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Die vom Münchner Architekten Wilhelm Kahrs entworfene Bergstation.
© (4) Predigtstuhlbahn

Die Gondel inmitten malerischer Bergwelt: Werbeprospekt aus den Anfangsjahren der Predigtstuhlbahn.

Bau einer der drei Stahlbetonstützen in schwierigem Gelände.

Entbehrungsreiche Bauarbeiten im alpinen Gelände: Arbeiter beim Bau der Predigtstuhlbahn.

 
Leben 18. Jänner 2015

Hoch hinauf

Gemächlich dem Alltag entschweben: Die Predigtstuhlbahn in Bad Reichenhall ist weltweit die älteste im Originalzustand erhaltene Seilschwebebahn.

Technisch ist sie eine Meisterleistung und zudem seit dem Jahr 2006 unter Denkmalschutz gestellt. Das Bayerische Staatsbad Bad Reichenhall besitzt mit diesem Technik-Denkmal eine besondere Attraktion.

Um kühne Ideen zu verwirklichen sind nicht nur eine Vision und Unternehmergeist nötig, sondern auch sorgfältige Planung und die nötigen finanziellen Mittel. Das mondäne Kurbad Bad Reichenhall litt nach dem Ersten Weltkrieg – wie auch andere bedeutende Bäder in Deutschland und Österreich – unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges, denn ein Großteil der zahlungskräftigen Kurgäste blieb aus.

In den 1920er Jahren wurde deshalb fieberhaft nach einer Möglichkeit gesucht, nicht nur Kurgäste zu einem Besuch des malerisch zwischen Staufen und dem Lattengebirge gelegenen Kurbades zu animieren. Zwar gab es rund um Bad Reichenhall für Bergbegeisterte zahlreiche lohnende Wander- und Klettermöglichkeiten, doch blieben diese überwiegend auf die Sommersaison beschränkt. Um aber eine international prestigeträchtige und zahlungskräftige Klientel nach Bad Reichenhall zu bringen, musste für ein ganzjährig attraktives Freizeitangebot gesorgt werden. So kam man auf den Gedanken, ein kühnes Bergbahn-Projekt in die Tat umzusetzen. Pläne, die bayerischen Alpen mittels Seil- oder Zahnradbahn zu erschließen, gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die elektrisch betriebene Zahnradbahn auf den Wendelstein 1912 war das erste dieser Projekte. Die „Hessingbahn“, die von Bad Reichenhall nach Bayerisch Gmain führte, hatte nur kurz Bestand: Aus Kostengründen wurde sie nach nur fünfjährigem Betrieb 1914 eingestellt.

In den 1920er Jahren wurde die Machbarkeit prestigeträchtiger Bergbahn-Projekte wieder ausführlich diskutiert. Mit solchen Vorhaben, die einerseits Arbeitsplätze schaffen und andererseits zahlungskräftige Gäste ansprechen sollten, war man jedoch nicht allein: Bereits 1926 wurde die Seilschwebebahn auf die Rax nach dem damals neuen System „Bleichert-Zuegg“ eröffnet, 1927 folgte in Bregenz die Pfänderbahn. Im Rennen um ein möglichst Aufsehen erregendes Bergbahnprojekt drängte in Bad Reichenhall also die Zeit.

Die Wahl des Gipfels

Zunächst war die Frage zu klären, wo solch ein Vorhaben realisiert werden sollte. Das 1925 gegründete Staufengebirgsbahnkommitee hatte dafür dem Staufen als „Hausberg“ Bad Reichenhalls den Vorzug gegeben. Das Projekt einer Seilbahn, die von Hallthurm aus auf den Untersberg führen sollte, wurde ebenso diskutiert, schlussendlich aber verworfen. Das Hochgebirgsbahn-Projekt hatte nicht nur zahlreiche Befürworter, sondern auch erbitterte Gegner, die einen Massenansturm auf die unberührte Bergwelt fürchteten. Zweifellos sprachen wirtschaftlich günstige Prognosen für die ganze Region dafür.

In der Diskussion um den geeigneten Standort war der Hotelier Alois Seethaler als Inhaber des Grandhotel Axelmannstein maßgebend: Um den Gästen aus nah und fern ganzjährig eine besondere Attraktion zu bieten, kam für den Bau einer Seilschwebebahn nur ein direkt vom Stadtgebiet aus erreichbarer Gipfel in Frage. In Josef Niedermeier einem begeisterten Alpin-Schifahrer, der Mitte der 1920er Jahre Kurvereinssekretär wurde, fand Seethaler einen Mitstreiter.

Die Vorplanung konzentrierte sich von nun an auf das schneesichere Lattengebirge mit dem Hochschlegel und dem Predigtstuhl. Für die seilbahntechnische Umsetzung zog man den Südtiroler Bergbahnexperten Louis Zuegg zu Rate. Als k.u.k. Landsturmingenieur hatte er mit den von ihm errichteten Versorgungs-Seilschwebebahnen während des Ersten Weltkrieges im Hochgebirge wertvolle Erfahrungen gewonnen. Um das notwendige Kapital von 900.000 Mark für den Bau kümmerte sich Bankdirektor Otto Ruby. Nachdem als offizielle Trägerin des Bauvorhabens die „Kreuzeckbahn AG“ gegründet worden war, begann das engagierte Projekt einer Seilschwebebahn nach dem erprobten System „Bleichert-Zuegg“ Form anzunehmen.

Schwebend in die Höhe

Der Höhenunterschied von der auf 474 Metern Seehöhe gelegenen Talstation zur Bergstation auf 1614 Metern sollte mit Hilfe von drei Stützen überwunden werden. Um den Baufortschritt in diesem schwierigen, steil abfallenden Terrain zu erleichtern, wurde eine Hilfsbahn eingerichtet, die 1927 ihren Betrieb aufnahm und bergerfahrene Arbeitskräfte in das unwegsame Gelände brachte. Diese errichteten die Fundamente und Stützen sowie die Bergstation mit dem angegliederten Restaurant und Hotel.

Der sachlich-funktional anmutende Entwurf der Tal- und Bergstation samt Restaurant und Berghotel stammte vom Münchner Architekten Wilhelm Kahrs; das Ingenieurbüro Streck & Zenns, ebenfalls aus München, zeichnete für die mächtigen drei Stützen aus Stahlbeton verantwortlich. Louis Zuegg entwarf auch die pavillonartigen Gondeln der Bahn, die bis heute ihr Erscheinungsbild prägen: Stündlich bringen sie zuverlässig etwa 150 Personen auf den Predigtstuhl.

Die Arbeitsbedingungen auf dem wasserarmen, alpinen Gelände stellten enorme Belastungen dar und erforderten beträchtliche Anstrengungen. Am 1. Juli 1928 konnte die Predigtstuhlbahn schließlich feierlich eröffnet werden. Der mondäne Charakter der Bergstation mit dem mittlerweile wieder eröffneten Restaurant hat auch schwierige Zeiten überdauert: Nach seiner ersten Glanzzeit diente es im Zweiten Weltkrieg als Spezial-Lazarett. In den 1950er und 1960er Jahren erlebte die Predigstuhlbahn eine Renaissance. Als sie 2009 in Insolvenz geriet, schien ihre Zukunft zunächst ungewiss. Nun allerdings, da sie sich in Privatbesitz befindet, scheint diese gesichert.

In einer Zeit, in der sich alles immer mehr beschleunigt, bietet das zügige, fast lautlose Schweben der Predigstuhlbahn eine besondere Qualität: Beim Blick über das im Talkessel liegende Bad Reichenhall und die umliegenden Gipfel kann man den Alltag glatt vergessen.

www.predigtstuhlbahn.de

Thomas Kahler, Ärzte Woche 1/3/2015

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