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Blick in die Ausstellung: Lohner-Porsche Mixte, 1901

Fahrbereit sind sie alle:unterwegs im Austro Daimler.

Austro Daimler„Prinz Heinrich“, 1910

Übersichtlich und rechts gesteuert: Armaturenbrett eines Austro Daimler.

© (5) Christian Maislinger

Blick in die Ausstellung: KdF-Wagen „Volkswagen“, 1938.

 
Leben 12. Juni 2014

Meilensteine

Wer sich für automobile Raritäten österreichischer Provenienz interessiert, dem ist ein Ausflug nach Mattsee im Salzburger Land zu empfehlen. Die Exponate der Dauerausstellung „Fahr(t)raum“ dokumentieren die technischen herausragenden Leistungen Ferdinand Porsches.

Legendäre Fahrzeuge, die eng mit Ferdinand Porsche und österreichischer Automobilgeschichte verbunden sind, haben seit letztem Sommer ein bleibendes Domizil in Mattsee bei Salzburg.

Es war wohl ein Herzenswunsch von Ernst Piëch, dem Enkel Ferdinand Porsches, einen wesentlichen Zeitabschnitt österreichischer Automobilgeschichte, der mit Ferdinand Porsche als Konstrukteur verbunden ist, möglichst lebendig zu präsentieren. Auf der Suche nach einem passenden Ambiente kam es durch bereits bestehende Kontakte zu Matthäus Maislinger, Altbürgermeister von Mattsee, zur Realisierung dieses äußerst engagierten Projektes.

Als Standort bot sich eine nicht mehr in Betrieb befindliche Schuhfabrik an, deren technisch-nüchternes Ambiente die ideale Atmosphäre und zudem genug Platz für die ausgesuchten Exponate wie etwa jene der legendären Marke Austro Daimler bietet. Ein Museum im herkömmlichen Sinn hätte den Vorstellungen von Ernst Piëch jedoch nicht entsprochen. Man kann mit Recht von einer „lebendigen“ Werkschau sprechen, die eng mit den in vielerlei Hinsicht bahnbrechenden technischen Entwicklungen Ferdinand Porsches zusammenhängt. Die Exponate befinden sich alle in technisch tadellosem und fahrbereitem Zustand, was immer wieder auf den zahlreichen Ausfahrten eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird. Nicht alle wurden restauriert, bei manchen tragen Holz, Lack und Leder die Spuren der Zeit und damit jene schöne Patina, wie sie nur durch umsichtigen Gebrauch und gute Pflege entsteht.

Seltene Arten

Zu entdecken gibt es Raritäten die man – wenn überhaupt – nur höchst selten zu Gesicht bekommt. Da ist zunächst der Lohner-Porsche Mixte aus dem Jahr 1901 als wahre automobile Seltenheit zu nennen. Das Fahrzeug besitzt vier Radnaben-Motoren, der Benzinmotor ist nur für den Betrieb des Stromgenerators vorgesehen. Was in der Frühzeit automobiler Entwicklung „Mixte“ bezeichnet wurde, das wird heute übrigens unter dem Begriff „Hybrid“ von der Autoindustrie beworben.

Formal erinnert der Karosserieaufbau dieses Wagens noch deutlich an die von den Stellmachern in Handarbeit gefertigten Kutschen. Der Austro Daimler aus dem Jahr 1908 entspricht hingegen in seinem ganzen Erscheinungsbild schon eher vertrauteren automobilen Formen. Er erhielt eine sogenannte „Stadtwagen-Karosserie“, die im Gegensatz zur offenen „Jagdwagen“-Ausführung den Passagieren im Fond des Wagens Schutz vor Wind und Wetter bot. Der Chauffeur saß nicht ganz im Freien, Windschutzscheibe und Dach sorgten zumindest für etwas Schutz. Das ausgestellte Modell befand sich ab 1907 im Besitz von Erzherzog Leopold Salvator, dem Generalinspekteur der k. u. k.-Artillerie.

Erste sportliche Meriten errang der im Jahr 1910 vorgestellte Austro Daimler „Prinz Heinrich“. Er gilt als Erster von Ferdinand Porsche enworfener Sportwagen. Seine Leistungsfähigkeit stellte er bei der anspruchsvollen Prinz Heinrich-Fahrt in Deutschland über 1.944 Kilometer im Jahr 1910 eindrucksvoll unter Beweis. Bei dem ausgestellten Exemplar handelt es sich im Übrigen um einen der zehn hergestellten Werkswagen. Im gleichen Jahr wurde es dem österreichischen Automobil-Club gestattet, die Bezeichnung „kaiserlich-königlich“ zu führen. Ein Jahr später entstand der Austro Daimler 14/28 „Kaiserwagen“, den der nunmehr k. k. österreichischen Automobil-Club Kaiser Franz Josef wohl auch als Dank für dieses Privileg feierlich zum Geschenk machte. Obwohl der militärische Nutzen des Automobils dem greisen Monarchen naheliegend schien, schätzte er es für repräsentative Zwecke wenig und bevorzugte für seine Ausfahrten weiterhin Kutschen.

Neue Formen

An der Formgebung der Karosserien der 1920er- und 1930er-Jahre lässt sich sehr gut erkennen, welch tief greifende Veränderungen im Automobilbau innerhalb eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums erfolgten. Die elegante Torpedo- und Stromlinienform mit stilistischen Einflüssen des Art Deco setzte neue Maßstäbe. An der Form des Sascha ADS-R, der nach einem der ersten Automobilisten und finanziellen Förderer sowie späterem Filmproduzenten Graf Alexander (Sascha) Kolowrat benannt wurde, ist dies deutlich zu erkennen. Auch der außergewöhnlich karossierte und mit Spitzheck versehene Austro Daimler ADR „Torpedo“, den Hans Stuck wie gewohnt sportlich pilotierte, wurde ganz im extravaganten Stil dieser Jahre karossiert. Die Zeit der offene Jagdwagen und großen Tourer, die ob ihrer Größe und technischen Ausstattung dementsprechend kostspielig waren, ging 1938 mit dem Anschluss Österreichs zu Ende. Ein ganz anderer Wagentyp, der in einem frühen Exemplar in den Ausstellungsräumen in Mattsee zu sehen ist, läutete eine neue Ära ein: Der KdF-Wagen Typ 60. Nach dem Krieg trug er wesentlich zur weltweiten Massenmotorisierung bei. Bis 2003 wurde der „Käfer“ in einer Stückzahl von 21.529.464 Exemplaren erzeugt. Es ist ein weiter und in technisch-konstruktiver Hinsicht auch ein äußerst spannender Weg, der vom Lohner-Porsche Mixte bis hin zum VW Käfer führt. Die eindrucksvollen Stationen dieses Weges kann man in dieser didaktisch hervorragend aufbereiteten übersichtlichen Schau, die mittlerweile auch Porsche-Traktoren umfasst, Revue passieren lassen.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 24/2014

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