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Der Andrang in Mesmers Pariser Praxis war so groß, dass Gruppentherapien in magnetisierten Wasserzubern durchgeführt werden mussten. (3)

Franz Anton Mesmer (1734–1815) glaubte an die Kraft des „Fluidums“ und übersah seinen suggestiven Anteil an der erfolgreichen Therapie.

Während Mesmer die betuchten Pariser kräftig zu Kasse bat, ermöglichte er den Armen eine Kollektivbehandlung mithilfe eines magnetisierten Baumes.

 
Leben 4. März 2015

Magnetisierende Persönlichkeit

Vor 200 Jahren starb Franz Anton Mesmer, Ahnherr vieler psychotherapeutischer Verfahren.

Für seine Anhänger war er Magier, Prophet und Wunderheiler, für seine Gegner Scharlatan, Quacksalber und Betrüger. Der „wohledle und hochgelehrte, der Arzneykunde Doctor“ Franz Anton Mesmer war jedoch weder das eine noch das andere. Sein ganzes Leben glaubte er, die Lebenskraft gefunden zu haben: den „animalischen Magnetismus“. Und er wollte mit seiner Entdeckung nicht nur seine Patienten, sondern die ganze Menschheit heilen.

Schon in seiner Dissertation „Über den Einfluss der Planeten auf den menschlichen Körper“, die er 1766 in Wien vorlegte, versuchte Franz Anton Mesmer (1734–1815) nachzuweisen, dass ein ubiquitär im Universum vorhandener feinster ätherischer Stoff, ein Fluidum, alles durchdringt und sein Fluss im Körper durch die Anziehungskraft der Planeten – „wie Ebbe und Flut“ – für Gesundheit oder Krankheit verantwortlich ist. Nach seiner Heirat mit einer reichen Witwe gehörte Mesmer zur Crème der Wiener Gesellschaft. Im noblen Palais in der Rasumofskygasse 29 (das Haus selbst wurde 1920 abgerissen) eröffnete er seine Praxis. Hier experimentierte Mesmer in seinen physikalischen und chemischen Kabinetten und kam dadurch in den Verdacht nach dem Stein der Weisen zu suchen. Durch den Jesuiten Maximilian Hell (1720–1792), Hofastronom und Leiter der Wiener Sternwarte, lernte Mesmer den therapeutischen Einsatz von magnetisiertem Stahl kennen. Hell führte mit Magneten, die den erkrankten Organen nachgebildet waren, Kuren durch. Mesmer setzte seinerseits die Magneten 1774 erstmals ein. Tatsächlich hatte er bereits bei seiner ersten Patientin, einer jungen Frau mit periodischen Lähmungen, zeitweiliger Blindheit, Krampf- und Ohnmachtsanfällen durch das Auflegen von drei Magneten einen sensationellen Erfolg. Weitere spektakuläre Auftritte mit den „Zauberdingern“ machten ihn nicht nur in Wien rasch bekannt, weshalb er sich den Ruf eines Wunderdoktors erwarb. Patienten aller Gesellschaftsschichten strömten ins Palais Mesmer, wo sich auch die Prominenz der Wiener Gesellschaft traf. Haydn, Gluck und die Familie Mozart zählten mittlerweile zu den Freunden des „Wunderdoktors“. „Bastien und Bastienne“, das Singspiel des jungen Mozarts (1756–1791) wurde angeblich 1768 im Garten des Palais Mesmer uraufgeführt.

Mesmer glaubte zu bemerkten, dass er auch ohne Magneten, nur durch Handauflegen und langsames, beruhigendes Streichen über dem Körper therapeutische Erfolge erzielen konnte. Er deutete dies als ein von ihm ausgehendes Fluidum, das er „thierischen“ oder „animalischen Magnetismus“ nannte. Aber je beliebter Mesmer bei seinen Patienten wurde, desto unbeliebter wurde er bei den Kollegen und der Fakultät. Seine Versuche bei der Schulmedizin Anerkennung für seine magnetischen Therapien zu finden, scheiterte. Die Wiener Medizinische Fakultät führte seine Erfolge nicht auf magnetischen Einfluss, sondern auf eine „Wechselwirkung der Einbildungskraft von Patient und Arzt“ zurück.

Skandal und Flucht

Das Misstrauen, das Mesmer widerfuhr, mündete schließlich in einen Skandal, in dem die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis (1759–1824) eine Hauptrolle spielte. Mesmer konnte der Musikerin, zumindest nach eigenen Angaben, kurzzeitig das Augenlicht wiedergeben. Der Vater der Paradis beendete jedoch gewaltsam die Therapie, weil er, wie böse Zungen behaupteten, Angst davor hatte, dass seine Tochter als Sehende ihre musikalische Genialität und außerdem eine Rente der Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) verlieren würde. Die Geschichte rief die Kaiserin höchstpersönlich auf den Plan, die eine Kommission beauftragte, um den Fall zu untersuchen. Aufgrund der Untersuchung forderte die Wiener Medizinische Fakultät Mesmer auf, den „Betrug“ mit dem animalischen Magnetismus zu unterlassen. „Stark compromittirt“ verließ Mesmer Wien und ließ sich 1778 in Paris nieder.

Auch Paris verfällt dem „thierischen“ Magnetismus

Doch der Ruhm als Magier und Wunderheiler war Mesmer nach Paris vorausgeeilt. Bald war er der Modearzt von tout Paris und machte in der dekadenten Adels- und Hofgesellschaft und vor allem in finanzkräftigen Kreisen Furore. Binnen kürzester Zeit war der Medicus aus Wien ein reicher Mann. Die Séancen in seiner „magnetischen Kuranstalt“ waren hervorragend besucht und das Phänomen des „animalischen Magnetismus“ war Tagesgespräch. Der Andrang an seine „magnetische Praxis“ war bald so groß, dass er Gruppentherapien durchführen musste.

Die Magnetisierung der Patienten erfolgte über einen Kondensator aus Eisenstäben, Glasscherben und Kohlen aus einem von ihm erfundenen „Gesundheitszuber“, baquets, genannt, gefüllt mit magnetisiertem Wasser. Die Sitzungen im abgedunkelten Raum, mit Spiegeln, die das Fluidum reflektieren sollten und den überirdischen Tönen einer Glasharmonika, die der Meister selbst, gekleidet in ein fliederfarbenes Gewand aus Seide, spielte, waren in der betuchten Pariser Gesellschaft trotz der enorm hohen Honorare außerordentlich beliebt. Für die Kollektivbehandlung der Armen magnetisierte Mesmer im Park einen Baum, von dem sich die Patienten mit herabhängenden Seilen den „tierischen Magnetismus“ selbst zuführen konnten.

Obskure Vielfalt

Ein Angebot der französischen Regierung, angeblich durch Intervention Königin Marie Antoinettes (1755–1793), zum Betreiben einer Heilanstalt schlug Mesmer aus und gründete eine geheime Gesellschaft mit dem Namen „Harmonie“. Hier weihte er jeden, der bereit war eine beträchtliche Summe zu bezahlen, unter „der heiligsten Angelobung ewiger Verschwiegenheit“ selbst in das Geheimnis des „thierischen Magnetismus“ ein. Bald hatte die Gesellschaft an die 15.000 vorwiegend betuchte Mitglieder. Darunter befanden sich allerdings nur vier Mediziner. Da die Adepten ihre Investition natürlich wieder einspielen wollten, entstanden zahlreiche Behandlungszentren mit erotischen oder anderen oft recht obskuren Zugaben. Naturgemäß waren Missbrauch und Unfug jetzt Tür und Tor geöffnet. Bald etablierten sich zahlreiche magnetische Gesellschaften von Europa bis Santo Domingo in Haiti mit unterschiedlichen Grundsätzen und Heilmethoden.

Mit der wissenschaftlichen Anerkennung war es jetzt freilich vorbei. Eine Kommission der französischen Regierung unter der Leitung des Amerikaners Benjamin Franklin (1706–1790), einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, gab 1784 ein „verurtheilendes Votum“ ab. Sie konnte keinen physikalischen Beweis für das „magnetische Fluidum“ seiner Therapien finden. Man bestätigte zwar die therapeutische Wirkung seiner Behandlungen, führte sie aber auf „Einbildung“ zurück.

Einsamer Tod

Während der französischen Revolution verlor Mesmer schließlich sein gesamtes Vermögen (freilich verloren die meisten seiner noblen Patienten noch etwas mehr) und floh 1792 in die Schweiz. Danach wurde es still um Mesmer. Er, einer der schillerndsten Ärzte Europas im 18. Jahrhundert, starb am 5. März 1815 fast vergessen in Meersburg am Bodensee.

Im Grunde waren Mesmers Therapien, die eines Schamanen oder mystischen Heilers, bei denen Priester und Arzt noch eng beieinander liegen. Und wenn auch Mesmer die Imagination ablehnte und auf einer physikalischen Kraft beharrte, so blieb ihm bis zuletzt verborgen, wer oder was tatsächlich heilte. Erst später erkannte man, dass er die Grundlage für zahlreiche moderne psychotherapeutische Methoden, nämlich Suggestion, Hypnose (to mesmerize bedeutet im Englischen auch heute noch hypnotisieren) sowie Gruppen- und Musiktherapie gelegt hatte. Stefan Zweig (1881–1942) schrieb: „Er fühlte sich durch Zufall einem Geheimnis, einem großen und fruchtbaren Geheimnis brennend nah und weiß doch, er kann es nicht entschleiern.“

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 10/2015

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