zur Navigation zum Inhalt
Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 16. März 2015

Semmelweis-Reflex

Der Widerstand gegen neue Ideen scheint tief in den Vorgesetzten dieser Welt verankert zu sein.

Neulich wurde mir die Ehre zuteil, auf einem internationalen Kongress für Hygiene moderieren zu dürfen. Dafür hatte ich nicht nur extra zuvor geduscht, sondern auch ein wenig über Herrn Semmelweis recherchiert. Schließlich haben diesem streitbaren Arzt viele Mütter zu verdanken, im Kindbett nicht das Zeitliche segnen zu müssen. Dass sich der Mediziner damals nicht allzu viele Freunde machte, lag vermutlich daran, die bei den Geburten anwesenden Studenten und Ärzte beschuldigt zu haben, die Unheilstifter zu sein. Ohne sich die Hände zu säubern, wechselten sie vom Seziertisch zur Entbindung. Ignaz Semmelweis empfahl den Wiener Damen, nach Möglichkeit Kreißsäle zu meiden, in denen Ärzte zugegen waren. Ein Fauxpas für eine Zunft, die sich noch heute ihrer sauberen Kittel rühmt.

Der Hygiene-Pionier hat es seiner Umgebung natürlich auch nicht leicht gemacht. Er beschimpfte den ehrwürdigen Stand der Ärzte als rückschrittlichen, verkorksten Haufen – mit dem Erfolg, keinen Erfolg gehabt zu haben. Denn ein „rücksichtlos“ oder „verkorkst“ hätten sie ja noch als ärztliche Tugenden irgendwie nachvollziehen können, den „Haufen“ wollten sie aber nicht auf sich sitzen lassen und setzten Semmelweis und seine Theorien vor die Tür. Trotz der offensichtlichen Richtigkeit seiner Annahmen begann man erst Jahre später, als die erste Wut verflogen war, die Empfehlungen umzusetzen. Die Verweigerung, Semmelweis’ Thesen anzuerkennen trotz besserem Wissen, ging in den Sprachgebrauch als „Semmelweis-Reflex“ ein. Semmelweis ist nun (trotz gründlichem Händewaschen) schon eine Zeit lang tot, der Reflex hat ihn bis heute überlebt.

Einfache Reflexbögen laufen ja bekanntlich nicht über das Großhirn. Die eingehenden Informationen werden bereits von der untergeordneten Instanz des Rückenmarks beantwortet. Demzufolge zeugt etwa der Patellarsehnenreflex von nicht allzu großem Einfallsreichtum. Beim Semmelweis-Reflex wird die Frage „Könnte man vielleicht …?“ stante pede mit einem „Aber wirklich nicht!“ abgeschmettert. Wie viele hervorragende Ideen gingen dadurch in den letzten Jahrtausenden verloren. Nicht weil die Zeit, sondern die Chefs nicht reif für diese Ideen waren. Dass man da etwa das Rad zur Serienreife entwickeln konnte, grenzt fast schon an ein Wunder. Vielleicht hatte der Radentwickler einfach das Glück, in seinem Höhlen-Clan einen innovativen Vorgesetzten zu haben, der das Zukunftspotenzial dieses Tools erkannte, da man damit toll nach Bären werfen konnte. Einzig der Vorschlag, das Ding iRad zu nennen, war dem Clan-Chef dann doch zu innovativ.

Bemerkenswerterweise scheinen gerade die geistigen Nachfolger vieler kritischer Köpfe wie Galilei, Darwin oder eben Semmelweis diesen Reflex zu kultivieren. Weil man vom derzeitigen Stand der Wissenschaft nie davon ausgehen kann, dass man irgendwann mal ganz anders verfahren wird. Aber im Nachhinein ist ja jeder ein guter Prophet.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben