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Wer Fachkompetenz ausstrahlen will, sollte sich an Patrick Dempsey alias Dr. Shepherd aus Grey’s Anatomy orientieren.
 
Leben 27. August 2014

Hausarzt oder Doc House?

Auswirkungen US-amerikanischer Arztserien auf die Zuschauer. Inwiefern konkurrieren reale Ärzte mit ihren Pendants aus der Traumfabrik?

Ärzteserien gibt es seit Anbeginn des Fernsehens, vor allem als US-amerikanischer Import. Nun fragten sich einige Medizinstudenten, wie weit die Konsumation dieser medialen Unterhaltung unser Ärztebild prägt. Wie schön und wie widerborstig sollte der durchschnittliche Arzt sein, um von den Sympathiewerten der TV-Stereotypen zu profitieren.

Seit Jahren lässt sich der deutschsprachige Fernsehzuschauer gerne mitten in den „Alltag“ amerikanischer Krankenhäuser versetzen. Hier begegnen ihm mürrische Oberärzte wie „Dr. Cox“ (Scrubs) der seinen jungen Assistenzarzt Dr. Dorian mit Frauennamen demütigt, oder der zynische, schmerzmittelabhängigen Dr. House (Dr. House), der sich in Sherlock Holmes-Manier auf die Spur einer seltenen Krankheit macht. Auch der Kampf junger Assistenzärzte in der Chirurgie um die beste OP und den Chefarzt mit dazu (Grey’s Anatomy), fesselt zur besten Sendezeit ein Millionenpublikum.

Realitätsnähe ist Trumpf

Spätestens 1993 mit Emergency Room war es nämlich mit der einseitigen Beschaulichkeit eines Professor Brinkmann der Schwarzwaldklinik, besonders vertrauenswürdigen Frauenärzten (Dr. Stefan Frank) oder eines Bergdoktors vorbei. Das „medical drama“ wurde aus der Taufe gehoben und war Vorbild für viele der eingangs genannten Serien. Während in Scrubs Humor und Slapstick als Stilmittel eher gebräuchlich sind, dienen Dr. House Detektivserien als Vorbild. In Grey’s Anatomy stehen wiederum persönliche Beziehungsdramen im Vordergrund. Obgleich des großen Variantenreichtums, haben alle vier eines gemeinsam: Viel (allzu) menschliches Drama, eingebettet in einem spektakulären medizinischen Alltag. Hierbei werden oftmals stilisierte Arzttypen gezeigt, die insbesondere gängige Klischeevorstellungen bedienen.

Dieses Konzept funktioniert so erfolgreich, dass die US-amerikanischen Produktionen nicht nur reihenweise die Zuschauerquoten der 14–49 jährigen anführen, sondern durchaus auch eine Akzeptanz und Beliebtheit unter Medizinern besitzen. Drei Ulmer Medizinstudenten fragten sich gemeinsam mit ihrem Mentor in einer Pilotstudie, ob sich der Zuschauer in der Realität von seinen US-TV-Ärzten behandeln lassen würde. Wie viel an Einfluss hat das „medical drama“ inzwischen gewonnen, und ist es bereits in der Realität angekommen?

Vier Arzt-Archetypen

Um herauszufinden, ob es bereits einen Effekt auf die TV-Konsumenten gibt, wurden zwei verschieden geartete Personengruppen befragt: Die Gruppe A zwischen 18–39 Jahren, bei denen eine Kenntnis der TV-Serien und Charaktere vorausgesetzt wurde. Sowie eine Gruppe B mit Teilnehmern ab 40 Jahren, bei denen keinerlei Kenntnis über die Serien erwartet wurde.

Folgende Arztdarstellungen wurden angeboten:

• Typ 1: Junger, idealistischer Assistenzarzt (Dr. Dorian, Scrubs)

• Typ 2: Erfahrener, zynischer Oberarzt (Dr. Cox, Scrubs)

• Typ 3: Gut aussehender, allwissender Spezialist (Dr. Shepherd, Grey’s Anatomy)

• Typ 4: Ruhiger, authentischer Arztmentor (Dr. Greene, Emergency Room)

Die Bewertung wurde über drei Items erfragt: Sympathie, fachliche Kompetenz und eigene Behandlungspräferenz. Die Befragung in den Gruppen erfolgte aber unterschiedlich: Die Gruppe A wurden mithilfe des Umfragetools „Survey Monkey“ über die Facebook-Gruppe des zweiten Semesters Humanmedizin (SS 2013) der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm befragt. Die gezeigten Studiofotos der Arztcharaktere sollten mit den o.g. Items durch eine fünfstufige Likert-Skala („Überhaupt nicht“, „Eher nicht“, „Neutral“, „Eher ja“, „Auf jeden Fall“) bewertet werden.

The Oscar goes to …

Die höchste Zustimmung erhielt in den Kategorien Behandlungspräferenz (56,3%) und Sympathie (55,2%) der attraktive Spezialist Dr. Shepherd. Der junge Assistenzarzt Dr. Dorian bekam ähnlich hohe Sympathiewerte (51,6%), in den restlichen Kategorien fiel er aber zurück. In der Kategorie fachliche Kompetenz erreichte der als unsympathisch dargestellte Mentor Dr. Cox (57,1%) den höchsten Wert. Dr. Greene bildete in allen drei Kategorien das Schlusslicht.

Die Gruppe B mit Studienteilnehmern ab 40 Jahren wurde in der Ulmer Innenstadt zufällig anonym per Interview befragt. Den Passanten zeigte man die Studiofotos der o.g. Ärzte und sie sollten nun spontan entscheiden, von welchem der „Ärzte“ sie sich behandeln lassen würden. Dabei standen Ausstrahlung von Sympathie oder von fachlicher Kompetenz vorab als Entscheidungskriterien zur Auswahl. Obwohl die Serien als unbekannt vorausgesetzt wurden, erkannten immerhin 7,1 Prozent der Befragten einen der TV-Charaktere.

Im Vergleich zur Gruppe A wurde besonders bei den Ärzten, welche dem allgemeinen Schönheitsideal entsprechen, die Sympathie häufiger als ausschlaggebender Grund für die Arztwahl genannt. So entschieden sich 21,4 Prozent aus Sympathie für Dr. Dorian. Überraschenderweise konnte sich hier Dr. Greene – und dies im Gegensatz zur Gruppe A – mit 35,7 Prozent deutlich von allen anderen in der Wahrnehmung seiner fachlichen Kompetenz abheben.

Alter vor Schönheit

Das äußere Erscheinungsbild ist in der Gruppe B ein ausschlaggebendes Kriterium. Es reicht nicht allein ein optisch ansprechendes Äußeres, wie z. B. bei Dr. Shepherd, vielmehr scheint die Ausstrahlung von fachlicher Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Reife eines Dr. Greene bevorzugt zu werden. Ein junger Assistenzarzt wie Dr. Dorian konnte nur durch seine sympathische Ausstrahlung für die Arztwahl in Betracht gezogen werden.

Die Kenntnis der Serie zeigte durchaus einen Einfluss auf die Verteilung der Zustimmungs- und Ablehnungswerte bei der Gruppe der jüngeren Zuschauer. Stereotype Rollenvorstellungen spielen bei der Arztpräferenz eine Rolle, allerdings nur, wenn sie sympathisch dargestellt werden (Dr. Shepherd und Dr. Cox). Beide Gruppen eint aber der Wunsch nach einem fachlich kompetenten Arzt. Es ist bekannt, dass insbesondere bei Patienten mit hohem Serienkonsum Auswirkungen auf präoperative Ängste bestehen. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass der Arzt allein als Rollenmodell Einfluss haben kann. Beispielsweise nimmt der Patient, dem durch ärztlichen Rat eine Diät empfohlen wird, diesen weit ernster, wenn der Arzt ebenfalls übergewichtig ist. Aber auch in der anderen Richtung des Patienten-Arzt-Verhältnisses gibt es mögliche Fallstricke: Die Attraktivität eines Patienten hat z. B. einen nachweislichen Einfluss auf die Schmerzintensitätseinschätzung des Arztes.

Medien könnten somit als Verstärker dieser beobachtenden Effekte dienen. Dabei sind Ärzte heute auch in sog. „reality“-Formaten zunehmend sichtbar, bei denen sogar krankmachende Auswirkungen in der Realität in Betracht gezogen werden müssen.

Verlust des Göttlichen

Den Zuschauern machten dabei die unterschiedlichen Kulturen und medizinischen Versorgungssysteme in Deutschland und in den USA augenscheinlich nichts aus. Nur eine Facette mag durchaus ähnlich sein, nämlich dass beide Länder einen hohen Anteil an Zuwanderung haben. In Deutschland ist allerdings der Einfluss von stereotypen Arztrollenbildern im Umgang mit Angehörigen anderer Kulturen oder Minderheiten ein noch nicht ausreichend erforscht. Dass es überhaupt eine Zuschreibung von Stereotypen im Gesundheitssystem oder der -politik gibt, liegt auf der Hand, denn „die Ärzte“ oder „die Krankenhausmanager“ sind schon seit Jahren zumindest im alltäglichen (und damit prägenden) Sprachgebrauch feststehende Begriffe. Der Geschlechteraspekt wurde in dieser Studie allerdings nicht untersucht. Das Arzt-Rollenvorbild wandelt sich sowohl in der Fiktion als auch in der Realität. Das Bild des „Halbgott in Weiß“ verliert zunehmend an Bedeutung, es bleibt aber erstaunlicherweise trotzdem eher männlich als weiblich.

Letztendlich kann man zum Schluss kommen, dass bereits ein schillernder Einfluss von TV-Serien in der Realität angenommen werden darf. Ob dieser als „dramatisch“ eingestuft werden sollte wird sich in Zukunft vielleicht noch weisen. Die Studie kann durch ihre Methodik und geringe Fallzahl nur einen ersten Eindruck der Situation bieten. Stereotype Arztbilder bzw. deren Charaktere erhalten bei Kenntnis der jeweiligen TV-Serie durchaus hohe Zustimmung. Ohne Kenntnis bekommt die realitätsnahe Darstellung mit durchschnittlicher Erscheinung eine hohe Fachkompetenz zugewiesen. Wohin die Grenze zwischen „Fact“ und „Fiction“ gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbreitung sozialer Medien weiter verschoben wird, bleibt abzuwarten und bedarf weiterer wissenschaftlicher Forschung.

Claudia Grabsch, Moritz Köhler und Maximilian Zellner sind Studenten der Medizin an der Universität Ulm. Deren Mentor Dr. Michael Noll-Hussong ist an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm tätig.

C. Grabsch, M. Köhler, M. Zellner und M. Noll-Hussong, Ärzte Woche 35/2014

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