zur Navigation zum Inhalt
© KHM
Giuseppe Arcimboldo, „Sommer“ 1563 datiert, Öl auf Holz
© Fernando Ramajo

Giuseppe Arcimboldo, „Flora meretrix“ ca. 1590, Öl auf Holz, Privatsammlung

©  Fernando Ramajo

Giuseppe Arcimboldo, „Flora“ 1589, Öl auf Holz, Privatsammlung

© KHM

Giuseppe Arcimboldo, „Winter“ 1563 datiert, Öl auf Holz

 
Leben 9. Oktober 2014

Rätselhafte Stillleben

Sie gehören zu den bekanntesten Meisterwerken des Kunsthistorischen Museums in Wien: Giuseppe Arcimboldos Jahreszeiten-Bilder und jene der vier Elemente haben derzeit illustren Besuch.

Meisterwerke aus dem 16. Jahrhundert, die auf Reisen gehen, sind eine große Seltenheit. Derzeit besteht bis Februar 2015 die rare Gelegenheit zwei Fassungen der Flora, zusammen mit den Gemälden Arcimboldos aus der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums (KHM), zu sehen.

Seine Lebensspanne reichte fast über ein Jahrhundert. Zu Beginn der italienischen Renaissance, die künstlerisch wie kulturell einen Umbruch bedeutete, schlug Giuseppe Arcimboldo in Mailand die Künstlerlaufbahn ein. Die biografischen Angaben des 1526 geborenen sind dürftig, sein frühes Schaffen nur unzureichend bekannt. Seine Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert und die Wertschätzung seiner Werke, allen voran die berühmten und einzigartigen Kompositköpfe, die zu seiner Zeit als „caprici“ bezeichnet wurden, weisen auf die Sonderstellung des Künstlers hin.

Und doch war er Jahrhunderte lang vergessen. Ein Mann, der aus einer bekannten Mailänder Künstlerdynastie stammte, die noch dazu eine gesellschaftlich führende Stellung innehatte und obwohl er ein Vierteljahrhundert am Wiener Hof unter zwei Kaisern gewirkt hat.

Heute gilt er als einer der Hauptvertreter des Manierismus, einer Stilrichtung, die am Übergang von der Renaissance zum Barock steht. Sein Schaffen einzig und allein auf die grotesk wirkenden Stillleben zu reduzieren in denen sich unterschiedliche Gegenstände zu eindrucksvollen Physiognomien formen wäre verfehlt. Tatsächlich war er, seit 1562 am Hof Kaiser Maximilians II. in Wien nicht nur als Maler, sondern als Hofkünstler tätig.

Sein künstlerischer wie gesellschaftlicher Ruf dürfte dem Mailänder damals bereits vorausgeeilt sein. Neben der Malerei hatte er die künstlerische Leitung und Inszenierung von Turnieren und höfischen Festen inne.

Seinen Nachruhm begründen jedoch die 1563 entstandenen Jahreszeitenbilder und die Serie der vier Elemente. In Wien sind derzeit zwei Bilder zu Gast. „Flora“ aus dem Jahr 1589 sowie „Flora meretrix“ entstanden um 1590 und sind beide dem Spätwerk Arcimboldos zuzurechnen sind und für Rudolf II. entstanden.

Rätselhafte Bilder

Obwohl die Bilder Giuseppe Arcimboldos auf den ersten Blick leicht verständlich wirken, erfordern sie eine tiefere Auseinandersetzung mit den dargestellten Themen. Auffallend ist ihr detaillierter Darstellungsreichtum. Alles, was zu sehen ist, kann benannt werden. In den Kompositporträts, die aus einer Vielzahl an Tierkörpern, Utensilien, Blumen und Blattwerk harmonisch komponiert wurden, ist nichts erfunden, sieht man von der Eigenart der Porträts ab. Man kann die Jahreszeiten-Porträts wie auch jene der vier Elemente durchaus als Herrscherporträts auffassen:

Dargestellt sind die jahreszeitlichen Regenten mit ihren Attributen wie etwa der Winter, dessen Physiognomie ein knorriger Stamm bildet, mit Moosen und Schwämmen bewachsen, die Bart und Lippen darstellen. Die Zitrone und der Efeu stehen beide als Symbol für Unsterblichkeit und damit für die Überwindung des Todes.

Der Winter gebietet über Land und Leute. Darin liegt aber auch die Ambivalenz der Darstellung. Alles, was wächst, ruht in dieser lichtarmen Jahreszeit, um mit Frühlingsbeginn wieder zu keimen.

Der Sommer hingegen gibt sich verschwenderisch und voller üppiger Fülle.

Von Kaiser Maximilian II. ist bekannt, dass er botanische Gärten in all ihrer Pracht schätzte und mit vielen Heil- und Nutzpflanzen vertraut war. Rudolf II. schätzte den Kuriositätenreichtum von Kunst- und Wunderkammern. Arcimboldos Kompositporträts zeigen den Reichtum der Schöpfung, über die der Kaiser von Gottes Gnaden als weiser Regent herrscht.

In den beiden späten Kompositporträts der Flora ist das offensichtliche Zusammenfügen deutlich zurückgenommen, opulente Blütenarrangements bilden die Haartracht, Gewand und Kragen sind von einer außerordentlichen Üppigkeit.

Anders als in der „Flora“ wirkt die „Flora meretrix“, durch die entblößte Brust, eindeutig sinnlicher. Oberkörper, Hals und Gesicht beider sind aus Blüten gebildet, die Blütenpracht wirkt, wie auf der Haut verewigt. Auf dem Bildnis der „Flora meretrix“ sind zudem Falter, Raupen, Marienkäfer und auch ein Heuschreck zu finden. Über dieses unscheinbare Getier weiß man zu dieser Zeit noch sehr wenig. Dessen Wandlungsfähigkeit durch Verpuppung spielt hier eine wichtige Rolle.

Die Sprache der Blumen

Beide Darstellungen der Flora zeigen, wie es der Göttin des Frühlings und der Blüte gebührt, einen prachtvollen Blumenschmuck. Die einzelnen Blumen sind von erheblicher Bedeutung. Jede dieser Blüten hat symbolhaften Charakter: so etwa das Maiglöckchen, das einerseits giftig ist, andererseits aber auch als medizinische Heilpflanze gilt. Maßliebchen, Margerite und Ringelblume werden heute noch bei Liebesorakeln verwendet. Sagenumwoben ist auch die Rose, die mit Leben und Tod in Verbindung steht, zudem aber auch eine deutlich sinnliche Note besitzt. Veilchen haben eine mythologische Verbindung zum Jenseits und zur Unsterblichkeit der Seele. Die Lilie steht für die Überwindung der Finsternis, kein Wunder also, dass sie in den beiden Porträts eine beherrschende Stellung einnimmt.

Die Erdbeere mit ihren Blättern und Früchten bedeutet zweierlei: Einerseits Demut und Bescheidenheit, andererseits ist die Darstellung der Früchte mit erotischen Anspielungen verbunden. Diese vielschichtigen Bedeutungsebenen weisen auf das reiche profunde Wissen dessen, der sie geschaffen und mit meisterhafter Sicherheit in Szene gesetzt hat. Die bildlich umgesetzte Metamorphose wirkt faszinierend-befremdlich. Auch darin liegt der besondere Reiz, den diese Bilder heute noch ausüben. Man sollte sich darum genug Zeit nehmen, um sie eingehend zu studieren.

www.khm.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 41/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben