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Leben 16. Juni 2014

NebenWirkungen: WM Fieber

Während in Brasilien das Runde ins Eckige muss, muss im OP das Spitze ins Weiche.

Heut‘ ist Spanien!“ begrüßt mich Kollege Robert, bevor er in seine weiße Anstaltskluft schlüpft. Das bedeutet nun weder, dass man statt „Freitag“ neuerdings „Spanien“ sagt. Es heißt auch nicht, dass man in Spanien heute etwas besonders Gutes isst. Nein, allen muss klar sein: Hier ist „La Furia Roja“ gemeint, die spanische Nationalmannschaft, die bei der Fußball-WM in Brasilien antritt. Und während wir uns in meiner Ausbildungszeit noch mit einem metallenen Kleiderbügel eine Antenne an den kleinen Fernseher im Dienstzimmer basteln mussten, um ein bröseliges Bild von der WM in die Mauern des Krankenhauses zu bekommen, berichtet mir Kollege Robert stolz von einem großen Flachbildschirm, den sich die Diensthabenden organisiert haben. Bleibt für die Patienten zu hoffen, dass ihr Herz nicht gerade während eines Freistoßes stehen bleibt.

Obwohl wir Österreicher nur dann bei solchen Großereignissen mitspielen dürfen, wenn wir Gastgeberland sind, kennt die Begeisterung auch hierzulande kaum Grenzen. Zumindest unter den Begeisterten. Man blendet die sozialen Aspekte des millionenschweren Großereignisses und die Planierung von Slums vor den WM-Stadien aus und freut sich über sportliche Fairness. Am Platz ist die Welt am grünen Rasen noch in Ordnung. Seine soziale Wut kann man dann am Schiedsrichter auslassen.

So gesehen ist ein Spiel nicht viel anders als eine Operation. Selbst, wenn im Umfeld gestritten wird über die Nachfolge des Abteilungsvorstandes, über die Wegrationalisierung von Spitalsbetten (sodass Patienten eben stehen müssen) oder über den Umstand, dass Ärzte weniger verdienen als ihre Putzfrauen (was auch erklärt, warum so viele Putzfrauen Ärzte schwarz beschäftigen). In dem Moment, wo die Mannschaft in den OP-Saal einläuft, die Münze geworfen wird, wer erste und zweite Assistenz sein darf, und der Anästhesist seine Zeitung aufschlägt, ist die Welt im grünen OP noch in Ordnung. Seine soziale Wut kann man dann am Turnusarzt auslassen. Die Ähnlichkeiten sind offensichtlich, und während es im Zuge einer Operation zu unschönen verbalen Fouls des ersten Oberarztes kommen kann, fließt im Gegenzug bei Fußballereignissen zumindest nachher immer auch etwas Blut.

Insofern könnte man überlegen, die Operationen auch wirtschaftlich etwas besser zu vermarkten, um Geld in das marode Gesundheitssystem zu pumpen. Schließlich stehen die Helden im OP den Helden im Stadion um nichts nach. Live-Übertragungen mit Public-Viewing zeigen HD-Bilder von der Hernienoperation. Zuvor die berührenden Momente, in dem das OP-Team die Bundeshymne singt und zu Toleranz mit Internisten aufruft. Ab und an füttert die Instrumentierschwester den Operateur werbewirksam mit einer Kindermilchschnitte. Die Kinder bekommen Panini-Sticker-Alben und hoffen darauf, den glitzernden Chirurgen zu ergattern. – Und bei diesem Spiel haben die Österreicher sogar gegen Brasilien realistische Chancen.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 25/2014

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