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90x75 cm, Ölfarbe auf französischer Baumwolle, 2014

Japanische Tusche auf Aquarellpapier, 24x32 cm groß, 2014

Acryl und Öl auf französischer Baumwolle,100x100 cm groß, 2014

© (4) Gerhard Flekatsch

Gerhard Flekatsch in seinem Atelier bei der Arbeit.

 
Leben 4. Oktober 2014

Unterschiede leben und sichtbar machen

In der aktuellen Ausstellung „Quantensprung“ zeigt Gerhard Flekatsch, wie genau er sich mit der Materie künstlerisch auseinandersetzt.

Bei den Arbeiten des österreichischen Künstlers Gerhard Flekatsch steht vornehmlich der Prozess im Vordergrund. Dabei geht es ihm um Wahrnehmung und verschiedene Perspektiven seiner Bilder, die dem Betrachter die Möglichkeit der freien Interpretation geben sollen. Die Verantwortung, die dadurch jeder in seiner eigenen Sichtweise trägt, soll somit bewusst gemacht werden. Flekatsch’s neue Bilder werden in der Ausstellung „Quantensprung“ im Rahmen der Wiedereröffnung des Kunstraums Dr. David präsentiert.

Die Quantenphysik gibt denen, die sich damit beschäftigen, mit jeder Antwort neue Fragen. Ein Teil dieser Fragen beginnt schon im sprachlichen Bereich. Wie kam es zu dem Bedeutungswandel für den Begriff des Quantensprungs. Nämlich von dem ursprünglichen Sinn einer sehr kleinen diskontinuierlichen Veränderung im subatomaren Bereich zur heute gängigen Interpretation einer großen gedanklichen Neubildung mit epochaler Bedeutung, ausgelöst durch eine Idee oder einen Perspektivenwandel. So wie ein Standortwechsel eine neue Ansicht auf eine Sache ermöglicht oder sogar notwendig macht – wie etwa, dass politische Ereignisse aus der Sicht eines Asylwerbers ganz anders aussehen als aus der eines Asylgebers und gestrige Befreier zu heutigen Diktatoren und Terroristen werden–, so gibt der Wechsel eines Teilchens von einer Elektronenschale in eine andere dem ganzen Atom eine andere Wertigkeit oder sogar ein anderes Gefahrenpotenzial.

Gerhard Flekatsch ist ein Künstler, der diese Unterschiede lebt und sichtbar macht. Für ihn ist das Betrachten seiner Bilder das Aufnehmen von Informationen, das Wahrnehmen des eigenen Standpunktes dazu, das Bewusstmachen der eigenen Interpretationsleistung und der damit verbundenen Freiheit der Interpretation. Mit dem anscheinend engen Korsett von Linien und Farben eröffnet er Räume, in denen man sich der Verantwortung seiner eigenen Sicht- und Seinsweise bewusst werden kann. In diesem Sinne wirkt er auch therapeutisch – im Freud’schen Sinne „Wo Es ist, soll Ich werden“. Wenn ein bewegtes Teilchen beobachtet wird, erstarrt es und verändert damit seine Qualität – es ist nicht mehr Welle, sondern Korpuskel. So hat der Beobachter Verantwortung für das, was er wahrnimmt. Und auch für das, was zuerst nur an die physikalische Zerlegung des Lichts, die Abbildung Frauenhofer’scher Linien, erinnert, formt sich zur Darstellung von Skylines, Brücken, Türmen und dynamischen Menschengruppen.

Die Physik und damit Gerhard Flekatsch gehen aber noch weiter: Aufgrund der Theorie der Quantenverschränkung müssen wir damit leben, dass jede Bewegung eines Quants irgendwo im Universum eine messbare Gegenbewegung hervorruft oder zumindest – wenn es schon keinen kausalen Zusammenhang nachzuweisen gibt – eine solche existiert. Das bedeutet in der Auseinandersetzung mit den Bildern von Gerhard Flekatsch, dass sie nur solange existieren, als wir sie betrachten. Das gilt sowohl für die Ölbilder als auch für die Arbeiten mit Tusche auf Papier oder die fraktalen Darstellungen menschlicher Körper in seinen Fotoarbeiten.

Welche Qualitätsveränderung die Verlagerung des Kunstraums Dr. David vom 13. in den 23. Wiener Gemeindebezirk mit sich bringt, ob diese Grenzüberschreitung und ein Näherrücken an die Wiener Peripherie meine Änderung der Wirksamkeit zur Folge hat (es ist immer die äußerste Elektronenschale, die reagiert), das bleibt der Beurteilung durch die Besucherinnen und Besucher überlassen.

Die Vernissage „Quantensprünge“ mit Eröffnung durch den Bezirksvorsteher Gerald Bischof im Kunstraum Dr. David in 1230 Wien, Maurer Lange Gasse 47, findet am 1. Oktober 2014 ab 18.00 Uhr statt.

Weitere Informationen: www.kunstpraxis-david.at

Harald P. David, Ärzte Woche 38/2014

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