhundert ist bereits ein Kräutergarten verzeichnet. Der Abt des Benediktiner Klosters Reichenau, Wahlafrid von der Reichenau, genannt Strabo, verfasste um 840 das Werk „Liber de cultura hortorum“ über die Gartenpflege, in dem auch 24 Heilpflanzen und deren Anwendung, darunter Rettich, Minze, Mohn und Fenchel erwähnt sind. Der Universalgelehrten Hildegard von Bingen wird eine umfangreiche Sammlung und Beschreibung von Heilpflanzen und deren Anwendung zugeschrieben, die auch heute noch zu Rate gezogen wird.

Die Kenntnis des menschlichen Organismus blieb äußerst ungenau, denn Obduktionen waren durch die Kirche untersagt. Der Glaube an die Ähnlichkeitslehre, nach der Ähnliches mit Ähnlichem kuriert werden sollte, wirkt heute abstrus: schnell und elegant fliegende Schwalben sollte man verzehren, um Schwindel vorzubeugen oder bei Hörschwäche Hasenurin zu sich nehmen, da Hasen mit ihren großen Ohren besonders gut hören. Paracelsus hingegen stand der Signaturenlehre nahe. Nach dieser Auffassung stand alles miteinander in Beziehung. Um Leiden wirksam zu kurieren, war dies ein erster wissenschaftlicher Ansatz.

Volksmedizin und Aberglaube

Kräuterkundige Männer und Frauen bildeten neben den Klosterkräutergärten und den schriftlichen Quellen einen Hort des Wissens, der nur durch mündliche Überlieferung weitergegeben wurde. Das war mitunter riskant, denn viele Heilkundige wurden in der Zeit der Hexenverfolgung denunziert und verloren ihr Leben. Im Krankheitsfall war das Hinzuziehen von Heilkundigen ohnehin kostspielig.

Bei Seuchen wie Pest, Typhus oder Cholera waren selbst Ärzte lange Zeit ratlos und überfordert. „Hausmittel“, um beispielsweise Schmerz oder Blutungen zu stillen, sowie auch fiebersenkende Heilpflanzen hatte man parat, das Wissen darüber wurde mündlich weitergegeben.

Unter heutigen medizinischen Gesichtspunkten ist vieles davon mit Aberglauben verbunden. Zum Schutz oder zur Heilung sollten etwa die aus dem alpenländischen Bereich stammenden, mit Amuletten bestückten „Fraisketten“ beitragen. Auch sogenannte „Wendesteine“ und „Stallbetn“ sollten nicht nur einen selbst, sondern auch das Vieh vor Krankheiten schützen. Eine ähnliche Aufgabe hatten Votivgaben: Nachgebildete Körperteile aus Silberblech oder rotem Wachs sollten an Wallfahrtsorten bei den unterschiedlichsten Leiden und Gebrechen helfen. Im Volksglauben hielt sich die Wirksamkeit dieser Mittel über Jahrhunderte hinweg. Das „Wenden“ und Warzenwegsprechen galt als wichtiger Bestandteil der Volksmedizin, Theriak als Allheilmittel, Holler als mächtige Heilpflanze. Dabei ging es um die Abwehr von Unbill und Krankheiten und den Schutz von Haus und Hof. Auch darüber gibt diese informative Schau umfassend Auskunft.

Warzenkraut & Krötenstein

Natur in Volksmedizin und Aberglaube

Bis 7. Februar 2016

www.landesmuseum.net

Thomas Kahler, Ärzte Woche 14/2015

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