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Leben 30. Juni 2014

NebenWirkungen: Sommertheater

Wie in der Theaterszene sollten im Sommer auch die Gesundheitsinstitutionen ihre Aktivitäten ins Freie verlagern.

Nun sind also mit Saisonende die Vorhänge der großen Opernbühnen und Theater gefallen. Damit fehlt aber auch die typische, und dem ärztlichen Stand entsprechende Abendbeschäftigung. Nämlich im feinen Anzug in der ersten Reihe einer Premiere mit Netrebko, Caruso und der legendären Paula Wessely zu sitzen, begeistert zu applaudieren, ab und an auch ein paar Buh-Rufe für die allzu moderne Inszenierung einzustreuen und mindestens einmal durch den Ton des Diensthandys, und der vor Ort lautstark durchgegebenen Anweisung für den diensthabenden Jungarzt, seine chirurgische Profession für die anderen Zuseher klar offenzulegen. So manch kulturbegeisterter Allgemeinmediziner darf dieses grandiose Schauspiel von Netrebko, Caruso, Wessely und Chirurg vom Stehplatz des dritten Ranges aus staunend beobachten.

In der Sommerpause verlagert sich die Szene zu den Sommertheatern in die kleinen Kurorte und den Festspielen in Salzburg oder Bayreuth. Das Publikum reist begeistert nach. Ein schöner Brauch, ein Wanderzirkus der Kunst. Schade, dass wir Mediziner nicht so flexibel sind wie Sänger und Schauspieler. Denn sonst könnte man sich im Sommer betont bürgernah präsentieren und die Leistungen auch im Rahmen von Open-Air-Veranstaltungen und Festivals, im historischen Ambiente, präsentieren: Wenn ich mir vorstelle, dass der Chirurg sich nun nicht nur in der ersten Reihe, sondern auch auf der Bühne der Felsenreitschule profilieren darf, dann können sich die Stars der hohen Künste, in Bezug auf Glamourfaktor und Allüren, verstecken. Nun kann er coram publico zeigen, wie geschickt er mit dem Skalpell umgeht, ohne die Beschimpfung der Assistenten zu vernachlässigen.

Die Seebühne in Form einer begehbaren Prostata dient als prächtige Kulisse für Patientenschulungen über hepatologische Problemstellungen. Dieses Ambiente ermöglicht es endlich, die so wichtigen medizinischen Informationen in einem Rahmen zu präsentieren, der diesen auch würdig ist. Die Patienten danken es mit stehenden Ovationen und mit dem Versprechen, nie wieder etwas Ungesundes zu essen.

Auch für die Jungen ist im Sommer etwas dabei: Etwa das Nuke-Medicine-Festival – Tausende Patienten, die mit Zelt am Festivalgelände campieren, um die angesagtesten Ärzte auf der Bühne bewundern zu dürfen. Über riesige Video-Walls werden die Operationen für alle gut sichtbar übertragen. Highlights sind die Multimedia-Show „Journey to the Center oft the Gut“ mit endoskopischen Live-Bildern einer Darmspiegelung, und der mitternächtliche Vortrag von DJ Allergy mit dem vielversprechenden Titel „Die erhöhte Histaminsensitivität bei Atopikern“. Da kommen Woodstock-Gefühle hoch. Im Backstage-Bereich ziehen sich die Stars Cholesterinsenker in die Nase. – Ein Hinweis: Aus Sicherheitsgründen werden die Besucher gebeten, ihre Gehgestelle vor dem Festivalgelände abzustellen.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 27/2014

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