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Wer ein unerschrockener Anhänger der Do-It-Yourself-Medizin ist (und einen starken Magen hat), findet auf Youtube viele blutige Anleitungen. Hier wird mit Zange und Wasserstoffperoxyd eine Warze entfernt.

How to remove warts 2 

 

 
Leben 5. September 2014

Von der Cyberchondrie bis zur Do-It-Yourself-Medizin

Wie gesund ist die digitale Revolution für Patienten und Ärzteschaft?

Als Medizin-Kabarettist und Kommunikationswissenschaftler war es mir ein besonderes Bedürfnis, ein Buch über die digitale Revolution zu schreiben, insbesondere über ihre Auswirkungen auf Medizin-affine Menschen.

„Herr Doktor, der Hypochonder aus Zimmer 105 …“

„Ja, Schwester? Was ist mit ihm?“

„Er ist gestorben!“

„Jetzt übertreibt er aber.“

Dieser Ärztewitz zeigt: Wer an Krankheitsangst leidet – Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent davon betroffen sind –, wird oft nicht ernst genommen. Was das Leid des Betroffenen in der Regel vergrößert, weil er somit eine falsche Behandlung erhält.

Das Internet stellt mit all seinen Möglichkeiten für so gut wie jeden eine Bedrohung dar. Dass die Medizin im Netz abgehandelt wird, hat nicht viele Vorteile. Bei manchen Kleinigkeiten ersparen wir uns das Warten in überfüllten Wartezimmern und bei Themen wie Verhütung, Scheidenpilz und Erektionsstörungen peinliche Gespräche mit dem Arzt. Und sollten bei den Tabletten, die wir per E-Mail bestellt haben, tatsächlich die Nebenwirkungen überwiegen, können wir dann immer noch unseren Arzt des Vertrauens aufsuchen.

Darüber hinaus ist es mitunter auch ganz nett, hin und wieder seinen Hausarzt zu blamieren, indem man vor seiner Nase seine Symptome „googelt“ oder Zweitmeinungen von Net-Doktoren einholt und diese dann stundenlang mit ihm diskutiert, vielleicht auch noch über Videokonferenz, besonders kostengünstig über Skype, mit dem zugeschalteten Arzt. Wenn sich jetzt allerdings jemand ins weltweite Netz schwingt, der ohnehin schon angeschlagen ist, potenzieren sich die Gefahrenmomente.

Hypochonder sind ja von vornherein gestraft: Sie leiden an echten Symptomen, aber es lässt sich keine passende Erkrankung dazu finden. Niemand glaubt ihnen. Selbst wenn sie an ihren eingebildeten Krankheiten zugrunde gehen, wird ihnen von ihrer Umgebung maximal ein Hang zu Selbstdarstellung und Dramatik bescheinigt. Kein Wunder, dass sich diese, solcherart gekränkt, ins Internet begeben, um sich gegen all die Skeptiker und Ärzte aufzurüsten, die ihnen einreden wollen, gesund zu sein.

Dass sie unter Umständen daran leiden, Krankheiten zu suchen, statt das Leben zu genießen, wollen sie naturgemäß nicht hören, beziehungsweise können sie nicht hören, weil ihr Herz schon wieder so laut schlägt. Aber auch jene, die (noch) keine Hypochonder sind, können über das Internet welche werden. Geben Sie doch gleich einmal die Symptome „Herzschlag, Verdacht auf Herzinfarkt, Tod“ in die Suchmaschine ein. Die Ergebnisse, zehn Sekunden später, lassen sie blass aussehen, wenn sie das nicht zuvor schon getan haben. Jetzt haben Sie die Bestätigung - Sie sind totgeweiht! Über 350.000 Treffer können nicht irren.

Teuflisches Paradies Internet

In Mutter-Vater-Kind-Foren, Bleib-am-Puls-Gruppen und Im-Netz-der-Medizin-Selbsthilfegruppen werden Erfahrungen ausgetauscht und Ängste gewälzt.

„Ein Herzinfarkt ist ein lebensbedrohendes Ereignis.“

„Nach Verdacht auf eine koronare Herzerkrankung innerhalb von einem Monat tot.“

Ein teuflisches Paradies für einen Hypochonder: Nun können neue Symptome und die fürchterlichsten Krankheitsverläufe, gemixt aus gefährlichem Halbwissen und leidenschaftlichem Masochismus, aufgesogen und verinnerlicht werden. Der Hinweis auf den seriöseren Seiten, unbedingt einen Arzt aufzusuchen, gibt den zusätzlichen Kick. Alleine vor dem Bildschirm rast man ungebremst in die nächste Panikattacke. Kein Arzt in der Nähe, der widerspricht, kein Experte, der beruhigt. Natürlich werden diese im Internet auch zitiert, aber wer will das schon lesen, wenn Patientin „Klara Wahnsinn“ von der Nacht berichtet, in der ihr Herz anfangs ganz laut schlug, hernach der Schmerz vom Bein aus über die linke Körperhälfte langsam nach oben kroch, das beklemmende Gefühl im Brustkorb überhandnahm, bis ihr Herz rasend zur Explosion schritt und sie nur durch eine Fügung des Schicksals dieses Statement noch aus dem Jenseits schicken kann … Was sich wie ein Scherz liest, ist beklemmender Ernst: Cyberchondrie ist ein anerkanntes Krankheitsbild. Hinter dem Bildschirm wartet Todesangst. Blanker Horror ganz ohne Zombies und Vampire. Deshalb helfen hier auch keine Kopfschüsse und Knoblauchbündel. Da kann man nur noch den Stecker ziehen.

Das andere Extrem: Operation Youtube

Wenn auf der einen Seite des Wahnsinns die Cyberchondrie steht, so befinden sich auf der anderen Seite die unerschrockenen Betreiber der Do-It-Yourself. Denn wer den Weg in die nächste Krankenhausambulanz scheut, kann – dem Internet sei Dank – nun selbst zum Skalpell greifen. In kurzen Filmchen werden Eingriffe leicht verständlich dargestellt.

„Sie haben eine Warze am Finger? Ein Hühnerauge drückt auf der Fußsohle? Sie haben Internetzugang? – Warum zahlen Sie dann immer noch Krankenkassenbeiträge?“ Diese und ähnliche Fragen werden an internetaffine Patienten herangetragen. Schließlich haben engagierte Zeitgenossen längst lehrreiche Videos produziert, die im Netz frei zugänglich sind.

Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit, räumen Sie die Frühstücksreste vom Tisch und holen Sie Ihr Smartphone und Ihr schärfstes Messer. Wer besser sehen will, kann den Laptop auch noch intelligent unter einem Scheinwerfer platzieren. Wenn jetzt noch Wartezeiten entstehen, dann liegt es nur an noch an Ihnen. Wer auf YouTube „Warze entfernen“ eingibt, wird in Sekundenschnelle mit Hunderten kleinen Filmchen zum Thema belohnt. Bei manchen Informationsvideos kann man sich zuerst Appetit holen: „Anal Warzen Frauen peinlich Video Teil 2“ war noch Ende 2013 im Netz zu finden. Den Machern ging es dabei hauptsächlich um die Aufklärung und die Enttabuisierung eines schmerzhaften Themas. Da verzeiht man durchaus den etwas holprig anmutenden Titel. Dafür durfte man einem Arzt bei der Arbeit zusehen.

„How to remove warts“

Bei einer knapp vier Minuten dauernden Prozedur „How to remove warts“ brauchen Sie nicht einmal ein Skalpell. Beobachten Sie die Teenies bei ihrer Arbeit: Es reichen eine Pinnadel, Alkohol, Englischkenntnisse und ein belastbarer Magen für das Anschauen des Films. Und: bitte nicht nachmachen! Und wer es gerne „ein bisschen verrückt“ hat, kann es mit „Neu Warzen entfernen mit Knallgas“ versuchen. Unser Horizont, der bislang ein wenig von unserer schulmedizinischen Vergangenheit eingeschränkt war, darf erweitert werden. Und wenn wir schon dabei sind, entlasten wir gleich unser überlaufenes Gesundheitssystem und legen auch bei größeren Eingriffen selbst Hand an. So ist unter anderem eine Dokumentation des Südwestrundfunks (SWR) unter dem Titel „Skalpell bitte“ abzurufen, bei der man von Anfang bis zum Ende dabei sein darf, wenn eine Operation am offenen Herzen durchgeführt wird. Wer sagt denn, dass man sich nur zu Kegelabenden und Kartenrunden verabreden darf? Wie wäre es mit der eigenen Bypassoperation mit Freunden? Wenn sich keine Ärzte bzw. Fachkollegen im Freundeskreis befinden, lädt man einfach alle ein, die einem tagsüber so begegnen.

Zwischen einem echten Doktor und unserem Hausmeister liegen vielleicht zehn Jahre medizinischer Ausbildung, dafür hat unser Hausmeister aber keinen anstrengenden Nachtdienst hinter sich und kommt vollkommen ausgeruht zum Küchentisch. Auf dem wir abgedeckt mit einem gebügelten Tischtuch liegen und gespannt auf die nächsten Schritte warten. Er hat sogar seinen Desinfektionsspray dabei! Allerdings sollte man bedenken: Wenn bei einem Eingriff kein Arzt beteiligt ist und dann wider Erwarten etwas schiefläuft, hat man eine ganz schwierige Position bei etwaigen Kunstfehlerprozessen.


Veranstaltungstipp:

„Mailbox voll, Akku leer. Müssen wir jetzt reden?“ Lesung von Norbert Peter Kulturkabinett Freiligrathplatz 6, A-1210 Wien Freitag, 3. Oktober 2014, 19.30 Uhr Eintritt: 12,50 Euro (ermäßigt: 11 Euro)

Norbert Peter, Ärzte Woche 37/2014

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