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© Andrea Rankovic / fotolia.com
 
Leben 18. Oktober 2014

Kein Sex, nur Berührung

Körperliche Zuwendung auf eine andere Art bietet die in Berlin lebende Mila Reich und führt ihre Profession als „Berührerin“ aus.

Jeder ist mit jedem vernetzt, aber wer fasst sich eigentlich noch an? Manchmal nicht mal mehr die, die in Beziehungen miteinander leben. Wem Nähe fehlt, der kann zu einem Berührer bzw. einer Berührerin gehen.

„Wenn wir alle ein Fell hätten – würden wir uns dann mehr streicheln?“ Mit dieser Frage wirbt die in Berlin lebende Milka Reich in ihrer Anzeige für das, was sie anbietet: Berührungen. Reich, die eigentlich anders heißt, fasst Leute gegen Geld an. Sie streichelt und massiert sie in ihrem Studio, zwei Stunden kosten 150,– Euro. Seit mehr als zehn Jahren macht die 49-Jährige das.

Zu ihr kommen alte Menschen oder Familienväter, Behinderte oder Frauen, gebundene oder ungebundene Menschen. Was genau sie mit ihren Klienten macht, die zu ihr kommen, plant Reich vorher nicht und unterscheidet sich dadurch von Massage- oder Tantrastudios, da sie nicht nur eine Form der Massage anbietet. Da jeder anders auf Berührungen anspricht, redet sie vorher mit ihnen und will erfahren, warum sie zu ihr kommen. Manche wollten etwas Neues ausprobieren, andere seien einsam, weil sie alleine lebten oder ihnen in ihrer Beziehung etwas fehle, erzählt Reich. Auch die Entscheidung, wie viel Kleidung bei einer Sitzung abgelegt wird, bleibt jedem selbst überlassen.

Erotik ist nicht das Ziel

Der Großteil ihrer Kunden seien Männer, erzählt Reich und begründet dies dadurch, dass sich wahrscheinlich Männer Zuwendung leichter kaufen. Viele der Massagen endeten auch erotisch, allerdings sei das nicht das Ziel, denn manchmal geschehe es einfach: „Spannung entsteht aus Entspannung.“

Auch Frauen, die in Beziehungen leben, gehen zu Reich. Die Besuche bei der Berührerin sehen manche als Ergänzung zu ihrer Beziehung und genießen es, von einer Frau angefasst zu werden, denn „alles sei langsam und achtsam“.

Körperkontakt vermindert Stress

Warum der Mensch sich nach Berührung sehnt, hat der Wiener Mediziner und Autor Prof. Dr. Cem Ekmekcioglu in seinem Buch „Der unberührte Mensch – Warum wir mehr Körperkontakt brauchen“ (2011) aufgeschrieben. „Körperkontakt tut uns gut, ruft Wohlbefinden hervor und wirkt stressmindernd“, sagt er. In einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter würden, zunehmend alleine lebten und das Internet vieles ersetze, sei es wichtig, sich das bewusst zu machen. „Ich vermute, viele Menschen merken gar nicht, was ihnen fehlt.“ Und die, die es merken, versuchen etwas gegen den Berührungsmangel zu tun. Unzählige Wellness-Angebote, Massage-Salons oder auch Kuschelpartys, die von „Kuscheltrainern“ abgehalten werden, lassen darauf schließen.

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