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© Courtesy of The Gordon Parks Foundation/Alberto Giacometti Estate
Alberto Giacometti, Paris, Frankreich, 1951, Silbergelatineabzug The Gordon Parks Foundation

Diego in Wolljacke, 1953, Bronze. Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Zürich

Gefährdete Hand, 1932, Holz und Metall; Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Zürich

Frau für Venedig VIII | 1956, Bronze. Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Zürich

© (4) Alberto Giacometti Estate

Vier „große Frauen“ und ein Kopf | um 1960, Bleistift auf Papier, Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, Legat Bruno Giacometti 2012

 
Leben 16. Dezember 2014

Das ewig Menschliche umkreisend

Das Werk des Schweizers Alberto Giacometti fasziniert durch seine reduzierte Art der Darstellung des Menschen. Derzeit zeigt das Leopold Museum in Wien in der Ausstellung „Alberto Giacometti – Pionier der Moderne“ einen bedeutsamen Querschnitt durch dessen Werk.

Die Skulpturen und Grafiken Alberto Giacomettis scheinen nur auf den ersten Blick leicht verständlich. Diese Ausstellung gibt Gelegenheit, sich mit seinem vielschichtigen Werk auch im Vergleich mit einigen Zeitgenossen Giacomettis auseinander zu setzen.

Alberto Giacometti wird heute vor allem als einer der bedeutendsten Plastiker des 20. Jahrhunderts gefeiert. Seine Kindheit und Jugend im Elternhaus in Borgonovo bei Stampa im Kanton Graubünden war künstlerisch durch Giacomettis Vater Giovanni, einem bekannten Spätimpressionisten, geprägt. Bereits in jungen Jahren entwickelte Alberto Giacometti eine beachtliche künstlerische Begabung. Das durch Abgeschiedenheit geprägte Leben im Bergell-Tal förderte die Disziplin und Konzentration, mit der er sich die Grundlage seiner späteren künstlerischen Laufbahn erarbeitete. Der Vater unterstützte diese Entwicklung bei Alberto, wie auch bei seinen drei Brüdern.

In frühen Zeichnungen hat Giacometti mehrfach sein unmittelbares Lebensumfeld festgehalten. Diese Zeichnungen, wie auch die frühen Büsten seines Vaters, seiner Mutter und seines Bruders Diego sind in der Ausführung detailgenau, ausdrucksvoll und äußerst naturalistisch. Giacometti versuchte bereits damals, dem Wesen der ihm nahestehenden Menschen und dem darin Verborgenen auf die Spur zu kommen.

Der Anfang in Paris

Nach Reisen mit seinem Vater durch Italien und einem längeren Aufenthalt in Rom, erfolgte die weitere künstlerische Ausbildung Giacomettis in Paris, das – abgesehen von Borgonovo, wohin er immer wieder zurückkehrte – über Jahrzehnte sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt blieb. Das geschäftige Treiben in der Metropole und die Abgeschiedenheit im Bergell-Tal inspirierten ihn auf unterschiedliche Weise. Giacometti nahm mit rastlosem Blick seine Umgebung wahr, zeichnete, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergab. Mit markant überlagertem Strich, so als ließen sich das Interieur seines Stammcafés oder die Häuserfronten im Quartier nur schwer fassen, hielt er seine Eindrücke fest, ohne daraus ein naturalistisches Abbild entstehen zu lassen.

In seinem Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron im Pariser Stadtteil Montparnasse arbeitete er seit 1927 in engen Verhältnissen, dort lebte er auch mit seiner späteren Frau Annette. Sein künstlerisches Herantasten und unablässiges skizzenhaftes Notieren blieben nicht auf Papier und Leinwand beschränkt, sondern erstreckten sich bald schon auf die Wände seines Ateliers, die sich nach und nach füllten. Nach einer naturalistischen Phase wandte sich Giacometti zunächst einer abstrakt-reduzierten Formensprache zu. Auf diese folgte in den 1920er Jahren sein „Surrealistisches Abenteuer“: Er wurde zum führenden surrealistischen Plastiker und schaffte eindrucksvolle Werke, die seinen Status innerhalb der Gruppe der Surrealisten festigten.

Mitte der 1930er Jahre kam dieses schlussendlich doch unergiebige Abenteuer zu einem Ende. Giacometti fand zu dieser Zeit zu jenen künstlerischen Ausdrucksformen, die ihn bis zu seinem Lebensende begleiten sollten. Malerei und Zeichnung sowie die Arbeit an den Skulpturen kreisten mehr und mehr um die menschliche Figur. Giacometti hat nur mit wenigen Modellen gearbeitet, denen er sich künstlerisch immer wieder zu nähern versuchte, wohl auch in dem Wissen, daran letztlich immer wieder zu scheitern.

Auf der Suche nach Wahrheit

In den 1930er Jahren entstanden Vorformen der späteren, überlangen Figuren, deren Körper solange bearbeitet wurden, bis sie fast zu verschwinden schienen. Giacometti hat einmal darauf hingewiesen, wie überrascht er zunächst war, dass seine Skulpturen immer kleiner wurden, je mehr er an ihnen arbeitete. Fast hätte er damals den Körper zum Verschwinden gebracht. In einem weiteren Schritt wuchsen Giacomettis Skulpturen in die Höhe, sie wurden zu einer distanzierten Vision des Menschen und nur zu oft fälschlich als naturalistisch interpretiert.

Woher seine Inspiration kam, dazu gibt es zwei Thesen: Giacometti hatte während seiner frühen Italienaufenthalte Gelegenheit, die etruskischen Bronzefiguren zu studieren. Jene und die der sardischen Nuragh-en-Kultur weisen flache, oft stilisierte und überlange Körperformen auf. Dass Alberto Giacometti durch die Etrusker-Ausstellung 1955 in der Antikenabteilung des Louvre erst dazu inspiriert worden wäre, ist somit ausgeschlossen.

In einem Interview mit René Wehrli, Direktor des Kunsthaus Zürich aus dem Jahre 1962, anlässlich seiner dort stattfindenden Personale, hat Giacometti auf das Missverständnis der naturalistischen Darstellung hingewiesen: „Dass sie so dünn sind, hat damit zu tun, dass sie nicht nach der Natur geformt sind, sie sind gemacht aus der Erinnerung heraus.“ Auch seine Büsten und Porträts entstanden nach diesem Verfahren, Giacometti „vergaß“ die äußere Erscheinung seines Modells und spürte stattdessen dem Verborgenen nach. Das Auge bildete dabei immer einen wesentlichen Anhaltspunkt. Gelang es ihm, den Ausdruck darin einzufangen, so ergab sich alles andere von selbst, wie er in einem Gespräch mit dem Fotografen Ernst Scheidegger betonte, mit dem er auch befreundet war.

Überwiegend begründeten die markanten Männer- und Frauenakte Giacomettis späteren Ruhm als Plastiker. 1962 zeigte er im Schweizer Pavillon auf der Biennale von Venedig die „Femmes de Venise“. Zahlreiche internationale Ausstellungen folgten seither. Idolhaft stehen seine Skulpturen – die männlichen Akte schreitend, die weiblichen meist stehend – immer für sich, umgeben von einer Sphäre des Unnahbaren. Darin kommt die „Unfähigkeit des Menschen zur wahren Begegnung“ zum Ausdruck, der sich Alberto Giacometti künstlerisch gewidmet hat und die als symptomatisch für das 20. Jahrhundert angesehen werden kann.

www.leopoldmuseum.org

Ausstellungsdauer: 17. Oktober 2014 bis 26. Januar 2015

Thomas Kahler, Ärzte Woche 50/2014

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