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© Martin P. Bühler/Bildrecht, Wien 2014
Michelangelo Pistoletto – Der Etrusker, 1976 Fondazione Pistoletto.
© Josef Anton Sudy/Bildrecht, Wien, 2014

Heimo Zobernig, o. T., 1988

© Gregor Titze,Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht „Die andere Seite“, Marmorgalerie: Gerold Tagwerker - construct_unfinished 2008/14.

© Kunstmuseum Wolfsburg

Cindy Sherman - Untitled Filmstill #2, 1977. Fotografie s/w

 
Leben 12. September 2014

Blick in den Spiegel

Narziss war von seinem eigenen Spiegelbild dermaßen angetan, dass er sich in sich selbst verliebte. Seine Geschichte endete tragisch. Der faszinierende Reiz, den Spiegel ausüben, ist seit der Antike dennoch ungebrochen.

Der Mensch betrachtet sein Spiegelbild meist aus Eitelkeit. Setzen sich zeitgenössische bildende Künstler mit diesem Phänomen auseinander, liegen die Dinge anders. Die Ausstellung „Die andere Seite“, die bis 12. Oktober 2014 im Unteren Belvedere zu sehen ist, geht dem auf den Grund.

Ein Spiegel zeigt nie die objektive Wahrheit, denn das Spiegelbild wird immer als eine andere Form der eigenen Person wahrgenommen. Gespiegelt heißt in erster Linie, dass sich die Seiten verkehren: aus links wird rechts und umgekehrt, man sieht sich also spiegelverkehrt. Dieses Phänomen hat Literaten und bildende Künstler immer wieder gereizt, sich damit auseinander zu setzen. Da geht es um die Mehrdeutigkeit von Zeit und Raum, Reflexion und Selbstreflexion. Man versichert sich aber auch der eigenen Existenz. Denn der Blick in den Spiegel ist meist ein selbstkritischer, zeigt er doch Veränderungen, die man nicht wahrhaben will. Ein Spiegel dient nicht nur der persönlichen Eitelkeit, er stellt sie zugleich schonungslos bloß.

Das Abbild ist trügerisch, es schmeichelt oder führt einem, wie in Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, die eigene Vergänglichkeit vor Augen. In der bildenden Kunst schafft das Spiegelbild Distanz und Nähe zugleich, ermöglicht intime Einblicke, enthüllt Verborgenes. Berühmt ist das Selbstbildnis Parmigianinos gemalt mit Hilfe eines Konvexspiegels, das sich im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet.

Spiegeleffekte und Selbstreflexion

Der Spiegel enthüllt und verbirgt gleichzeitig. Das Verborgene hat mit besagter „Anderen Seite“ zu tun, auf die der Titel dieser Ausstellung anspielt: er ist wohl auch von Alfred Kubins gleichnamigem phantastischem Roman inspiriert, der den Leser in ein Traumreich führt. Auch Alice, die Hauptfigur in „Alice’s Abenteuer im Wunderland“, 1865 vom englischen Autor Charles Lutwidge Dodgson verfasst, gerät durch den Spiegel in eine Gegenwelt, in der es keine Gesetz- und Regelmäßigkeiten zu geben scheint.

Narziss war es unmöglich, sich in seinem Spiegelbild selbst zu erkennen. Die Erkenntnis angesichts des eigenen Abbildes hat mit dem Bewusstwerden der eigenen Person zu tun. Franz West schaut sich selbst-(verliebt) in „Narziss“, aus dem Jahr 2003 in den Spiegel. Sein prüfender Blick ist durchaus skeptisch und doch spricht daraus auch Selbstbestätigung. Oder ist es Koketterie mit dem altbekannten Thema des Narzisshaften? Wer ist der beste Künstler im ganzen Land? Diese Frage wird durch den Blick in den Spiegel ironisch gebrochen.

Selbstsicht und Abbild harmonieren nicht immer. Diesen Differenzen spüren die in dieser Ausstellung repräsentierten Künstler mit ihren Werken nach. Die Installation Gerold Tagwerkers „construct_unfinished, aus den Jahren 2008/14 bricht im Marmorsaal die Tiefenreflexion der beiden gegenüberliegenden Wandspiegel auf. Nähert man sich den spiegelnden Flächen, wird das eigene Abbild vielfach reflektiert und dabei dekonstruiert – die Einheit wird zur Vielheit. Ein irritierender Moment, aber es kommt noch besser. Michelangelo Pistoletto stellt mit seinem Spiegelquader „Metrocubo d`Infinito aus dem Jahr 1966, dessen Spiegelflächen nach innen gerichtet sind, eine bemerkenswerte These in den Raum: Was spielt sich im Inneren ab, wenn sich Spiegel völlig abgedunkelt gegenüberstehen? Abwesenheit von Licht bedeutet zugleich Abwesenheit eines gespiegelten Abbildes. Und doch bleibt der Spiegel ein Spiegel.

Marcel Duchamp hat einmal die berechtigte Frage gestellt, ob ein Wasserfall zu rauschen aufhört, wenn ihm niemand zuhört. Was auf den ersten Blick banal erscheint, entwickelt sich jenseits physikalischer Gegebenheiten zu einem faszinierenden Gedankenspiel. Faszinierend, aber auch riskant, weil vieles von dem, was man gemeinhin als gegeben annimmt, sich möglicherweise als geschickte Täuschung entpuppt. Beim Blick in den Spiegel erwartet man gemeinhin, sein eigenes Konterfei zu erblicken und nichts anderes. Geschickt genutzt, wird daraus ein Spiel mit der Illusion, ein magischer Moment: Dinge werden zum Verschwinden gebracht, man kann seinen Augen nicht trauen. Hans Kupelwiesers langsam rotierende Spiegelinstallation im Durchgang zur Ausstellungshalle lässt beim Näherkommen das eigene Spiegelbild verzerren und verschwinden. In einem weiteren Werk Kupelwiesers, das sich in der Gartenanlage vor dem Marmorsaal befindet, „Ohne Titel“ (2014), wird das Abbild durch die gewaltsame Verformung des spiegelnden Metallkörpers ebenso deformiert.

Eitelkeit und Vergänglichkeit

Die Ausstellung gibt auch dem seit der Barockzeit populären Vanitas-Thema großen Raum. Eitelkeit und Vergänglichkeit sind die beiden Gegenpole, um die es sich hier dreht. Die Auswahl mancher zu diesem Thema präsentierten Künstler scheint jedoch – das ist ein gewisses Manko an dieser Ausstellung – spekulativ. Einige bedeutsame Höhepunkte, darunter auch die Lichtinstallationen von Brigitte Kowanz, die „Pin-ups“ Friedl Kubelkas (1973–74) und Arbeiten von Elke Silvia Krystufek, geben dem Thema jedoch die nötige Tiefe. Die manipulative Ebene der Spiegelungen führen Cindy Shermans „Untitled Film Stills“ aus den Jahren 1977 und 1980 ironisch gebrochen vor Augen. Sicherheit gibt es nicht. Wer den Sprung durch den Spiegel wagt, begibt sich auf unbekanntes Terrain: Dies ist ein Weg, sich dem Unbekannten zu stellen.

www.belvedere.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 38/2014

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