zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 27. November 2014

Zungenkuss prägt die Mundflora

Wissenschaftler haben mit einem Küss-Experiment die Verbreitung von oralen Bakterien untersucht.

Paare tauschen bei einem zehn Sekunden dauernden Zungenkuss 80 Millionen Bakterien aus. Dies ist das Ergebnis eines Küss-Experiments von niederländischen Forschern. Demnach haben Menschen, die sich mindestens neunmal täglich küssen, auch eine ähnlichere Bakterienflora im Mund als Fremde.

Der Austausch von Bakterien ist alles andere als „grauslich“, erklärte Mitautor Remco Kort von der Organisation für angewandte Wissenschaft der Niederlande (TNO) und der Universität Amsterdam in einer Mitteilung zur Studie: „Schon lange vermutet man, dass das Küssen als Teil des menschlichen Paarungsrituals auch eine Rolle für die Mundflora spielt“ – zum Beispiel als eine Art Immunisierung. Immerhin sei Küssen mit Zungenkontakt bei über 90 Prozent aller bekannten Kulturen verbreitet. Allerdings sei dessen Auswirkung auf die Mundflora noch nie im Detail untersucht worden. Dies hat sein Team nun nachgeholt und stellt die Resultate im Fachjournal Microbiome 2014, 2:41; DOI:10.1186/2049-2618-2-41 vor.

An der Studie nahmen 21 Paare teil. Mit Fragebögen erkundeten die Wissenschafter, wie oft die Paare sich täglich küssten. Außerdem entnahmen sie den Teilnehmern Proben von der Zunge und vom Speichel, um das Mund-Mikrobiom zu untersuchen – also die Zusammensetzung der Mikroorganismen. Wie viele Bakterien dabei übertragen werden, zeigte sich beim Küss-Experiment: Ein Partner trank dabei ein probiotisches Getränk und das Paar küsste sich danach. Dabei verdreifachte sich die Zahl der probiotischen Bakterien im Mund des Partners, der keinen Drink erhalten hatte. Die durchschnittliche Übertragungsrate beträgt 80 Millionen Bakterien bei einem Kuss von zehn Sekunden. Die Bakterienübertragung traf jedoch nur auf die Zunge zu, nicht auf den Speichel. Diese Ähnlichkeit nahm mit häufigerem Küssen nicht zu – offenbar spielen dabei andere Faktoren eine größere Rolle: ein gemeinsamer Lebensstil, ähnliche Nahrung und Körperpflege.

Schätzungen zufolge ist jeder Mensch von insgesamt rund 100 Milliarden Mikroben besiedelt – allein im Mundraum leben etwa 700 verschiedene Spezies. In den vergangenen Jahren wurde ihre Bedeutung bei der Verdauung, beim Stoffwechsel und dem Immunsystem immer deutlicher. Nicht zuletzt halten sie auch Krankheitserreger von Darm, Haut und Schleimhäuten fern.

Kleine Diskrepanz bei Männern

Auch ein pikantes psychologisches Detail haben die Forscher mit ihrem Fragebogen aufgedeckt: Drei Viertel der Männer gaben höhere intime Kussfrequenzen an als ihre Partnerinnen. Die Männer berichteten von zehn Zungenküssen pro Tag im Schnitt, die Frauen nur von fünf. Aus früheren Studien sei bekannt, dass Männer bei Befragungen auch die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs und die Anzahl der früheren sexuellen Partnern übertreiben, schreiben die Forscher. Die Diskrepanz sei bei unverheirateten Paaren ausgeprägter.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben