zur Navigation zum Inhalt
Winsor McCay, New York, ca. 1906, The McCay Family Estate
© alle Abb: Taschenverlag

The New York Herald, Sunday, July 4, 1909

The New York Herald, Sunday, February 24, 1907, Detail

The New York Herald, Sunday, July 31, 1910

 
Leben 28. Jänner 2015

Reise ins Unterbewusste

Mit „Little Nemo in Slumberland“ hat der Zeichner Winsor McCay ein wahres Meisterwerk auf dem Gebiet der Bildergeschichten, Vorläufer heutiger Comics, geschaffen.

Vor 110 Jahren erschien die erste Folge von „Little Nemo in Slumberland“ im New York Herald. Bis heute haben die Traumwelten Winsor McCays nichts von ihrer Faszination verloren. Das Unterbewusste diente als Quelle für die eindrucksvollen Abenteuer Little Nemos, die nun erstmals in einer aufwändig gestalteten, kommentierten Gesamtausgabe vorliegen.

Winsor McCay und sein Werk waren lange Zeit im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt. Die erste Begegnung mit der Wunderwelt Winsor McCays liegt mehr als 30 Jahre zurück. Der großformatige Paperback-Band sorgte schon beim ersten Durchblättern für Staunen: Was auf den Schwarz-Weiß gedruckten Seiten zu sehen war, war absolut fesselnd.

Schon als Jugendlicher hatte der aus der Kleinstadt Spring Lake, Michigan, stammende Winsor McCay voller Begeisterung gezeichnet: „Ich konnte nicht aufhören zu zeichnen, ich zeichnete überall und jederzeit.“ Zum Missfallen seines Vaters brach er seine kaufmännische Ausbildung ab und ging nach Detroit. Mit wachen Sinnen und unersättlicher Neugierde begegnete er dort einer für ihn faszinierenden Welt: Schausteller und Vaudeville, das populäre „Dime Museum“ mit seinem Angebot an leistbarer Unterhaltung und den „Freak-Shows“. Die Mischung aus bizarren Eindrücken und illusionistischen Darstellungen begeisterte ihn lebenslang.

Die Perfektionierung im Zeichnen verdankte er Prof. John Goodison, dem „Meister der Perspektive“, bei dem er während seines zweijährigen Aufenthalts in Detroit Privatstunden nahm. In der Folge übersiedelte der 22-Jährige 1891 nach Cincinnati, Ohio, und verdingte sich dort als Illustrator und Reportage-Zeichner bei verschiedenen Zeitungen, darunter dem Cincinnati Times Star.

Expeditionen ins Traumland

Als Massenmedien boten Zeitungen um die Jahrhundertwende talentierten Zeichnern beste Aussichten. James Gordon Bennet Jr., Herausgeber des New York Herald, wurde folglich auf Winsor McCay aufmerksam. Dieser hatte zunächst verschiedene Bildgeschichten gestaltet, darunter „Dreams of a Rarebit Fiend“, in dem er erstmals den Traum als Thema einführte. Diese Bildgeschichten waren nicht für Kinder, sondern zur Unterhaltung der Erwachsenen gedacht. Winsor McCays wahre Meisterschaft zeigte sich 1905, als die erste Folge seines berühmtesten Werkes, „Little Nemo in Slumberland“ erschien. Für den kleinen, zaghaften fünfjährigen Buben aus gutbürgerlicher New Yorker Familie stand McCays Sohn Robert Pate.

Auf Wunsch der Tochter des Königs Morpheus soll Little Nemo nach Slumberland gebracht werden. Leichter gesagt, als getan, immerhin dauert es 20 Wochen bis der Träumende Slumberland erreicht, und nochmal 20 Wochen bis er zur Prinzessin vorgelassen wird. Der Weg nach Slumberland ist trotz bester Absichten von Nemos Begleitern riskant und gefährlich. Noch dazu hat Little Nemo in Flip, einem rüpelhaften Altersgenossen mit Zigarre, der mit nach Slumberland will, einen Gegenspieler. Das behütete Kind aus der wohlhabenden Mittelschicht trifft auf sein anarchisches Gegenüber, das noch dazu imstande ist, mithilfe seines Onkels, dem Ritter der Morgenröte, das Traumreich in Nichts aufzulösen.

„Mama ich hab nur geträumt“, mit diesem Ausruf erwacht Little Nemo nicht nur einmal. Die 64 Mal, die er dabei aus dem Bett fällt, sind rekordverdächtig. Und nur einmal durchlebt Little Nemo einen wahren Albtraum, in dem sich seine Welt ins strichhaft Groteske verändert.

Was Winsor McCay in den 549 von ihm erdachten und gezeichneten Episoden an Gedankenfeuerwerken aufbietet, wirkt, wie Sigmund Freuds im Jahr 1900 erschienenem Werk „Die Traumdeutung“ entnommen und ist schlicht großartig. Der Überschwang des Neobarock und Jugendstils sowie des Glaubens an technischen Fortschritt ist dabei deutlich sichtbar, der Ideenreichtum McCays grenzenlos. Während die letzten weißen Flächen auf dem Erdball erforscht werden, schickt er Little Nemo auf Entdeckungsreise ins Unterbewusste. Allein die Fülle an Einfällen trägt mitunter dadaistische und surrealistische Züge. Kein anderer Zeichner, mit Ausnahme des genialen George Herriman, dem geistigen Vater von „Krazy Kat“, kann bis in die 1930er Jahre einen ähnlichen Erfolg für sich verbuchen. Bis 1927 konnten die Leser der Sonntagsbeilagen die Abenteuer verfolgen, die sich McCay, der seit 1911 auch für den Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst tätig war, für seinen Protagonisten und dessen Gefährten ausgedacht hatte. Dann widmete er sich der Arbeit als Illustrator, bis er 1934 mit nur 65 Jahren in Folge einer Gehirnblutung verstarb.

Zu Ehren von Winsor McCay

Zum 110-jährigen Jubiläum des Erstabdrucks der ersten Episode kommen Little Nemo und sein geistiger Vater nun zu einer mehr als verdienten Ehre: Der Taschen-Verlag hat das Wagnis unternommen, alle 549 Episoden von „Little Nemo in Slumberland“ in Farbe und im Originalformat als Gesamtausgabe in bestmöglicher, den Originalen entsprechender Druckqualität aufzulegen. Verdienstvoll ist dies auch deshalb, weil nur wenige der Originalzeichnungen erhalten sind, das säurehaltige Holzschliffpapier, auf dem sie gedruckt wurden, zudem zerfällt und nur mit hohem Aufwand konserviert werden kann.

Fast sieben Kilogramm wiegt diese in Leinen gebundene Prachtausgabe, mit der Winsor McCays Lebenswerk nun nach Jahrzehnten des Vergessens wieder die gebührende Aufmerksamkeit erfährt. Der kommentierte Begleitband der vom Kunsthistoriker und Comicexperten Alexander Braun betreuten Gesamtausgabe beleuchtet erstmals, wie das kulturhistorische Umfeld Winsor McCays zeichnerische Ideen beeinflusste und welchen großen Einfluss sein Werk seither hatte. Sein zeichnerisches Werk gilt heute als originäre amerikanische Kunstform, das geistige Erbe und McCays ist bis heute wirksam.

www.taschen.com

Thomas Kahler, Ärzte Woche 5/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben