zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 10. Oktober 2014

Hilfe für chronische Aufschieberitis

Prokrastinierer schieben alles auf die lange Bank – mit häufig fatalen Folgen. Ein Online-Kurs kann Betroffenen helfen.

Küche putzen, Mails checken, noch einmal kurz bei Facebook oder Twitter schauen – das sind die Klassiker, wenn es darum geht, sich vor dringenden Arbeiten zu drücken. Studenten sind dabei besonders oft betroffen.

Es fällt auf, dass es an Universitäten besonders viel Aufschieberitis zu geben scheint. Daher bieten immer mehr Hochschulen in Deutschland Kurse, Hilfsprogramme und Infoveranstaltungen zum Thema Prokrastination – so der Fachbegriff – an. Und die Nachfrage dieser Angebote ist groß, denn die Anti-Aufschieberitis-Kurse sind so überlaufen, dass regelmäßig nur ein Viertel der Interessenten teilnehmen kann. Aus diesem Grund hat Eliane Dominok vom Lehrstuhl für Angewandte Psychologie des Karlsruher Instituts für Technologie einen Online-Kurs konzipiert, der Menschen aus ganz Deutschland offen steht und ein Verhaltenstraining für Jedermann (Mooc) darstellt (http:// bit.ly/1nT5VGC). Das elf-wöchige Programm besteht aus kurzen Lehrvideos, Quizfragen, Beispielen und Online-Foren, die mit konkreten Handlungsaufträgen kombiniert werden.

Dass Studierende besonders häufig zu den Menschen zählen, die wichtige Aufgaben verschieben, erklärt Dominok mit den großen Freiräumen, die eine Universität bietet. Bei Befragungen unter US-amerikanischen Collegestudenten bezeichneten sich bis zu 75 Prozent der jungen Leute als Aufschieber. Fast jeder Zweite gab an, deshalb schon einmal Schwierigkeiten im Studium gehabt zu haben. Nach Umfragen an der Uni Münster litten etwa zehn Prozent der Studierenden unter pathologischem Aufschiebeverhalten.

Es geht nicht um Faulheit

Mit Faulheit ist das Problem nicht zu verwechseln, denn es handelt sich um eine ernsthafte Arbeitsstörung, so Dominok. Im Unterschied zu Menschen, die angesichts der Fülle an Arbeit nur abwägen, welche Aufgabe zuerst erledigt werden muss, denkt der Prokrastinierer darüber nach, was er jetzt lieber machen würde. Und da kann selbst Fensterputzen attraktiver als die Arbeit am Schreibtisch werden.

Die Universität Münster hat Deutschlands einzige Prokrastinations-Ambulanz eingerichtet. Seit 2004 wurden hier rund 700 Betroffene behandelt, denen Strategien gegen das Aufschieben vermittelt werden. Dabei erarbeiten sich die Betroffenen Rituale, um zu einem fest gelegten Zeitpunkt pünktlich mit der Arbeit zu beginnen. Das sind kurze Tätigkeiten wie einmal Durchlüften oder Kaffee kochen, die als Signal für den Arbeitsstart gelten. Wichtig sind zudem eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit sowie realistische Lernpläne. Deshalb müssen die Studierenden genaue Protokolle über ihr Arbeitspensum führen.

Bei den hartnäckigen Fällen hat die Ambulanz viel Erfolg mit einer scheinbar paradoxen Anweisung: Die Betroffenen dürfen zunächst nur zweimal pro Tag 20 Minuten arbeiten. Nur, wenn ihnen das gut gelingt, dürfen sie von Tag zu Tag zehn Minuten länger arbeiten. Diese Strategie führt dazu, dass die Zeit für sie wieder kostbar wird.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben