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Leben 23. Juni 2014

NebenWirkungen: Nix mit Côte d’Azur!

Fuhren früher Ärzte und Patienten sozial getrennt voneinander in die Ferien, so begegnen sie sich heute im Urlaub zunehmend häufiger.

Wenn wir die Ankündigung für unseren wohlverdienten Urlaub an die Praxistür tackern, reicht die Reaktion unserer verständnisvollen Patienten von „… schon wieder?“ bis zu „… und wo stellen Sie sich vor, soll ich jetzt im Sommer meine Tabletten her bekommen?“ Man freut sich also mit uns.

Die Vorstellung der breiten Bevölkerung, was wir in den Urlaubswochen unternehmen, dürfe jedoch etwas von der Realität abweichen. Man mutmaßt uns in den feinsten Hotelschuppen der Côte d’Azur, Austern schlürfend, im weißen Anzug und mit Spazierstock am Strand schreitend, in angeregter und gepflegter Konversation mit einem französischen Nervenarzt. Nun, nicht ganz. Zum einen kann sich der Wald- und Wiesenhausarzt einen wochenlangen Aufenthalt an der Côte d’Azur nur unter kriechenden Bewegungen vor einem Kreditinstitut leisten, zum anderen weiß er auch nicht, ob man bei der Auster die Schale mitessen kann, besitzt weder Anzug noch Spazierstock, und seine Französischkenntnisse reichen aus der Schule gerade einmal für ein: „où est la gare?“, und wenn’s hoch herkommt auch noch für ein „… s’il vous plait“ – nur der Nervenarzt, der stimmt. Vielmehr fahren wir zwei Autostunden „aufs Land“, auf einen „wunderhübsch gelegenen, ruhigen Bauernhof, auf dem man sogar selber das Frühstück machen und die Kuh melken darf, statt diesem ewigen Sonne-Strand-Luxus!“ Anders gesprochen: „Das können wir uns gerade noch leisten“. Die Kinder maulen: „Alter, warum bist du dann Arzt geworden?“ Man blickt neidvoll auf die Facebook-Seite seines orthopädischen Single-Kollegen, der irgendwo zwischen Surfbrett und Mochito besoffen im weißen Sand versinkt. Manche Ärzte fahren überhaupt nicht weg, denn „dann kann ich endlich die Ruhe zu Hause genießen und die Praxis ein wenig aufräumen“. Das sind dann die wahren Genießer. Und auch jene, die möglichst bald einen französischen Nervenarzt aufsuchen sollten.

Auf der anderen Seite glauben viele Mediziner, dass ihre Patienten sich gerade mal ein Sonnenbad am Balkon ihrer Halbzimmer-Wohnung leisten können. Schließlich verziehen sie immer so schmerzerfüllt die Mundwinkel, wenn es darum geht, etwas für eine Spezialtherapie aufzahlen zu müssen. Die Vorstellung der Ärzteschaft, was die Patienten in diesen Urlaubswochen unternehmen, dürfte ebenfalls von der Realität abweichen. Man mutmaßt sie in den feinsten städtischen Freibädern, Bier schlürfend, in ausgewaschener Feinripp-Unterhose und mit Gehgestell, in angeregter Konversation mit einem Bademeister. Nun: Auch hier irrt man. Denn mittlerweile begegnen sich Ärzte und Patienten an denselben All-Inclusive-Pauschal-Supermarkt-Club-Buffets in der Türkei, futtern dieselben ungesunden Sachen, liegen in derselben ungesunden Sonne und träumen von derselben Côte d’Azur. Und auf Bestellung gibt es sicher ein paar frittierte Austern mit Pommes und Mayo.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 26/2014

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