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© Peter Doig. All Rights Reserved / 2014, ProLitteris, Zürich
Peter Doig: Echo Lake, 1998, Öl auf Leinwand, 230,5 x 360,5 cm, Tate, Schenkung der Trustees zu Ehren von Sir Dennis und Lady Stevenson.
© Peter Doig. All Rights Reserved / 2014, ProLitteris, Zürich

Peter Doig: Blotter, 1993, Öl auf Leinwand, 249 x 199 cm, National Museums Liverpool, Walker Art Gallery, Schenkung des John Moores Family Trust 1993.

© Peter Doig. All Rights Reserved / 2014, ProLitteris, Zürich, Foto: Jochen Littkemann

Peter Doig: Gasthof zur Muldentalsperre, 2000-2002, Öl auf Leinwand, 196 x 296 cm, Privatsammlung.

© Peter Doig. All Rights Reserved / 2014, ProLitteris, Zürich, Foto: Jochen Littkemann

Peter Doig: Concrete Cabin II, 1992, Öl auf Leinwand, 200 x 275 cm, Courtesy Victoria und Warren Miro.

 
Leben 9. März 2015

Rätselhafte Bildwelten

Peter Doig gilt als einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Die Retrospektive seiner Werke in der Fondation Beyeler in Basel umfasst erstmals auch seine graphischen Arbeiten.

Die Begegnung mit der Malerei von Peter Doig versetzt einen immer wieder in Erstaunen. Den Betrachter erwartet nicht weniger als eine faszinierende Reise in die Sphäre der Malerei.

Die Bilder Peter Doigs sind nicht leicht zu lesen oder gar zu dechiffrieren. Sie bleiben – auch bei wiederholter Betrachtung – lange in Erinnerung. Die jeweiligen Lebenswelten Peter Doigs, speziell Kanada und Trinidad, vermischen sich miteinander. An einem bestimmten Ort gewonnene Eindrücke werden umgehend transferiert, was zu ungewöhnlichen Kombinationen führt, die zunächst mysteriös und rätselhaft erscheinen. Im Rahmen der derzeit stattfindenden Retrospektive in der Fondation Beyeler in Basel kann man nun das Werk Peter Doigs inklusive seiner Druckgraphiken einer näheren Betrachtung unterziehen.

Die kleinformatigen Radierungen und Aquatinta-Blätter bilden wesentliche Vorstufen der späteren großformatigen Bilder, deren Inhalte oft verschlüsselt wirken. Peter Doig geht es um andere Bedeutungsebenen als all das, was inhaltlich konkret sichtbar ist. Eines seiner frühen Werke „Blotter“ (1993) zeigt eine Gestalt, die in sich versunken in einer Schmelzwasserpfütze steht. Doig ging dabei von einem Foto aus, das seinen Bruder zeigt. Das isolierte „für sich sein“ dieser Gestalt hat in diesem Fall auch mit Drogenerfahrungen zu tun.

Besondere Materialität

Der Prozess der Motivfindung verläuft langsam, da er, so Peter Doig in einem Interview, nicht auf ein großes Repertoire an tauglichen Bildthemen zurückgreifen kann. Die Materialität, auf die er immer wieder zu sprechen kommt, ist unterschiedlicher Natur: Dabei geht es um den Malgrund, also die Leinwand als Terrain, auf dem seine Malerei Gestalt annimmt. Je nach den malerischen Erfordernissen führt dies zu stärker oder weniger stark farbbehafteten Bildpartien. Die Motive scheinendurch den „Blur-Effekt“ oft zu verschwimmen, wodurch eher eine Ahnung als ein deutliches Wahrnehmen ermöglicht wird. Ähnliches ist an jenen Bildern ablesbar, in denen sich Peter Doig mit Weiß als Nichtfarbe auseinandergesetzt hat, die dennoch alle Spektralfarben in sich trägt.

Sein künstlerischer Arbeitsprozess lässt sich in unterschiedliche Schritte gliedern. Da ist zum einen das ursprüngliche Bildthema: Ein Foto, die Sequenz einer Filmaufnahme oder ein Filmstill, welches das jeweilige Sujet und damit die Bild-Atmosphäre bereits grundsätzlich festlegt. In einem weiteren Schritt werden die Bildthemen mittels druckgraphischer Techniken wie Radierung und Aquatinta transformiert. Da diese Drucke vom Format her bedeutend kleiner sind als Doigs Gemälde, bedarf es einer Vergrößerung der Motive auf das gewünschte Bildformat.

Das fotografische Abbild dieser Graphiken weist durch diesen Prozess starke Kontraste und oftmals eine sichtbare Körnung auf, die Doig als flimmernde Unschärfe in seine Malerei übernimmt. Diese Vorgehensweise führt mitunter zu einem Bild-Flimmern, das in Bildern wie „Cobourg 3+1 More“ (1994) zu erkennen ist: Die Personengruppe im Hintergrund ist nur mehr durch einen Schneevorhang vage wahrnehmbar.

Das nur partielle Wahrnehmen und Begreifen von etwas Schemenhaft-Unwirklichem kommt etwa auch in „Echo Lake“ (1998) oder „100 Years Ago (Carrera)“ (2001) zum Ausdruck. Es sind dies unwirklich wirkende Szenerien, die in ihrer fahlen Farbigkeit wie verblassende Erinnerungen nachwirken. Bei den in Trinidad entstandenen Bildern wirkt das üppige tropische Grün geradezu verwaschen.

Konsequente Strukturiertheit

Macht es Peter Doig dem Betrachter inhaltlich schon nicht leicht, so kommt hinzu, dass in nahezu allen seinen Bildern Barrieren den Blick bremsen und lenken. Doig ist hier auch Führer, der die einzelnen Bildpartien gegeneinander gewichtet und den Fokus jeweils gezielt setzt. Dabei bleiben aber wesentliche Bereiche ausgespart. In einem Interview mit Richard Shiff verweist Peter Doig auf Diego Velázquez, der „sich nicht scheute, riesige Bereiche auszusparen, und dem Betrachter die Entscheidung überließ, worum es sich dabei handelte.“

Wie komplex generell Peter Doigs Arbeitsweise ist, lässt sich exemplarisch an „Concrete Cabin“ (1991/92) ablesen. Doig hat hier einen von Le Corbusier entworfenen Wohnkomplex im lothringischen Briey-en-Forêt, einer Ikone der Moderne, die durch ein Waldstück mit dichtem Baumbestand vom Betrachter getrennt ist, als Motiv gewählt. In einem Gespräch mit Richard Shiff hat Peter Doig auf mehrere, dieses Bild betreffende signifikante Umstände hingewiesen: So erkennt man die farbigen Akzente an der Fassade frontal gesehen zunächst nicht; erst von einem leicht schrägen Standpunkt fallen die farbbetonten Balkone auf, welche die weiße Fassade akzentuieren. Das Sujet ist nicht in einen Bildhinter- und -vordergrund unterteilt. Doig hat nach eigenen Worten beides – Architektur und Natur – miteinander verwoben dargestellt. Die hellen Flecken auf den Stämmen sollen dabei als Hinweis dienen, um dem Blick den Weg zum Gebäude zu weisen.

Vieles an seinen Bildern ist und bleibt trotz aller Hinweise rätselhaft. Das hat auch damit zu tun, wie Peter Doig selbst anmerkt, wie sehr sich seine Bilder während ihres Entstehungsprozesses verändern. Er beginnt an einer gewissen Stelle, landet aber womöglich an einer ganz anderen. Seine Bemerkung, er selbst fühle sich in seinen Bildern wie „verloren im Raum“, kann man als Betrachter somit durchaus nachvollziehen. Das Auge des Betrachters kommt in Doigs Bildwelten selten zur Ruhe. So gesehen, begibt man sich in dieser Ausstellung folglich auf eine Entdeckungsreise voller ungeahnter Sinneseindrücke.

Peter Doig
Fondation Beyeler, Basel bis 22. März 2015
www.fondationbeyeler.ch

Thomas Kahler, Ärzte Woche 11/2015

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