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© (5) Thomas Kahler
Fontaine Rue Victor Hugo.

Fontaine Reboul, erste Erwähnung um 1475, im 17. Jh. erneuert.

Fontaine de la Mairie, erbaut 1750.

Fontaine duPélican, erbaut 1761 (oben) und Detailansicht (unten).

 
Leben 2. September 2014

Stadt der Brunnen

Quellwasser ist kostbar: Im südfranzösischen Pernes-les-Fontaines, einer kleinen Stadt in der Nähe von Avignon, spenden seit mehr als 300 Jahren mehr als 40 Brunnen das wertvolle Nass.

Bei weitem hat das Städtchen, malerisch am Ufer der Nesque gelegen, nicht den Stellenwert, den es verdient. Denn bei einem Stadt-Rundgang lassen sich außer malerischen Ecken zahlreiche kunstvoll gestaltete Brunnen entdecken, die in Zusammenhang mit der Quelle des Heiligen Rochus stehen. Aber vielleicht ist diese Verborgenheit ja gar nicht so ungünstig für jene, die ihr Weg nach Perne-les-Fontaines führt.

Auf der einen Seite von Pernes-les-Fontaines liegt das weitgestreckte Tal der Rhône, auf der anderen die hügelige Landschaft des Departement Vaucluse, die sich bis hin zum Mont Ventoux und dem Luberon erstreckt. Rundum gibt es kultureller und kulinarischer Art Einiges zu entdecken. Pernes, so der ursprüngliche Ortsname, wurde im Jahr 994 erstmals urkundlich erwähnt und liegt abseits der Touristenströme. Der Name leitet sich ursprünglich von „Paternis Villa“ ab und bezeichnete in römischer Zeit ursprünglich ein Streugehöft mit einem repräsentativen Herrenhaus. Die zweite urkundliche Erwähnung weist auf die Anlage eines befestigten Kastells hin. Pernes hatte also schon vor Jahrhunderten eine besondere Bedeutung. Die Lage am Ufer der Nesque war strategisch günstig.

Quelle des Wohlstands

Mit Hochwasser und Überschwemmungen musste jedoch immer gerechnet werden. Unter der Herrschaft der Herzöge von Toulouse wurde Pernes im 12. Jahrhundert zur Hauptstadt des Comtat Venaissin. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts hielt sich Papst Klemens V., wie Urkunden aus dieser Zeit belegen, außer im nahegelegenen Carpentras auch in Pernes auf. Erheblichen Wohlstand sicherte den Einwohnern von Pernes über einen langen Zeitraum zunächst die Seidenraupenzucht für die Herstellung von Seide, das Privileg des Tabakanbaus und die industrielle Herstellung von Leinwand.

Die Quelle des Heiligen Rochus

Den Namenszusatz „les Fontaines“ trägt Pernes erst seit dem 18. März 1936, als der Präsident der Republik Frankreich auf Betreiben des Stadtrates die Namenserweiterung verfügte. Die Datierung der ersten Brunnen in Pernes-les-Fontaines fällt in die Zeit des 16. Jahrhunderts und ist mit der Quelle des Hl. Rochus (St. Roch) verbunden. Sie speist die zahlreichen malerisch gelegenen und kunstvoll gestalteten Brunnen im historischen Zentrum des Städtchens mit frischem Wasser. Von den Bewohnern wurde es über Jahrhunderte als Trinkwasser genutzt. Zum Waschen der Wäsche im Waschhaus hingegen wurde das Wasser der Nesque verwendet.

Der Hl. Rochus wurde um 1350 in Montpellier, als Sohn einer adeligen Familie geboren. Von den Dominikanern in geistlicher Hinsicht unterwiesen, widmete er sich dem Studium der Medizin. Während der über zwei Jahre wütenden Pestepidemie trat er eine Pilgerreise nach Rom an. Die Pest entvölkerte zu dieser Zeit nicht nur den Süden Frankreichs, sondern auch die italienischen Provinzen und die Ewige Stadt. Dort erfuhr Papst Urban V., der als letzter Papst noch in Avignon residierte und das Pontifikat wieder in Rom errichten wollte, von den Wunderheilungen Pestkranker durch Rochus.

Der Hund – und das Wasser – als Retter

Am Rückweg – so die Legende – erkrankte Rochus selbst und erwartete auf der Burg von Sarmato, dem Sitz des Grafen Gothard Pallastellis, sein baldiges Ende. Der Hund des Adeligen brachte ihm täglich ein Brot. Rochus genas auf wunderbare Weise, wobei das Wasser einer nahegelegen Quelle wohl auch eine Rolle spielte. Auf dem Rückweg in seine Heimat geriet er in die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Herzog von Mailand, Bernardo Visconti, und Amedeo VI. von Savoyen, der mit Papst Urban V. eine Allianz eingegangen war. Rochus wurde der päpstlichen Spionage beschuldigt, kam in Voghera in Haft und starb dort, ohne sich zu erkennen gegeben zu haben.

Ende des 15. Jahrhunderts wurden seine sterblichen Überreste in die Kirche San Rocco in Venedig überführt: seinen Pilgerstab erhielt später seine Heimatstadt Montpellier als Geschenk. Der äußerst populäre Schutzheilige, dessen Attribute die schwärende Wunde am Bein, Hund und Pilgerstab sind, gilt von alters her als Schutzpatron der Chirurgen und Apotheker. Auch die Haustiere stehen unter seinem Schutz. Seine wundersame Heilung hatte er der Legende nach nicht nur seinem Glauben zu verdanken, auch dem Quellwasser wurde eine heilsame Wirkung zugesprochen. Als Schutzheiliger wurde er bei Pestepidemien angerufen, sein Vermächtnis hielten die mit päpstlichen Privilegien ausgestatteten Rochusbruderschaften aufrecht.

Eine Stadt und ihre Brunnen

In Pernes-les-Fontaines wurde ihm eine Kapelle geweiht, in deren Nähe im 17. Jahrhundert eine Quelle entdeckt und gefasst wurde. Dort mag die Qualität des frischen Quellwassers, das die Brunnen speiste, durchaus dazu beigetragen haben, dass weitverbreitete Krankheiten hier nicht in dem Maß wie andernorts auftraten. Schließlich hatten mehrere Pestepidemien, die sich vom Marseiller Hafen über weite Teile der Provence ausbreiteten, verheerende demografische und wirtschaftliche Folgen.

Die Verbreitung der Pest ließ sich in den Jahren 1720 bis 1722 auch nicht durch die heute noch teilweise erhaltene Pestmauer, sondern bestenfalls durch hygienische Maßnahmen eindämmen. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts wurden in Pernes-les-Fontaines immer wieder neue Brunnen errichtet. Die Gestaltung der vier bedeutendsten Brunnen „La Fontaine du Cormoran“, „La Fontaine du Gigot“, „La Fontaine Reboul“ und „La Fontaine de l’Hôpital“ deuten darauf hin, welch hohen Stellenwert man ihnen und damit dem Wasser in einer Region beimaß, die zudem häufig von Trockenheit geprägt war.

Der ewige Charme der kunstvollen Wasserspender

Zur besonderen Lebensqualität der Stadt, die sich über Jahrhunderte mit dem nahegelegen Carpentras maß, haben die repräsentativen Brunnen zweifellos beigetragen. Ihre ursprüngliche Funktion haben sie eingebüßt, nicht aber ihren Charme. Als Besucher kann man von einem zum anderen wandernd dieses stimmungsvolle Städtchen erkunden. Einige dieser Brunnen sind noch in Betrieb, wenn auch nicht überall aus ihnen das Wasser der Rochus-Quelle sprudelt.

ww.perneslesfontaines.fr

Thomas Kahler, Ärzte Woche 36/2014

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