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© (5) musée de l`Ecole nationalevétérinaire d`Alfort
Lebensgroßes anatomisches Lehrmodell des Pferdes von Louis Thomas Auzoux, Papiermaché, 1846

Büste eines Mannes, Ècorché von Honoré Fragonard

Blick in die neu gestalteten Räumlichkeiten mitÉcorché des Reiters mit Pferd von Honoré Fragonard.

Die Präsentation der studienwissenschaftlichen Präparate im Saal der vergleichenden Anatomie.

Der Saal der Skelette in heutigem Zustand.

 
Leben 5. Oktober 2014

Verborgene Faszination

Es gilt als eines der ältesten Museen Frankreichs und zählt trotz seiner erstaunlichen Sammlungen zu den unbekanntesten: Das Musée de l`Ecole nationale vétérinaire d`Alfort in Paris.

Per Zufall kommt man als Besucher nicht dorthin. Es gibt auch keine Touristenströme. Ein Besuch dieser wissenschaftlich-medizinischen Sammlung, die weltweit zu den ältesten noch erhaltenen zählt, öffnet den Blick in eine andere Zeit.

Im Jahr 1766 wurde der Grundstock dieser erstaunlichen Sammlung der Veterinärmedizin und Anatomie gelegt. Das „cabinet de roi“ mit seinen Sammlungsbeständen stand zunächst unter Aufsicht der königlichen Garde. Es war nicht allgemein zugänglich, sondern Ludwig XV., dessen besonderen Gästen und den lehrenden Professoren zu Studienzwecken vorbehalten. Die Anfänge dieser Sammlung sind auf das Engste mit Honoré Fragonard, ihrem ersten Direktor verbunden. Er hatte zudem dort die erste Professur für Anatomie inne. Während der französischen Revolution wurde die Sammlung verwüstet und vieles unwiederbringlich zerstört. Allerdings blieben einige der äußerst bemerkenswerten Präparate Fragonards glücklicherweise erhalten. Sie zählen auch heute noch zu den ältesten Objekten, die sich in den Beständen der Sammlung befinden.

Anatom mit künstlerischer Ader

Geboren wurde Honoré Fragonard 1732 in der Parfum-Metropole Grasse. Sein Cousin war der Maler Jean-Honoré Fragonard. Der Veterinärmediziner Claude Bourgelat, der die erste veterinärmedizinische Schule in Lyon 1761 gegründet hatte, wurde, nachdem Honoré Fragonard sein Anatomiestudium absolviert hatte, auf ihn aufmerksam. In einer Mischung aus unvergleichlicher Kunstfertigkeit und profundem medizinischem Wissen fertigte Fragonard seine Präparate nicht nur zu Studienzwecken an, sondern verkaufte sie auch an zahlungskräftige Kunden aus den Kreisen des französischen Hochadels.

Fragonard hatte durchaus einen Sinn für das Theatralisch-Effektvolle, was der Zeit, in der seine Präparate entstanden, durchaus entspricht. Er verstand sich in gewisser Weise als Künstler, das belegt die Art und Weise, wie er seine Präparate präsentierte. Es handelt sich dabei um durchdachte Inszenierungen wie etwa bei der Figurengruppe des Mannes auf einem Pferd, wobei die ungeheure Präzision und meisterhafte Ausführung beeindrucken. Fragonard blieb darin unerreicht.

Nur etwa 20 seiner Präparate, die durch die Kraft ihres Ausdrucks auch heute noch den Betrachter in ihren Bann ziehen, sind erhalten. Von Fragonard selbst gibt es weder ein Porträt noch hat er über seine Forschungen publiziert. Wären seine „écorchés“ nicht erhalten geblieben, wäre er völlig in Vergessenheit geraten. Bislang konnte auch nicht verlässlich geklärt werden, mit welchen Mitteln und Methoden Fragonard diese heute durchaus verstörend wirkenden und dennoch faszinierenden anatomischen Präparate von Mensch und Tier schaffen konnte.

Der Weg zur wissenschaftlichen Sammlung

In der Sammlung manifestiert sich auch ein Wendepunkt: Das während der Zeit der Renaissance und Barock vorherrschende Konzept der Kunst- und Wunderkammer wird von den ernstzunehmenden Anfängen wissenschaftlicher Forschung abgelöst. Die gesammelten Anomalien und Sonderbarkeiten bilden nicht mehr nur ein exotisches Panoptikum, das von der eigenartigen Wirkung seiner Objekte charakterisiert wird. Die anatomisch-naturwissenschaftlichen Sammlungen an der Wende zum 19. Jahrhundert werden mehr und mehr zu Schau- und Studiensammlungen. Anhand der Exponate werden nun vergleichende Studien möglich, die Schaustücke dienen vermehrt der Forschung.

Bediente das „musée de l`Ecole nationale vétérinaire d`Alfort“ in seiner Anfangszeit noch die Schau- und Repräsentationslust, wandelte es sich mit der Zeit zu einer medizinisch-wissenschaftlichen Studiensammlung. Honoré Fragonard hat in dieser Hinsicht an der Schwelle zur Aufklärung visionäre Weitsicht bewiesen. Sein ambitioniertes Lebensprojekt eines „Office National d´Anatomie“ blieb jedoch unverwirklicht. Trotz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten auf dem Gebiet des Präparierens war er nicht unumstritten. Mit seinen „écorchés“ hat er eindeutig Grenzen überschritten, in dem er das Tabu brach, Menschen nach ihrem Tod – und sei es nur zu Studienzwecken – solcherart zu präparieren. Das hat ihm schon zu Lebzeiten wohl vehemente Ablehnung beschert.

Um die Muskulatur und anatomische Struktur des menschlichen Körpers besser verstehen zu können, wurde bereits seit Leonardo Da Vinci der menschliche Körper hautlos dargestellt. Wachsmoulagen oder auch Gipsmodelle aus dem 19. Jahrhundert, wie sie das Josephinum in Wien besitzt, ermöglichten einen vergleichbar natürlichen Einblick in die menschliche Anatomie. Das Präparieren eines echten Körpers, wie es Fragonard betrieb, um daran umfassende Studien vornehmen zu können, galt als anmaßend und vermessen. Er wurde zwar zum Direktor der Abteilung für Anatomie an der neu geschaffenen École de Santé de Paris ernannt, konnte aber sein außergewöhnliches Lebenswerk nicht weiter fortsetzen.

Mehrmals musste die Sammlung ihren Standort wechseln: 1829 erfolgte der überfällige Neubau für die rasch wachsenden Sammlungsbestände. Medizinisch konnte man im Verlauf des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich wichtige Forschungserfolge auf dem Gebiet der Infektiologie und Physiologie erzielen. Nach einer weiteren Übersiedlung 1902 in neue Räumlichkeiten, umfasst das Museum seither mehrere Säle und eine Gesamtfläche von 700 Quadratmetern. 1991 schloss das Museum für lange Jahre seine Pforten. Erst 2008 wurde es nach einer umfangreichen, tiefgreifenden Renovierung wiedereröffnet. Heute zeigt es sich im Zustand seiner letzten Erweiterung im Jahre 1902 und erlaubt einen faszinierenden Einblick in die frühe medizinische Sammlungsgeschichte.

www.musee.vet-alfort.fr

Thomas Kahler, Ärzte Woche 40/2014

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