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Dr. Günther Loewit Hausarzt in Marchegg, NÖ, Autor des Buches „Sterben – Zwischen Würde und Geschäft“.
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Leben 23. Dezember 2014

Der Tod, ein Versagen des Arztes?

Hausarzt Günther Loewit stellt in seinem neuen Buch das Credo der modernen Medizin „Heilung um jeden erdenklichen Preis“ in Frage.

„Sterben – Zwischen Würde und Geschäft“, das dritte Sachbuch des Allgemeinmediziners Dr. Günther Loewit setzt sich nicht nur mit dem Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Sterben kritisch auseinander, sondern vor allem auch mit jenem der modernen Medizin.

„Die Heilkunst wird durch die ‚Evidence-based-medicine‘ ihrer Kunst und der Patient seiner Seele beraubt. Die Arzt-Patienten-Beziehung verliert ihren Nimbus des Besonderen. […] Wie aber soll eine Medizin, die alles und jedes genau beschrieben und festgelegt hat, mit dem diffusen und unbestimmten Bild des Sterbens umgehen? Wie soll sie auf die Summierung unterschiedlicher Beschwerdebilder eines Menschen, der im Sterben liegt, reagieren? Welche allgemeingültigen Verfahrensweisen können im Kampf gegen den Todfeind der Medizin herausgearbeitet und festgelegt werden? Soll wirklich bis zum Eintreten des Todes diagnostiziert und therapiert werden? Denn eines steht fest: Keinesfalls darf ein Patient mit medizinischem Einverständnis versterben. Sterben stellt immer ein Versagen der Medizin dar. Im medizinischen Fachjargon heißt es, dass der Kampf gegen den Tod verloren wurde. Diese ärztlich-medizinische Grundhaltung macht verständlich, warum bis zum letzten Atemzug des Patienten gegen und mit dem Tod gerungen wird. Und wenn der natürliche Tod schon nicht verhindert werden kann, dann soll er wenigstens herbeioperiert oder herbeitherapiert werden.“

Das schreibt der praktizierende Hausarzt und Autor Günther Loewit im Kapitel „Guidelines für das Sterben“ (vgl. S. 274ff) über die aus seiner Sicht bedauerliche, bedingungslose Unterordnung des Individuellen gegenüber standardisierten Verfahrensweisen in der modernen Medizin.

Auf über 300 Seiten setzt sich Loewit in seinem jüngsten Buch aber nicht nur mit grundsätzlichen Betrachtungen über Leben und Tod, Versorgen und Begleiten, Verhindern und Zulassen auseinander, sondern er erzählt anhand zahlreicher Begegnungen und eigener Erfahrungen mit dem Sterben über seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit einem Thema, das ihn schon seit vielen Berufsjahrzehnten begleitet und beschäftigt.

Antworten und Lösungen hat Loewit für seine Leser keine parat, dafür stellt er umso mehr Fragen, die zur Selbstreflexion anregen sollen. „Ich kann keine allgemeingültigen Antworten anbieten“, sagt Loewit. „Es gibt keine Patentlösung.“ Auf das Thema sei er über seinen Beruf gekommen. Über 1.000 Menschen habe er auf deren Weg aus dem Leben schon begleitet und dabei festgestellt, dass das Sterben immer mehr verdrängt wird, „nicht nur von Öffentlichkeit, sondern auch von uns Medizinern“. Er habe aus dieser Erkenntnis heraus das Buch für jene Menschen geschrieben, die „das Verdrängen einer Sache nicht für deren Lösung“ halten.

Loewit spendet in seinem Buch aber auch viel Trost. „Der Tod ist letzten Endes als Schlusspunkt des Lebens ein wesentlicher Teil desselben. Wer zum Leben ja sagt, sagt daher immer auch zum Tod ja. Wenn man mit dem Thema Sterben im Reinen ist, kann man sich auch des Lebens viel mehr erfreuen“, ist der gebürtige Tiroler, der heute in Marchegg, Niederösterreich, praktiziert, überzeugt. Für Loewit muss man auch nicht unbedingt krank sein, um zu sterben, auch wenn es offiziell – etwa laut der Statistik Austria – kein natürliches Sterben, kein Sterben aus Altersschwäche geben könne. Für jeden Tod müsse schließlich eine Krankheit als Ursache identifiziert und vom Arzt in den Sterbepapieren festgeschrieben werden. Dabei könne das Sterben durchaus ein humanistischer Vorgang sein, nicht unbedingt ein juristischer Tatbestand. „Man stirbt auch gesund am Ende des Lebens.“

Trotz seines kritischen Ansatzes gegenüber vielen aktuellen Entwicklungen in der modernen Medizin bezeichnet sich Loewit selbst als „begeisterter Schulmediziner“. Die Ärzte müssten sich jedoch immer wieder vergegenwärtigen, dass „wir wesentlich mehr Menschen durch die Medizin töten, als wir das glauben wollen“.

Empathie und Kommunikationsvermögen

Die moderne Medizin sollte, wünscht sich etwa Loewit, nicht ausschließlich auf Standardisierung und Technisierung aufbauen, die letzten Entscheidungen zum Wohl des Patienten sollten vielmehr einer von Respekt und Demut gekennzeichneten Arzt-Patienten-Beziehung überlassen werden. Um das zu ermöglichen, müsste die Gesundheitspolitik allerdings die Medizin wieder den Patienten und ihren Ärzten „zurückgeben“. Allerdings, räumt Loewit ein, müssten die Ärzte dafür besser vorbereitet und ausgebildet werden, um eine gute Arzt-Patienten-Beziehung auch entsprechend aufbauen und pflegen zu können.

Das Dilemma beginne letztendlich schon bei der Art der Zulassungsprüfungen zum Studium, Eigenschaften wie Empathie oder Einfühlungsvermögen würden durch Multiple-Choice-Tests so gut wie nicht erfasst. In der Ausbildung selbst kommt das Thema Kommunikation viel zu kurz und später im Beruf geht es dann in den Arzt-Patienten-Beziehungen in erster Linie um die gegenseitige juristische Absicherung, etwa in Form von Verfügungen. „Dieses gesprächslose Sich-gegenseitig-Absichern, was passieren kann, sollte man überdenken“, meint Loewit. „Ich glaube, das offene, informative Arzt-Patienten-Gespräch sollte einen wesentlich größeren Stellenwert einnehmen, sowohl im diagnostischen als auch im therapeutischen Bereich. Wir Ärzte haben vielfach verlernt zuzuhören, aber auch mit Menschen ehrlich zu sprechen, um etwa herauszufinden, was sie selbst wollen am Ende ihres Lebens.“

Voraussetzung für ein gut gestaltetes Arzt-Patienten-Gespräch sind aber nicht nur Kompetenz und Empathie des Arztes, sondern auch entsprechende zeitliche Ressourcen. Hätten die behandelnden Ärzte mehr Zeit am Krankenbett, um die Standpunkte der Patienten zu hören und deren Wünsche herauszufiltern, dann ließe sich später viel unnötiges Leid vermeiden, ist Loewit überzeugt. „Daher sollte viel mehr Systemzeit für den direkten Kontakt mit dem Patienten zur Verfügung stehen.“ Heute werde viel zu viel Zeit in Dokumentation, Qualitätssicherung und Verwaltung der elektronischen Datenflut investiert – Zeit, die dem Arzt schlussendlich im Kontakt mit dem Patienten fehlt, schreibt Loewit im Kapitel „So darf kein Mensch sterben“ (vgl. S. 218ff):

„Menschen in lebensbedrohlichen Situationen sehnen sich vor allem nach Zuwendung, nach Angenommen-Sein. Und ein nicht zu leugnender Teil dieses Angenommen-Seins besteht einfach aus Zeit. Zeit, sprechen zu dürfen. Zeit, gehört zu werden. Zeit, zuzuhören. Ausreichend Zeit für gegenseitiges Verstehen und Verständnis-Haben.“

Bad Bank der Medizin

Die Palliativmedizin betrachtet der Autor in seinem Buch sehr differenziert. Sie sei zwar wichtig und unverzichtbar, findet Loewit, sie sollte aber besser kein eigener Teil innerhalb der Medizin sein, sondern ein zentraler Bestandteil der einzelnen Disziplinen. Im Kapitel „Die Bad Bank der Medizin“ (vgl. S. 294ff) findet sich dazu folgender Gedanke:

„Die Auslagerung unheilbar kranker Menschen in ein neues Spezialfach der medizinischen Versorgung ist vielmehr das Resultat eines Zeitgeists, der auch faule Kredite in sogenannte ‚Bad Banks‘ auslagert, nur damit das ursprüngliche Geldinstitut von allen Schulden reingewaschen und lastenfrei erscheint. So bleibt auch die Medizin eine gute, ja eine perfekte Institution. Denn sie heilt und repariert alles. Sollte ein Mensch nicht mehr heilbar sein, so ist er nicht länger ein Fall für die eigentliche Medizin. Es scheint, dass die ständig wachsenden Strukturen rund um die Palliativmedizin nichts anderes zum Ausdruck bringen als die Angst der Medizin, ihren Nimbus der Allmacht und Unbesiegbarkeit im westlichen Wertesystem zu verlieren.“

Buchtipp

Günther Loewit „Sterben – Zwischen Würde und Geschäft“ Haymon Verlag, Innsbruck 2014

12,95 €

ISBN 978-3-85218-971-0

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 51/52/2014

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