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© Warner Bros.
Paul Thomas Anderson schuf unvergessene Filme.
© Park Circus

Magnolia (1999) mit Julianne Moore

© Park Circus

Boogie Nights (1997), von links: Philip Seymour Hoffman, Mark Wahlberg und John C. Reilly

© Constantin Film

The Master (2012) mit Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman

© Park Circus

There will be Blood (2007) mit Daniel Day-Lewis

 
Leben 5. März 2015

Unter Beobachtung

Paul Thomas Anderson gilt als einer der talentiertesten Regisseure seit der Ära des Autorenkinos der 1970er Jahre. Im Gartenbaukino in Wien läuft Anfang März eine Retrospektive seiner Filme.

Bislang hat Paul Thomas Anderson ein eher überschaubares Oeuvre vorgelegt. Die virtuose Zusammenführung unterschiedlicher Erzählstränge sowie epische Bildgewalt machen ihn zur Ausnahmeerscheinung einer jüngeren Generation von Regisseuren.

Er dreht nicht viel, legt aber auf die Kontrolle seiner Arbeit bis zum Final Cut größten Wert. Deshalb dauert es meist geraume Zeit, bis ein neues Werk von Paul Thomas Anderson ins Kino kommt. Robert Altmann, Martin Scorsese, Stanley Kubrick: Der Einfluss dieser drei Meister-Regisseure gilt für seine filmische Arbeit als Maßstab, wobei er sich grundsätzlich seinen Filmthemen mit großer Aufmerksamkeit, Offenheit und profundem Interesse nähert. Hinzu kommt, dass er den Schauspielern bei den Dreharbeiten den nötigen Freiraum lässt, um daraus ein subtiles Geflecht an Beziehungen entstehen zu lassen. 1996 drehte er seinen ersten Spielfilm „Last Exit Reno“, ein Beziehungsdrama, in dem außer Gwyneth Paltrow, Philip Seymour Hoffman und Samuel L. Jackson die Hauptrollen spielten.

Gespür für Dramaturgie

Aufgewachsen im kalifornischen San Fernando Valley, beschäftigt er sich mit Themen aus seinem näheren Umfeld: Anderson hat nicht nur einen eigenen Sinn, der ihn zu seinen Film-Themen führt, sondern zudem ein sehr gutes Gespür für Dramaturgie, mit dem er das jeweilige Skript zum Leben erweckt. In einem Interview erinnert er sich an den ausschlaggebenden Impuls, der schließlich 1997 zu seinem zweiten Spielfilm, „Boogie Nights“ führte: In der Umgebung seiner Kindheit und Jugend gab es Lagerhäuser mit Firmenaufschriften, darunter allerdings auch eines ohne jede Bezeichnung. Und eben jenes mysteriöse Objekt hatte seine Neugier geweckt. Es war, wie sich bald herausstellte, eines jener Studios, in denen nur unter dem Ladentisch gehandelte Filme hergestellt wurden.

Der Stoff, den Anderson daraus destillierte, war für einen jungen Regisseur durchaus ungewöhnlich: „The Golden Age of Porn“ bildet, an der Schwelle zum Video-Zeitalter stehend, den Rahmen für die Geschichte vom Aufstieg und Fall des XXX-Filmstars Dirk Diggler, für den der 1988 an Aids verstorbene Porno-Darsteller Larry Holmes als Vorbild diente. Anderson gelang dabei der Kunstgriff, daraus ein filmisches Sittengemälde entstehen zu lassen, das einerseits die Promiskuität der 1970er Jahre und andererseits die aufkommende Bedrohung durch Aids darstellt. Seither gilt er als sensibler Chronist spezieller Facetten des American Way of Life des 20. Jahrhunderts.

Für seine Filme konnte er von Anfang an erstklassige Charakterdarsteller gewinnen, darunter Julianne Moore, Daniel Day-Lewis oder auch Tom Cruise sowie wiederholt Philip Seymour Hoffman, die zahlreiche unvergessliche Eindrücke hinterließen. Auch in den weiteren seiner Filme wie „Magnolia“ und „Punch Drunk Love“ sowie „There will be Blood“ spürte er fast kammerspielartig speziellen amerikanischen Gesellschaftsverhältnissen nach.

Die Beziehungen seiner Protagonisten sind auf vielschichtigen Ebenen miteinander verwoben; erst nach und nach ergibt sich daraus schließlich eine in sich geschlossene Erzählung. „Magnolia“, so Anderson, sei sein bislang wichtigster Film und vieles spreche dafür, dass sich daran, auch wenn er weiter dreht, nichts ändern wird. Die einzelnen Episoden dieser, am Magnolia Boulevard im San Fernando Valley spielenden, Geschichte führen über unvorhersehbare Verstrickungen der Protagonisten zu einem überraschenden Ende. Andersons Geschick liegt auch hier darin, wie er es fertigbringt,, aus der Verkettung dieser persönlichen Schicksale etwas Allgemeingültiges zu erzeugen.

Chronist des American Way of Life

Paul Thomas Anderson nennt nur wenige Vorbilder, die für ihn und seine Arbeit maßgebend sind, darunter Robert Altmann und Stanley Kubrick. Anderson kann Geschichten erzählen und er tut dies mit den Mitteln des Films auf die ihm eigene Art und Weise. Die berühmten Vorbilder hinter sich zu lassen, ist dabei gar nicht einfach: „Es ist so schwierig etwas zu machen, das nicht in irgendeiner Weise damit zusammenhängt, was Stanley Kubrick mit Filmmusik machte. Man landet unvermeidlich bei etwas, was er vermutlich schon vorher gemacht (...) hat.“ Dabei lotet er die Möglichkeiten seiner Hauptfiguren und deren Handlungsspielraum aus. So speziell die Themen scheinen, so symbolhaft stellen sie sich bei Anderson dar..

Anderson verwendet nicht nur eigene Scripts als Grundlage für sein filmisches Arbeiten. Im Fall von „There will be blood“ griff er auf das Buch „Oil!“ von Upton Sinclair zurück, der in seinen Werken die schier unerträglichen, von Korruption und Gewalt beherrschten Zustände in der Arbeitswelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts schilderte. Die Hybris des von Daniel Day-Lewis dargestellten Ölmagnaten Plainview wird jenem, wie auch seinem Gegenspieler, dem Prediger Sunday, zum Verhängnis: Ungezügelte kapitalistische Interessen treffen dabei auf einen rigiden Glaubensfundamentalismus. Beide Positionen stehen einander in einem Showdown unversöhnlich gegenüber.

Verlorenheit und Dominanz sind die tragenden Elemente in „The Master“, in dem sich Philip Seymour Hoffmann, in einer seiner letzten Rollen, und Joaquin Phoenix ein ungleiches Duell liefern. Phoenix kehrt als haltloser „Drifter“ aus dem Inferno des II. Weltkrieges nach Kalifornien zurück, wo ihn Hoffmann zunächst unter seine Fittiche nimmt und dann massiv versucht, ihn zu manipulieren.

Für Andersons jüngsten Film „Inherent Vice“ lieferte Thomas Pynchon die gleichnamige literarische Vorlage. Die als unverfilmbar geltende literarische Vorlage führt zurück in das Los Angeles der 1970er, wo Anderson Joaquin Phoenix als Detektiv in undurchsichtige und nicht ungefährliche Machenschaften geraten lässt. Macht und Ohnmacht, Einflussnahme und Ausgeliefertsein stehen sich auch hier – wie in allen seinen Filmen – sehr nahe.

Paul Thomas Anderson Werkschau

5. bis 19. März 2015

www.gartenbaukino.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 10/2015

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