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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 17. Dezember 2014

NebenWirkungen: Geschenketipp: Verschenken Sie Geduld

Geduld zu verschenken scheint gar nicht so abwegig. Die meisten Ärzte haben nicht gerade viel davon.

Weihnachten ist eine Zeit der Rückbesinnung auf all das, um was es wirklich geht im Leben, also Geschenke, Völlerei und Vollräusche, aber auch auf die Tugend der Geduld. Was wurden wir als Kinder auf die Folter gespannt, mussten 24-mal schlafen, bis die Bescherung endlich stattfand! Und erstaunlicherweise haben wir diese Qual jedes Mal überlebt. Die Fähigkeit zur Geduld ist uns jedoch abhanden gekommen. Fand man früher noch nichts dabei, bei der kleinen Greißlerei eine geschlagene halbe Stunde anzustehen, bis die anderen Kunden mit ihrem Einkauf fertig waren, so beschwert man sich heute bei der Supermarktkasse bereits nach einer Minute.

Warten ist out. Und so bringt uns selbst ein Mail aus Übersee, das vor einigen Jahrzehnten ein paar Wochen gebraucht hätte, zur Weißglut, wenn es nicht nach zwei Sekunden in unserem elektronischen Postfach erscheint. So sind heute 24 Kalendertage zur Vorfreude einfach zu viel. Schließlich gestehen wir Ärzte unseren Patienten nicht einmal 24 Sekunden zu, ihre Leiden zu schildern, bevor wir sie unterbrechen. Das ist jedoch nur ein statistischer Wert. Ich glaube, so manchem Kollegen reißt bereits nach fünf Sekunden der Geduldsfaden. Man möchte auch nicht warten, bis sich der Körper bei einem grippalen Infekt selbst kuriert. Das muss sich beschleunigen lassen! Und es würde mich nicht überraschen, wenn ein Gynäkologe heute die Geburt Jesu bereits am 20. Dezember einleiten würde.

Auch im Wartezimmer zeigt sich dieser Trend. Natürlich gibt es Angenehmeres als zwei Stunden im Wartezimmer zu verbringen. Und natürlich ginge es auch kürzer, wenn man mit etwas mehr Respekt mit der Zeit der Patienten umgehen würde. Aber verglichen mit dem Umstand, dass man früher eine Tagesreise unternehmen musste, um endlich in eine Siechenstätte zu seinem Aderlass zu gelangen, ein zeitliches Kinderspiel. Immerhin durfte man damals so noch einen Tag lang leben, bevor man am Aderlass verstarb.

Wenn man also „Zeit“ schenkt, wie es in einschlägigen Wellness-Magazinen immer wieder gefordert wird, so ist damit keine Rolex gemeint. Auch keine Time-Management-App, die hilft, noch mehr Stunden in den Tag hineinzubringen, um mehr Geld zu lukrieren, mit dem man weitere Time-Management-Apps kauft. Vielmehr geht es darum, Gelassenheit zu schenken. Und zwar die eigene.

Verschenken wir ein Maß an Geduld. An unsere Patienten. An die Kassadame vom Supermarkt. An den Provider, den wir gerne teeren und federn möchten, weil das Youtube-Video mehr als fünf Sekunden lädt. An die Familie. An uns selbst. Wem das zu wenig nach Geschenk aussieht, der kann diese Geduld auch hübsch verpacken lassen. Aber Vorsicht: Vor den einschlägigen Packtischen muss man jetzt ein gehöriges Maß an Geduld aufbringen, sodass man vielleicht keine mehr zum Einpacken übrig hat, bis man an der Reihe ist. Also, frohe Weihnachten und Geduld: Die nächste Kolumne kommt erst wieder im nächsten Jahr.

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