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Leben 26. August 2014

Gärgas CO2: Lebensgefahr in Weinkellern

Tipps für sicheres Arbeiten vom Unfallverhütungsdienst der AUVA-Landesstelle Wien.

Gärgas CO2 ist geruchlos, unsichtbar, im gesamten Raum verteilt und hoch gefährlich. Die Gesundheitsgefahr wird stark unterschätzt. Gärgas führt jedes Jahr zu tödlichen Arbeitsunfällen. Noch dazu dürfte die Dunkelziffer von Unfällen, die durch erhöhte Gärgaskonzentration ausgelöst werden, groß sein.

Die berühmte brennende Kerze ist leider kein geeignetes Mittel zur Verhütung von Unfällen. Die Präventionsexperten der AUVA-Landesstelle Wien haben Tipps für sicheres Arbeiten entwickelt. Ihre Empfehlung: die Luft im Weinkeller zu messen und Gärgase technisch ableiten. Ganz wichtig: Selbstschutz geht vor - auch bei der Rettung eines Bewusstlosen aus dem Gefahrengebiet."Gärgas erstickt oder vergiftet jedes Jahr Menschen. Gärgasunfälle sind meist tragisch, viele enden tödlich und haben schon ganze Familien ausgerottet.

Es gibt keinen ungefährlichen Weinkeller

Vor allem im Herbst lauert diese unsichtbare Gefahr in Weinkellern. Meist ist es eine Kombination von Unwissenheit und falschem Verhalten, die fatal endet. Gärgase können Körperfunktionen stark beeinträchtigen - die gefährlichen Prozesse laufen so rasch ab, dass den Betroffenen kaum Zeit zum Reagieren bleibt. Die spektakulären Unfälle, die durch die Medien gehen, sind aber nur die Spitze des Eisberges: Wir gehen davon aus, dass es durch Schwindel, Konzentrationsabfall, Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Atemnot eine große Dunkelziffer an Unfällen gibt, die auf eine erhöhte Gärgaskonzentration im Arbeitsbereich zurückzuführen ist.

Unsere Empfehlung lautet: Messen Sie die CO2-Belastung, denn nur so lässt sich die Gefährdung zweifelsfrei feststellen und nur so können Sie sich optimal schützen", warnt Ing. Bernd Toplak, stellvertretender Leiter des Unfallverhütungsdienstes der AUVA-Landesstelle Wien. Gemessen werden kann mit einer Anlage und Raumsensoren, oder über ein kleines, in Kopfhöhe getragenes Messgerät. Die AUVA misst und berät kostenlos.

Ersticken auf Grund von Sauerstoffmangel oder eine Vergiftung durch eine zu hohe Kohlendioxid-Konzentration sind die Ursachen, die vor allem im Herbst immer wieder zu schweren und tödlichen Unfällen in Weinkellereien führen. Schon eine geringfügig erhöhte Kohlendioxid-Konzentration bewirkt eine Beeinträchtigung wie zum Beispiel Schläfrigkeit und erhöht das Unfallrisiko - ein Sturz könnte die Folge sein.

Die Gefahr für Sicherheit und Gesundheit wird in der Praxis stark unterschätzt. Der Unfallverhütungsdienst der AUVA-Landesstelle Wien beschäftigt sich in seinem "CO2 Projekt" seit einigen Jahren gemeinsam mit der Höheren Bundeslehranstalt und dem Bundesamt für Wein- und Obstbau Klosterneuburg ausführlich damit. Nach vielen Betriebsberatungen und CO2-Messungen steht fest: - Aufklärung und Information über die Gefahren durch das Gärgas. Es ist wichtig, mit gefährlichen Mythen aufzuräumen, zum Beispiel: CO2 sei zu riechen, nur am Boden konzentriert, oder die Kerzenprobe.

Richtig ist:

- Gerochen werden höchstens Weinaromen, die mitunter mit erhöhten CO2-Konzentrationen auftreten. Ein vorhandener bzw. nicht vorhandener Gärgeruch erlaubt keinen sicheren Rückschluss auf den möglichen Gehalt von CO2!

- CO2 ist schwerer als Luft, ein CO2-See entsteht in klassischen Kellerröhren mit gleichmäßig kühlen Wänden ohne Luftbewegung an der tiefsten Stelle. In modernen Kellereien hingegen wird die Luft durch Gebläse von Kühleinrichtungen, Staplerverkehr und Personen im Raum soweit bewegt, dass sich nichts am Boden absetzt. Unterschiedliche Temperaturen bei der Gärung führen ebenfalls zu thermischen Bewegungen. Rotwein wird wärmer vergoren, an der Tankwand entsteht eine Luftströmung nach oben. Zusätzlich ist das entweichende CO2 wärmer als die Raumluft. Genau umgekehrt ist es bei der Weißweinvergärung.

- Auch die altbekannte Kerzenprobe schützt nicht: die Flamme brennt noch, wenn die CO2-Konzentration für den Menschen bereits tödlich ist. Nur von Umluft unabhängiger Atemschutz kann zum Beispiel bei einer Bergung schützen. Atemschutzfilter (Partikelfiltermasken, Gasfilter, usw.) helfen nicht.

- Der beste Schutz: Erfassung des hochkonzentrierten CO2 direkt am Tank und Ableitung ins Freie.

Die bisherige Praxis, ausströmendes CO2 mittels Raumlüftung zu entfernen, ist sehr ineffizient. Einmal im Raum, ist es durch Lüftung nur mehr sehr schwer möglich, die Konzentration auf einen unbedenklichen Wert zu senken.

Die natürliche Lüftung über geöffnete Fenster und Türen reicht nur in den wenigsten Fällen aus. Die unterschiedlichen räumlichen Gegebenheiten, die Abhängigkeit der natürlichen Lüftung von den Wetterverhältnissen (vor allem Wind, Luftdruck, Temperatur) führen zu einer viel zu großen Unsicherheit.

Technische Lüftungen müssen entsprechend leistungsstark sein, um das stark verdünnte CO2 und so wesentlich vergrößerte Gesamtvolumen abzuleiten. Diese Art der Lüftung hat Nachteile: sie ist teuer und produziert oft Zugluft, welche die Mitarbeiter als unangenehm wahrnehmen und die auch einzelne Tanks so stark abkühlt, dass die Gärung beeinträchtigt wird. Weiters entsteht Lärm, der als störend empfunden wird - vor allem von Nachbarn und in der Nacht.

Kombiniert man jedoch eine kleiner dimensionierte technische Lüftung mit einer Erfassung der Gärgase unmittelbar an der Entstehungsstelle - am Tank - und einer Ableitung ins Freie, gibt es die besten Ergebnisse. Diese Kombination erreicht sowohl bei Neubauten als auch in der Nachrüstung höchste Wirksamkeit. Die Details der Kombination hängen in der Praxis davon ab, ob Weiß- oder Rotwein vergoren wird.

AUVA-Projektleiter Ing. Herbert Stifter fasst zusammen: "Es gibt keinen ungefährlichen Weinkeller. Jeder Weinkeller ist anders. Konkrete Aussagen zur tatsächlichen CO2 Belastung bringen nur CO2-Messungen und eine Beurteilung vor Ort. Weiters muss bei der Planung von Neubauten die Thematik von Haus aus berücksichtigt werden. Nur dadurch kann ein sinnvoller Schutz gegen Gärgasunfälle erreicht werden."

Die AUVA-Landesstelle Wien unterstützt die Betriebe gerne kostenlos. Weitere Infos unter oder 05 93 93-31726.

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