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Wilhelm Leibl: Die junge Pariserin, 1869, Öl auf Mahagoniholz.
© (3) Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VBK Wien, 2014.

August Sander, Sekretärin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln.

August Sander, Bauernpaar am Spinnrad, 1927,Gelatinesilberabzug.

© (2) Wallraf-Richartz Museum & Foundation Corboud, Köln

Wilhelm Leibl, Bauernjägers Einkehr, Öl auf Leinwand.

 
Leben 27. August 2014

Der unbestechliche Blick

Das charakteristisch Wesenhafte der dargestellten Personen haben beide in ihren Porträts meisterhaft eingefangen. Dem Maler Wilhelm Leibl und dem Fotografen August Sander ist die Ausstellung „Von Mensch zu Mensch“ – Wilhelm Leibl & August Sander“ gewidmet. Sie ist bis 5. Jänner 2015 im Salzburg Museum zu sehen.

Zwei Künstlerpersönlichkeiten gegenüber zu stellen, die einander nie begegnet sind, ist ungewöhnlich. Dennoch weisen die Porträtmalerei Wilhelm Leibls und die fotografischen Porträts August Sanders verblüffende Gemeinsamkeiten auf.

Begegnet sind sie sich zu Lebzeiten nie, und doch führt diese vom Wallraf-Richartz-Museum und der Fondation Corboud initiierte Ausstellung, die derzeit in Salzburg zu sehen ist, zu erstaunlichen und erhellenden thematischen Dialogen. Möglich wurde dies auch durch die Bereitschaft der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, in deren Archiv sich bedeutende fotografische Arbeiten von August Sander befinden.

Für Leibl wie für Sander, der eine gebürtiger Kölner, der andere in Herdorf im Siegerland geboren, war Köln eine wichtige Station. Leibls künstlerische Anfänge hatten hier ihren Ausgangspunkt, für Sander erfolgte dort nach einem Aufenthalt in Linz der Durchbruch als Fotograf. Zur Zeit Leibls kündigte sich der kulturelle Aufschwung Kölns gerade erst an, Sander nahm 1914 an der Werkbund Ausstellung teil, die wesentlich mit dazu beitrug, die Stadt am Rhein als wichtiges kulturelles Zentrum zu etablieren.

Die Lebensspanne Leibls umfasste die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, jene Sanders reichte bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Lebenszeit beider überschnitt sich um 25 Jahre. Beide haben aber mehr gemeinsam, als man zunächst annehmen möchte. Das hat sicherlich mit einem ähnlichen grundsätzlichen Interesse am Porträtieren zu tun, das die Malerei Leibls wie die Fotografie Sanders wesentlich bestimmte. Das Wesenhafte in Ausdruck und Haltung des jeweils Porträtierten war Wilhelm Leibl und August Sander gleichermaßen wichtig. Die Analogien in der Darstellung der Porträtierten sind zudem auffällig. Zur ausgewogenen Komposition kam die charakteristische Prägnanz der Dargestellten, die sich in den Porträts widerspiegelt. Beide idealisieren nicht das genrehafte bürgerliche oder ländliche Selbstbewusste der Dargestellten. Ihr Interesse gilt unverwechselbaren Menschentypen.

Die Faszination des Porträts

Eigentlich wollte Wilhelm Leibl zunächst Maschinenschlosser werden, wagte aber auf den Rat seines Zeichenlehrers Everhard Bourel den Schritt in eine äußerst fruchtbare künstlerische Laufbahn. 1863 übersiedelte er nach München, um an der Akademie Malerei zu studieren. Seine präzise Wahrnehmung wurde dort im Zeichenunterricht geschult. Nach der Teilnahme 1869 an der 1. Internationalen Kunstausstellung im Königlichen Glaspalast in München, die zur Bekanntschaft mit Gustav Courbet führte, folgte eine Einladung nach Paris. In diesem Schlüsseljahr für Leibls weitere Entwicklung entstanden erste Porträts. Leibl hatte unbestreitbar einen sehr genauen und forschenden Blick und konnte so das Gesehene malerisch akkurat umsetzen. Seine Porträts sind lebensnahe und haben rein gar nichts mit der Historienmalerei eines Karl Theodor von Piloty oder Hans Markart gemein. Die Schule von Barbizon und Gustave Courbet haben sich auf die Wahl seiner Sujets und die Art seiner Malerei ausgewirkt, ebenso wie die flämische und niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Seine künstlerische Arbeit war jedoch von gesundheitlichen Beeinträchtigungen überschattet: 1899 machte sich eine Herzerkrankung bemerkbar: in einem Brief an Ernst Seeger schreibt Leibl: „Was meine Gesundheit angeht, so lässt dieselbe auch viel zu wünschen übrig und zeigt dieselbe manchmal ganz beängstigende Symptome (...).“ Ein Herzklappenfehler verursachte diese Beschwerden, schließlich verstarb Wilhelm Leibl am 7. Dezember 1900 in Würzburg.

Der Blick in die Tiefe

Die Malerei verhielt sich zur Fotografie bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wie Kunst zu Handwerk. 1839 kamen die ersten Daguerrotypien auf den Markt. Bald wurde durch neue fotografische Verfahren und die Möglichkeit der Reproduktion daraus ein Massenmedium. Maler wie Franz von Lenbach oder Franz von Stuck nutzten das neue Medium für Vorstudien. Manch akademischer Maler wechselte auch die Profession und schlug die lukrativ scheinende Fotografenlaufbahn ein. Schließlich diente Fotografie wie im Falle Wilhelm Leibls auch dazu, die Popularität der eigenen Werke zu steigern.

Was Staffelei und Leinwand für Wilhelm Leibl waren, das war für August Sander die Großbildkamera. Sander hatte keine akademische Ausbildung genossen und sich nach der Zeit in Linz, in der er sich noch als „Maler und Photograph“ tituliert hatte, mehr und mehr in das Metier der Fotografie hineingefunden. Nach der Übersiedelung nach Köln begann seine Karriere als fotografischer Chronist, in deren Verlauf er ein umfangreiches Gesellschaftsporträt der ersten Hälfte des neuen Jahrhunderts geschaffen hat. Sander hat mit seiner Publikation „Antlitz der Zeit. 60 Aufnahmen deutscher Menschen des 20. Jahrhunderts“ ein vielschichtiges Oeuvre geschaffen, das in sieben Gruppen unterteilt, etwa 600 Bilder umfasst.

In gewisser Weise hat er damit das fortgeführt, was bei Wilhelm Leibl malerisch seinen Ausdruck fand. Sanders sachlicher Blick ist wirklichkeitsnäher und wird dadurch dem Porträtierten gerecht, ohne ihn manipulativ zu vereinnahmen. Leibl und Sander verbindet mehr als das, was beide trennt, nämlich das profunde Interesse am Menschen und dessen Wesen bildlich festzuhalten.

Weitere Informationen:

www.salzburgmuseum.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 29/34/2014

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