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© Staatliches Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin, Moskau
Henri de Toulouse-Lautrec: Yvette Guilbert singt „Linger Linger Loo“, 1894
© Albertina, Wien

Henri de Toulouse-Lautrec:Jane Avril, 1899

© Albertina, Wien

Henri de Toulouse-Lautrec: Moulin Rouge - La Goulue, 1891

© Cliché Bibliothèque nationale de France

Henri de Toulouse-Lautrec: Brustbild Mademoiselle Marcelle Lender, 1895 Bibliothèque nationale de France, Paris

© Szépmú´vészeti Múzeum, Budapest

Henri de Toulouse-Lautrec: Die Damen im Speisesaal, 1893Szépmú´vészeti Múzeum, Budapest

 
Leben 13. November 2014

Einer der Größten

Er galt als der Chronist des Montmartre, hat das Lebensgefühl des Fin de Siècle in Paris wie kein zweiter in seinen Skizzen und Zeichnungen verewigt. Henri de Toulouse-Lautrec ist derzeit eine große Retrospektive im Kunstforum Wien gewidmet.

Scharfe Beobachtungsgabe, distanzierte Ironie und besondere Intimität prägen die Kunst Toulouse-Lautrecs. Mit seinen Darstellungen in Skizzen, Lithographien und Gemälden gilt er als einer der Wegbereiter der Moderne.

Ein Unglücksfall in Jugendjahren war mit entscheidend, wie die Karriere dieses bedeutenden Künstlers verlief. In Albi wurde er am 24. November 1864 geboren, dort starb er auch am 9. September 1901. Bereits als Kind zeichnete sich seine künstlerische Begabung ab. Tier- und Landschaftsstudien ließen zeichnerisches Talent erkennen und schon erahnen, dass daraus vielversprechende weitere Entwicklungen folgen sollten. 1867, also mit drei Jahren, brach sich Toulouse-Lautrec – von Natur aus von eher fragiler Statur – den linken Oberschenkel; im darauffolgenden Jahr bei einem Spaziergang den rechten. Der Heilungsprozess schritt nur langsam und unter Komplikationen voran, die langen Wochen erzwungener Bettruhe während der Rekonvaleszenz nutzte er, um zu zeichnen. Toulouse-Lautrec blieb jedoch infolge der beiden Brüche und einer erblich bedingten Knochenkrankheit kleinwüchsig. Was dies für den Heranwachsenden bedeutete, dessen Familie dem französischen Hochadel angehörte und der somit aus gut situierten Verhältnissen stammte, das kann man heute nur mehr schwer ermessen.

Paris und der Montmartre

Durch die Entscheidung, sich in Paris der eigenen weiteren künstlerischen Entwicklung zu widmen, entfloh er der provinziellen Enge. Inmitten der Großstadt und dem Künstlermilieu am Montmartre fiel einer wie er nicht so sehr auf. Noch hatte er zunächst eine Karriere als akademischer Maler als Ziel. Seine Mutter unterstützte ihn in seinem Vorhaben. Schon frühe Reisen mit dem Vater nach Paris hatten in dem Heranwachsenden die Begeisterung für die Kunst und das Großstadtleben geweckt. Und dieses Großstadtleben bildete den Nährboden, auf dem sich sein künstlerisches Schaffen fortan entwickeln sollte: Es war zunächst nicht das Paris der prächtigen Boulevards und gesellschaftlich bedeutenden Salons, wohin es ihn zog, sondern das Rückzugsgebiet der Demi-Monde mit den Varietés rund um den Montmartre, wo die Künstler und Literaten bescheidene Unterkünfte und Ateliers hatten. Hier gab es Vergnügen jeder Art, das Moulin de la Galette, das Moulin Rouge oder das Chat Noir zählten zu jenen berühmten Etablissements, die mit frivolen Darbietungen und Tanzvergnügen ein Publikum anzogen, das etwas erleben wollte.

Für Toulouse-Lautrec bot sich hier ein Panoptikum unterschiedlichster Eindrücke: Ihm standen – obwohl er gesundheitlich indisponiert am ausgelassenen Treiben seiner Künstlerfreunde nicht immer teilhaben konnte – viele Türen und Herzen offen. Der Ton am Montmartre war ein rauer, die Soiréen und Bälle laut und schrill, der Grat zwischen anstößig-zotig und dem, was gerade noch als vertretbar galt, schmal.

Präziser Blick auf das Menschliche

Für Toulouse-Lautrec, der wegen seiner körperlichen Konstitution mitunter auch depressive Zustände hatte, war dies ein Ort, der dennoch zu ihm passte. Unermüdlich beobachtend skizzierte er und kam so den „Königinnen der Nacht“ ganz nahe: Er zeichnete und malte „La Goulue“ („Die Gefräßige“), Jane Avril, Nana-la-Sauterelle. So schonungslos wie das Schicksal mit ihm umging, hielt er auf Papier und Leinwand fest, was er sah. Toulouse-Lautrecs Strich konnte bissig sein, zur Übertreibung neigen, er konnte aber auch Momente besonderer Intimität festhalten.

Nicht immer gefiel dies den Dargestellten, speziell die Chansonette Yvette Guibert betrachtete die von ihr angefertigten Skizzen eher skeptisch. Doch ist keine dieser Darstellungen despektierlich, auch wenn manches Blatt die Absinth-geschwängerte Atmosphäre und unendliche Tristesse nahezu spürbar werden lässt. Das Affektiert-Künstliche, der Zauber der Varietés und Cabarets ist darin ebenso eingefangen, wie Szenen im Bordell. Das Bild „Im Salon in der Rue des Moulins“, um 1894, zeigt etwa, wie die Mädchen auf ihre Freier warten.

Neben den Zeichnungen und den Gemälden entstanden Lithographien, die als Plakate, in ganz Paris affichiert, den Ruf Toulouse-Lautrecs mehrten. In ihrer Gestaltung lässt sich der Einfluss des Japonismus deutlich ablesen: Kontur und Fläche ergeben ein bis dahin in der europäischen Kunst unbekanntes Zusammenspiel. Berühmt sind die Lithographien, auf denen Aristide Bruant, schwarz gekleidet mit breitkrempigem Hut und feuerrotem Schal zu sehen ist, eine andere Lithographie ist dem Moulin Rouge und La Gouloue gewidmet, eine weitere Jane Avril.

Mit diesen Plakaten sorgte Toulouse-Lautrec für Furore, gelang es ihm doch in unnachahmlicher Art und Weise die besondere Atmosphäre dieser Etablissements in Bilder zu fassen. Doch die rauschende Zeit des Fin-de-siècle ging ihrem Ende entgegen, obwohl damit der Mythos Montmartre und der Ruhm Henri Toulouse-Lautrecs begründet wurden, der bis heute nachwirkt.

Seine Alkoholsucht, die wohl auch hochprozentigem Absinth zuzuschreiben war, verschlimmerte sich. Noch einmal erholte er sich, bevor ihn ein Schlaganfall halbseitig lähmte und er nach einem zweiten im Alter von nur 37 Jahren starb. „In der Kunst gibt es kein Mogeln“, so schrieb Kurt Tucholskys alter Ego Peter Panter 1926 über Henri de Toulouse-Lautrec, „Der Mann war in seiner Ausbildung ein Handwerker, ein Akademiezeichner wie Anton von Werner, und auf diesem Grund hat er gebaut.(...) Man kann nur weglassen, wenn man etwas wegzulassen hat. Mogeln gilt nicht.“ Henri de Toulouse-Lautrec hat präzise beobachtet und jenen, die im Zwielicht leben, wo Schminke die Falten übertüncht, das Rot der Lippen immer eine Spur zu grell ist, künstlerisch seine Referenz erwiesen. Das macht Größe aus, eine Größe die ihn letztlich weit über seine physische Erscheinung hinaus hob.

Die Ausstellung ist noch bis 25.1.2015 im Kunstforum Wien zu sehen. Informationen: www.kunstforumwien.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 46/2014

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