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Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen (1831–1888) ging in die Geschichte als „99-Tage-Kaiser“ ein. Dabei hätte er das Format gehabt, die Geschichte deutlicher zu prägen.

Auch der Österreicher Leopold Schrötter von Kristelli (1837–1908) wurde zurate gezogen. Er gründete außerdem die erste laryngologische Klinik der Welt und die Lungenheilanstalt Alland.

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Morell Mackenzie (1837–1892): Eine Koryphäe auf seinem Fachgebiet, aber auch einer der schillerndsten Ärzte seiner Zeit.

 
Leben 27. November 2014

Der verstummte Kaiser

Die möglicherweise folgenschwerste Fehldiagnose der jüngeren Geschichte.

Eine falsche Diagnose ist per se fast immer eine Katastrophe. Für die Betroffenen ebenso wie für ihr Umfeld. Dass eine Fehldiagnose aber an die zehn Millionen Tote nach sich gezogen haben könnte, ist dann doch eher die Ausnahme.

Muß 2 Mal tägl. Emser Wasser inhaliren“, mit diesem Tagebucheintrag des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen (1831–1888) am 18. Februar 1887 begann das Desaster. Zunehmende Heiserkeit plagte den starken Raucher Friedrich Wilhelm schon seit längerer Zeit. Sein Leibarzt Generalarzt August von Wegner dachte an eine Kehlkopfentzündung, die er jedoch mit den üblichen Maßnahmen nicht in den Griff bekam. Daraufhin zog er den Internisten und Kehlkopfspezialisten Prof. Carl Gerhardt (1833–1902) von der Charité in Berlin zurate. Der fand bei der von ihm durchgeführten Kehlkopfspiegelung polypöse Verdickungen am linken Stimmband, die er für gutartig hielt und mit einer glühenden Platinschlinge abtrug. Obwohl Gerhardt die Abtragung der Wucherungen mehrfach wiederholte, konnte er ihr Wachstum nicht stoppen. Im Gegenteil, infolge der häufigen Manipulationen an seinen Stimmbändern konnte der Kronprinz bald nur noch flüstern.

Erste Krebsdiagnose

Der im Mai zugezogene Chirurg Ernst von Bergmann (1836–1907) stellte nach eingehender Untersuchung fest, dass es sich um Krebs handle und der Kronprinz sofort operiert werden müsse. Bergmann hielt die Laryngofissur und linksseitige Kehlkopfexstirpation für die Operation der Wahl. Die Überlebenschance einer derartigen Operation war damals nicht sehr hoch und außerdem hätte der Kronprinz, falls er den Eingriff gut überstanden hätte, nicht mehr sprechen können. Bei einem Konsilium am 16. Mai konnten sich die beteiligten Ärzte aber nicht darüber einigen, ob der Kronprinz nun operiert werden sollte oder nicht. Ob Friedrich Wilhelm über seine Diagnose und die Operation informiert wurde, ist unklar. Historiker vermuteten zunächst, dass seine Gemahlin Kronprinzessin Viktoria, die Tochter der gleichnamigen englischen Königin, auf Beiziehung des englischen Spezialisten Morell Mackenzie (1837–1892) bestanden hätte. Durch den Tagebucheintrag vom 17. Mai 1887 klärte sich das allerdings auf. Bemerkenswerterweise waren es nämlich drei deutsche Kollegen, die Mackenzie „als erste autorität über HalsKrankheiten ansehen u. ihn konsultieren wollen ehe ich wieder operirt werde“.

Eine schillernde Persönlichkeit

Am 18. Mai erhielt Mackenzie in London eine Nachricht von Queen Victoria, worin sie ihn ersuchte, unverzüglich nach Berlin zu reisen, um den „Hals des Kronprinzen“ zu untersuchen. Mackenzie war eine schillernde Persönlichkeit, genial, geltungssüchtig, eitel und geldgierig. Er war der Modearzt seiner Zeit in London. In seiner Klinik für Halskrankheiten behandelte er Prominente und vor allem zahlungskräftige Patienten aus ganz Europa. Darüber hinaus versorgte er allerdings auch arme Kranke völlig kostenlos und galt politisch als liberal. Er engagierte sich früh dafür, Frauen einen Beruf nachgehen zu lassen und vertrat die unter Ärzten nicht sehr verbreitete Meinung, dass es auch für weibliche Kolleginnen ein großes Betätigungsfeld gäbe.

Als Mackenzie in Berlin eintraf, waren sich die deutschen Mediziner weitgehend einig, dass eine Operation des Kronprinzen nötig sei, und erwarteten von dem englischen Spezialisten eigentlich nur mehr die Zustimmung. Vermutlich auch, um bei einem allfälligen Scheitern des Eingriffes abgesichert zu sein. Im Palais des Kronprinzen wurde bereits ein Raum für die Operation vorbereitet und der Chirurg Bergmann und sein Assistent trainierten schon an einer „unzerschnittenen“ Leiche die geplante Operation.

Falsch negative Diagnose

Dann trat das Unerwartete ein. Mackenzie fand bei seiner Untersuchung keinen Hinweis auf bösartige Veränderungen im Kehlkopf – eine folgenschwere, falsche Diagnose. Er sah daher auch keine Notwendigkeit für eine Operation. Auch in den Biopsien, die er entnommen hatte, entdeckte der Pathologe Rudolf Virchow (1821–1902), damals der wahrscheinlich berühmteste Arzt Deutschlands, keine bösartigen Zellen. Virchow diagnostizierte warzige Epithelwucherungen, die er Pachydermia laryngis nannte. Daraufhin wurde die geplante Operation abgesetzt. Heute wissen wir: Zu diesem Zeitpunkt hätte der Kronprinz wegen der geringen Ausdehnung des Tumors relativ günstige Überlebenschancen gehabt. Widerspruch wagte keiner der beteiligten Ärzte, da Mackenzie in seinem Fachgebiet als anerkannte Koryphäe galt.

Knapp daneben oder war es eine Verschwörung?

Wieso allerdings einer der damals berühmtesten Laryngologen Europas, der als erfahrener Diagnostiker und geschickter Operateur galt und 1880 ein viel beachtetes zweibändiges Kompendium über „Die Krankheiten des Halses und der Nase“ veröffentlicht hatte, diesen, nach Ansicht der deutschen Ärzte, eindeutig bösartigen Tumor nicht erkannt hat, ist noch immer rätselhaft und lieferte auch den Stoff für zahlreiche Verschwörungstheorien in die auch Virchow einbezogen wurde. Den allerdings trifft wohl kaum Schuld. Mackenzie hatte vermutlich bei seiner Biopsie den bösartigen Tumor nicht getroffen und Virchow ein gesundes Gewebestück zur Untersuchung übermittelt.

Nach einem Aufenthalt in London und auf der Insel Wight, wo Friedrich Wilhelm von Mackenzie weiter behandelt wurde, begab sich das Kronprinzenpaar wegen des milden Klimas nach San Remo. Hier verschlechterte sich Friedrich Wilhelms Zustand dramatisch. Im November bat Mackenzie, der die Diagnose Krebs jetzt selbst nicht mehr ausschloss, die anerkannten Laryngologen Leopold Schrötter von Kristelli (1837–1908) aus Wien und Hermann Krause (1848–1921) aus Berlin zu einem Konsil nach San Remo. Beide hielten eine bösartige weit fortgeschrittene Geschwulst für erwiesen und Schrötter plädierte für die Operation. Schrötter fiel die Aufgabe zu, dies dem Kronprinzen mitzuteilen, was er auch feinfühlig und taktvoll tat. Mit einer Operation war Friedrich Wilhelm dennoch nicht einverstanden, „da ein künftiger Kaiser ohne Stimme kein Kaiser sein könne“. Einer Tracheotomie, sollte sie notwendig werden, stimmte er aber zu. Am 9. Februar 1888 war es dann soweit. Der Tumor war so gewachsen, dass der Kronprinz keine Luft mehr bekam. Der junge Chirurg Friedrich Gustav von Bramann (1854–1913) musste den Kronprinzen, um ihn vor dem Ersticken zu bewahren, notfallmäßig – ohne Assistenz, ohne Schwester und im Bett, da die Operation am Küchentisch unter der Würde des Kronprinzen war – tracheotomieren und mit einer Kanüle versorgen. Sogar die Chloroformnarkose musste Bramann selbst einleiten. Auf seinen Chef, Ernst von Bergmann, der aus Berlin anreiste, konnte nicht mehr gewartet werden. Die Operation verlief ohne Komplikationen.

Eine liberale Stimme verstummt

Am 9. März 1888 verstarb Friedrich Wilhelms Vater, Kaiser Wilhelm I. im 91. Lebensjahr. Friedrich Wilhelm war nun als Friedrich III Kaiser von Deutschland und König von Preußen. Seine Regentschaft dauerte nur 99 Tage und der Kaiser blieb ohne Stimme. Dabei galt Friedrich III als Hoffnung der liberalen Kräfte in Deutschland. Der pazifistisch und liberal angehauchte Kronprinz pflegte Kontakte zu freisinnigen Politikern und man hoffte, dass er das innenpolitische Leben liberalisieren und Bismarcks Macht eindämmen würde. Aber für dramatische politische Veränderungen hatte er in den 99 Tagen seiner Regentschaft zu wenig Zeit.

„Wäre er an der Macht geblieben und hätte er Bismarck zu einer liberaleren und konstitutionellen Monarchie gezwungen, hätte er den Nichtangriffspakt zwischen Russland und Deutschland fortgeführt; hätte er sein Versprechen an Queen Victoria einer ‚engen und dauerhaften Freundschaft zwischen unseren zwei Nationen‘ einzulösen vermocht, wie anders wäre unsere Geschichte geschrieben worden“, hält der britische Historiker Ned J. Chalat stellvertretend für viele andere fest.

Bestätigung der ursprünglichen Diagnose

Kaiser Friedrich III starb schließlich am 15. Juni 1888. Einen Tag später fand die Obduktion statt. Die Diagnose war eindeutig: weit fortgeschrittener Kehlkopfkrebs. Wäre die Operation nach der ersten Diagnose ausgeführt worden, hätte Friedrich III vielleicht noch die Chance gehabt, länger zu leben und länger zu regieren. Tatsächlich halten viele Historiker den Ersten Weltkrieg mit einem regierenden Kaiser Friedrich III als undenkbar. Es ist freilich reine Spekulation, aber vielleicht wäre die Weltgeschichte ohne Mackenzies Fehldiagnose anders verlaufen. Eine Geschichte ohne die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, eine ohne zehn Millionen Tote.

Wolfgang Regal, Ärzte Woche 48/2014

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