zur Navigation zum Inhalt
Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 14. November 2014

NebenWirkungen: Ärzte und die Grenzen

Mediziner haben zu Grenzen eine ganz eigene, sehr spezielle und manchmal auch pathologische Beziehung.

In Anlehnung an eine bekannte internationale Hilfsorganisation titelte nun eine große Tageszeitung „Ärzte an ihren Grenzen“ und bezog sich dabei auf die fordernden Arbeitsbedingungen im gesundheitsgefährdenden Untertagebau einer Klinik. Dieses Wortspiel stimmt einen Kolumnisten froh. Schließlich kann man auch eine Gruppe von Medizinern, die kein Problem mit der Annahme hübscher Geschenke aus der Industrie haben, oder sie sogar einfordern, als „Ärzte ohne Grenzen“ bezeichnen; oder all jene Kollegen, die der Bitte eines iatrogen verstorbenen Patienten nachkommen, beim Begräbnis das Geld statt in Blumenschmuck gefälligst in eine Fortbildung zu investieren, als „Ärzte ohne Kränze“. Soweit, so verlockend.

Dass Mediziner an ihre Grenzen gehen, liegt in der Natur des ärztlichen Berufes, hat man doch immer wieder an der Grenze zwischen Leben und Tod zu schaffen. In der Regel jedoch eher an der Grenze zwischen Nackenverspannungen und Fußpilz. Das mag etwas unspektakulärer sein, entspricht jedoch eher der Job-Description, so man nicht gerade auf der Notfallabteilung seinen Dienst versieht.

In der größten Uniklinik des Landes gibt es zudem Unstimmigkeiten, wie viel nun gearbeitet und verdient werden soll, also an der Grenze zwischen Porsche und Mindesteinkommen, je nachdem wie weit oben man in der Hierarchie steht. Die Politik wettert mit Slogans wie „Ärzte soll’n nicht penzen!“ gegen solche Unmutsäußerungen.

Konflikte gibt es zudem bei den Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben. Patienten wollen auch am Wochenende ihre akute Hammerzehe behandelt wissen, Geburten halten sich nicht an Kerndienstzeiten und selbst die allmächtigen Unfallchirurgen entscheiden nur selten darüber, wann mit einem Auto gegen einen Baum gefahren wird. Dies ist einer guten Work-Life-Balance naturgemäß abträglich, sodass Beziehungen von Medizinern gerne mal in die Brüche gehen, auch wenn sie noch so steril sind.

Unscharf auch die Grenze zwischen gebotener Höflichkeit und notwendiger Autorität, vor allem bei akuten Fällen oder allzu bockigen Patienten. Auch die Grenze zwischen gebotener Intimität und dem Wunsch des Oberarztes, das wunderschöne Phlegmon am Hintern des Patienten der versammelten Mannschaft an Famulanten zu präsentieren, ist fließend.

Ärzte überschreiten mal Grenzen und der Onkel Doktor ist der einzige, der auch mit schmutzigen Schuhen die Wohnung betreten darf, wenn er einen Kranken behandelt. Er darf auch im Halteverbot parken oder in der Rettungsgasse fahren, so es die Not gebietet. Das Problem beginnt dann, wenn man als Mediziner nicht bemerkt, wann man eine Grenze überschreitet und in die Intimsphäre eines Patienten hineinpoltert. Denn irgendwie gebietet es die gute Kinderstube, dass ein Urologe zumindest mal „Guten Tag“ sagt, bevor sein Finger an der Prostata landet.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben