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Leben 2. Februar 2015

Auf der Spur des absoluten Gehörs

Cis, A oder Fis? Bei Menschen mit einem Tonhöhengedächtnis arbeiten zwei Hirnteile zusammen.

Mozart soll es gehabt haben, ebenso Bach und Beethoven: das „absolute Gehör“. Die Fähigkeit also, einen Ton zu benennen und zu kategorisieren, ohne dabei Vergleichstöne zu benötigen. Schweizer Forscher haben nun die Mechanismen für diese Fähigkeit entschlüsselt und eine enge funktionelle Kopplung zwischen dem Hörkortex im Gehirn und dem Stirnhirn festgestellt. Ein Befund, der nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch von Bedeutung ist.

Die bemerkenswerte Fähigkeit des „absoluten Gehörs“ ist mit einer Prävalenz von einem Prozent in der Normalbevölkerung relativ selten, wird aber bei professionellen Musikern mit 20 Prozent häufiger beobachtet; oft wird vermutet, dass diese besondere Hörfähigkeit ein wesentlicher Aspekt von außergewöhnlicher Musikbegabung ist.

Im Musik-Lab am Lehrstuhl für Neuropsychologie der Universität Zürich (UZH) wird dieses Phänomen bereits seit vielen Jahren intensiv erforscht. In einer Studie mit absolut hörenden Musikern konnte gezeigt werden, „dass zwei Hirngebiete, nämlich der Hörkortex und der dorsale Frontalkortex, zusammenarbeiten. Damit werden eigentlich zwei entgegengesetzte Erklärungsansätze für das Phänomen miteinander vereint“, so der Erstautor Stefan Elmer. Eine Erklärungslinie geht davon aus, dass Absoluthörer Töne wie Sprachlaute verarbeiten und sie in bestimmte Kategorien zuordnen. Diese kategorielle Wahrnehmung findet bereits auf einer sehr frühen Stufe der Tonverarbeitung, im primären und sekundären Hörkortex statt. Der andere Erklärungsansatz geht davon aus, dass bei Menschen mit einem absoluten Gehör vor allem die unbewusste Zuordnung der Töne zu Gedächtnisinhalten sehr gut funktioniert. Diese findet zu einem späteren Zeitpunkt im oberen Stirnhirn, dem dorsalen Frontalkortex, statt.

Mit der aktuellen Studie konnte jetzt belegt werden, dass beide Phänomene zur Fähigkeit des absoluten Hörens beitragen. Mittels Oberflächen-Elektroenzephalogramm sind synchronisierende Aktivitäten im Frontal- und Hörkortex dargestellt worden, was auf eine enge funktionale Kopplung schließen lässt. Das bedeutet, dass die Hirngebiete, welche frühe Wahrnehmungsfunktionen (Hörkortex) bzw. späte Gedächtnisfunktionen (dorsaler Frontalkortex) kontrollieren, bereits im Ruhezustand eng verwoben sind.

Gezielte Trainingsprogramme

Die Resultate sind nicht nur für das Verständnis des „absoluten Gehörs“ von Bedeutung, sondern auch für das Verständnis effizienter Hörverarbeitung. Auf der Grundlage dieser Befunde könne es möglich werden, Trainingsmaßnahmen abzuleiten, welche die Hörleistungen im Alter, aber auch im Zusammenhang mit verschiedenen Hörbeeinträchtigungen verbessern würden.

Originalpublikation: Stefan Elmer et al. The Journal of Neuroscience, DOI 10.1523/JNEUROSCI.3009-14.2015; http://bit.ly/1yQlnpY

Uni Zürich, Ärzte Woche 6/2015

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