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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 5. November 2014

NebenWirkungen: Untankbare Gesellschaft

Die innovative Idee des Tankstellen-Arztes ist nicht so ganz aufgegangen. Die österreichische Bevölkerung scheint noch nicht so weit zu sein.

Vor Kurzem kam ein Kollege auf die Idee, eine Ordination in einer Tankstelle zu eröffnen. Niederschwellig und zum günstigen Tarif soll neben Volltanken, Unterbodenwäsche und Leberkäsesemmel aus dem Shop auch eine Konsultation bei „Dr.ive in“, so der Allgemeinmediziner in der Eigenbeschreibung, möglich sein. „Normal“ für Kassen- und „Super“ für Privatpatienten.

Eine wunderbare Idee, wie ich finde, dass man nicht im Elfenbeinturm einer Klinik oder einer schicken Praxis auf Kundschaft wartet, sondern sich, wie ein Missionar, in die Sündenpfuhle der Patienten begibt, um Basisarbeit zu leisten. Die Tankstelle vereint mehrere Sünden, denn das Automobil gehört zu den größten medizinischen Geiseln des bequemen Menschen, ebenso all jene Dinge, die man im tankstelleneigenen Geschäft zu kaufen bekommt. Über einen Umsatzrückgang von Süßigkeiten und Rauchwaren in der Ordinationstankstelle durch die bloße körperliche Anwesenheit einer medizinischen Kontrollinstanz ist nichts bekannt.

Nun macht der Kollege seine Pforten wieder dicht. Angeblich nicht, weil die Ärztekammer ihm ein Disziplinarverfahren wegen „ausufernder Werbung“ aufgebrummt hat, da ihr der Slogan „Ein Arztbesuch – so schnell und einfach wie Volltanken“ zu marktschreierisch schien. Schade, schade, schade, kann man da nur sagen, denn in anderen Ländern ist man schon weiter. In den USA bietet etwa die Supermarktkette Wal-Mart zum Fixpreis ärztliche Konsultationen an. Das ist praktisch, denn dann kann man dort gleich jene Verletzungen verarzten, die man sich beim Testen der Faustfeuerwaffen im Nebenregal zugezogen hat.

Vielleicht sollten wir uns aber tatsächlich in Umfeldern ansiedeln, die getrost als Gomorra der gesundheitsschädlichen Sünden erachtet werden können: Eröffnen wir unsere Ordinationen doch in Konditoreien, Fast-Food-Restaurants, Sonnenstudios oder in Fahrstühlen. Dann können wir nicht nur durch unsere bloße Präsenz ein therapeutisch relevantes schlechtes Gewissen erzeugen, sondern auch gleich unsere Patienten in flagranti auf einen spontanen Blutbefund einladen.

„Rollo, der Rolltreppen-Doktor“, „Specky, der Würstelstand-Arzt“ oder „Sofie, die Sofa-Medizinerin“ lassen gleich von der Namensnennung erkennen, wo sie zu finden sind. Und ob das, liebe Standesvertretung, tatsächlich eine unlautere Werbung darstellt oder es sich dabei nur um eine Art Facharzt-Bezeichnung handelt, muss erst geklärt werden.

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