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Adolf Loos, Schlafzimmer in der Wohnung Lina und Adolf Loos, Wien I., Bösendorferstraße 3, 1903 (Rekonstruktion)
© (2) Birgit und Peter Kainz/MAK

Margarete Schütte-Lihotzky: Wohnung der berufstätigen alleinstehenden Frau, 1927-1928 (Rekonstruktion)

 
Leben 26. März 2015

Wege der Moderne

Zum 150-jährigen Jubiläum der Ringstraße zeigt das MAK in Wien Stilpositionen von Hoffmann und Loos.

Zwei Persönlichkeiten – zwei Wege wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: anhand der gegensätzlichen Positionen von Josef Hoffmann und Adolf Loos zeichnet die Ausstellung im MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst in Wien die Wege nach, die für die Österreichische Moderne im 20. Jahrhundert bestimmend waren.

In Wien lebt man mit Otto Wagner, Adolf Loos und Josef Hoffmann durchaus kommod. Man ist es gewohnt, die von ihnen entworfenen Ikonen der österreichischen Architekturgeschichte um sich zu haben. Dies führt mitunter zu fataler Achtlosigkeit und garantiert nicht immer die entsprechend hohe Wertschätzung. Unter diesem Aspekt ist die gegenwärtige Ausstellung ein Weckruf und noch dazu ein sehr fundierter.

Das Konzept ist nicht nur schlüssig durchdacht, sondern ebenso ansprechend und informativ umgesetzt. Die grundsätzlichen Fragen sind klug gestellt und werden umfassend beantwortet, sie inspirieren dazu, wieder einmal einen frischen Blick auf das architektonische und gestalterisch reiche Erbe von der Wende zum 19. Jahrhundert bis an die Schwelle zur Moderne zu werfen. Dies grundsätzlich an bekannten Erzeugern und Entwerfern dieser Zeit festzumachen, ist legitim und notwendig. Nur so erschließen sich die wesentlichen, parallel laufenden, teils sich aber auch überschneidenden Entwicklungslinien.

Am Beispiel Wien und seines reichen kulturellen Lebens wird der Übergang von der Residenzstadt zur Weltstadt eindrucksvoll klar dargestellt. Treibende Kräfte gab es wahrhaft genug, um diesen Prozess, der über das 19. Jahrhundert hinweg wirksam war, voran zu treiben. Die Grundlagen hierfür sind bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert zu suchen: Die Entwicklung von günstiger herzustellenden Ersatzstoffen und handwerklichen Imitationstechniken ermöglichte eine stärkere Individualisierung von Produkten, mit dem reicheren Angebot gab es mit einem Mal eine ungeahnte Auswahl.

Geschmack und Stil

Die Vorgeschichte der Wiener Moderne liegt im 19. Jahrhundert, in der Zeit des Übergangs von den Manufakturen zu der immer stärker sich durchsetzenden Industrialisierung des Gewerbes. Bereits in der Zeit des Vormärz konnte auch das Bürgertum aus Musterbüchern Dessins aussuchen, wählten Betuchte etwa ihr Mobiliar beispielsweise aus den Danhauser‘schen Katalogen dem eigenen Geschmack und den individuellen Vorstellungen entsprechend aus.

Das Formenrepertoire hatte schon während des Klassizismus erheblich an Umfang gewonnen. Maßgebend für die umfassendere Geschmacksbildung war der auf die Initiative Kaiser Franz I. zurückgehende Aufbau der Sammlung des k.k. Nationalfabriksprodukten-Kabinetts, das ab 1815 im k.k. polytechnischen Institut untergebracht war. Die von 1835 bis 1845 veranstalteten „allgemeinen österreichischen Gewerbsprodukten-Ausstellungen“ waren als nationale Leistungsschau gedacht. Sie brachten zudem erstmals Publikum direkt in den Kontakt mit einer Fülle an gewerblich erzeugten Produkten und boten überdies eine reiche Auswahl. Das neue Credo lag nun im Konsum unterschiedlicher Stile.

Mit der Hinwendung zum Historismus und dessen eklektizistischem Formenrepertoire, das kaum mehr einen reinen originären Stil zuließ, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts ein neuer Weg eingeschlagen. Man baute und entwarf historistisch, selbst Schreibtische oder Kaffeegeschirr zierte neugotisches Maßwerk. Die ursprüngliche Absicht, historisch gewachsene Stile neu zu beleben, führte im Endeffekt zu einem reinen Formschematismus, in dem sogar unterschiedliche Stile miteinander vermengt wurden.

Der Weg in die Moderne

Das Verdienst Otto Wagners war es, das Fundament dafür zu legen, dass sich aus der historistischen Sackgasse neue Wege entwickeln konnten, die maßgebend dazu beitrugen, die Wiener Moderne vorzubereiten. Wagner selbst sprach von einer „Renaissance“, einem gereinigten Stil, was auch in seiner Bemerkung „Etwas Unpraktisches kann nie schön sein“ klar zum Ausdruck kommt. Damit ist im Grunde bereits jene Zäsur angesprochen, welche die Wiener Moderne von Anfang an beherrschte und die bei deren Protagonisten Josef Hoffmann und Adolf Loos zu einem durchaus heftigen Schlagabtausch führte: „Während die Secession einen neuen Stil sucht, fordert Loos einen neuen Menschen“, so MAK-Kurator Christian Witt-Dörring in seinem Katalogbeitrag zur Ausstellung.

Individualität spricht im Fall der Secessionisten und bei den Vertretern der Wiener Werkstätte aus ebensolchen künstlerischen Lösungen. Loos hingegen vermied alle kurzzeitigen Moden, sein Ansatz war umfassend kulturkritisch und universell. Dies lässt sich gut an den Gegenüberstellungen von Entwürfen, Modellen und den beiden Schlafzimmereinrichtungen, die in Raumrekonstruktionen in der Ausstellung zu sehen sind, ablesen: Adolf Loos‘ eigenes Schlafzimmer und der Entwurf Josef Hoffmanns für die Familie Salzer verdeutlichen die Auffassungsunterschiede. Der „Realität des Alltags“ wie sie Loos propagierte, stellte Hoffmann das architektonische Gesamtkunstwerk als „individuell künstlerischen Ausdruck“ gegenüber. Der Richtungsstreit, der daraus entbrannte, hat die nachfolgenden Entwicklungen grundsätzlich geprägt. Die „Neuen Wiener Wege“, die in der Folge von Oskar Strnad, Margarete Schütte-Lihotzky, Josef Frank, Franz Singer und Friedl Dicker sowie Ernst A. Plischke beschritten wurden, zeigen, welch eindrucksvolle Entwicklungsmöglichkeiten in der Ersten Republik bis zum Anschluss an das Deutsche Reich herrschten.

Das abschließende Ausstellungskapitel schlägt dann den Bogen bis in die Gegenwart und speist sich aus Reminiszenzen und nicht immer überzeugenden Neuinterpretationen dieses Erbes.

Bis 19. April 2015

www.mak.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 13/2015

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