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© Gerhard Weber
Die computertomografische Version des Manot-Fundes und die Manot-Höhle im Hintergrund.
 
Leben 9. Februar 2015

Fossiler Schädel verbindet Kontinente

Die rund 55.000 Jahre alten Überreste eines Gehirnschädels konnten mithilfe von Wiener Wissenschaftlern untersucht werden.

Bisher fehlte jede Spur von jenen modernen Menschen, die von Afrika aus ihren Weg nach Norden nahmen, um vor zirka 45.000 Jahren in Europa anzukommen und alle anderen menschlichen Lebensformen zu ersetzen. Nun wurde im Norden Israels in der Manot-Höhle ein Fund gemacht, der diese Lücke im Wissen über unsere eigene Herkunft schließt.

Die ersten Forschungen in der Manot-Höhle begannen 2010 und laufen bis heute. Entdeckt wurden unzählige archäologische Objekte, die eine Besiedelung der Höhle seit mehr als 100.000 Jahren belegen. Vor etwa 30.000 Jahren stürzte das Dach der Höhle ein und versiegelte die Fundschichten bis in unsere Tage. Nun konnten die Forscher den spektakulärsten Fund einer sehr gut erhaltenen „Kalotte“ machen (siehe Bild). Der Gesichtsschädel, der viele diagnostische Merkmale für Paläoanthropologen aufweist, fehlte leider.

Die traditionellen Methoden der Anthropologie erlauben nur ein sehr grobes Bild der Klassifikation eines Gehirnschädels. Durch die an der Universität Wien in den letzten 15 Jahren entwickelten Verfahren der „Virtuellen Anthropologie“, bei der dreidimensionale Daten von Objekten analysiert werden, war es möglich, schärfere Aussagen zu erhalten. Es stellte sich heraus, dass der Fund sowohl zeitlich als auch morphologisch in die bisher unbekannte Phase der Auswanderung aus Afrika passt. Abgesichert wurden die Ergebnisse mit der Uranium-Thorium-Methode. Die israelischen Kollegen belegten damit ein Alter von zirka 55.000 Jahren. Manot ist also 10.000 Jahre älter als alle modernen Menschen, die in Europa gefunden wurden, und um zirka 5.000 bis 10.000 Jahre jünger als jener Zeitpunkt, den Genetiker für die Entstehung unserer direkten Ahnenlinie in Afrika vorhersagten.

Eine der logischen Migrationsrouten von Afrika nach Europa führt durch den levantinischen Korridor. Die Ergebnisse von Manot legen nahe, dass die ersten modernen Menschen diese Route genommen haben. Dabei trafen sie zeitgleich auf Neandertaler, die immer wieder die Levante bewohnten, aber nie weiter Richtung Süden vordringen konnten. Genetische Hinweise deuten darauf hin, dass heute lebende Menschen 1–4 Prozent Neandertalergene tragen. Bisher wurde spekuliert, dass diese Vermischung in Europa stattgefunden haben könnte. Manot ändert dieses Bild und legt nahe, dass dies schon früher – auf dem Weg der ersten modernen Menschen durch die Levante – passiert sein könnte.

Originalpublikation: Hershkovitz I. et al. Nature am 29. Jänner 2015, DOI 10.1038/nature14134

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