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Leben 3. Juni 2014

NebenWirkungen: Starbucks-Medizin

Die Globalisierung schreitet voran. Chinesische, amerikanische und europäische Medizin schmeckt daher überall gleich.

Die Welt rückt näher zusammen. Man kann im hiesigen Supermarkt dieselben Waren kaufen, die man noch vor einer Woche im exotischen Urlaubsziel staunend betrachtet hat. Mitbringsel verlieren ihren Wert, da es nichts mehr gibt, das die Daheimgebliebenen verblüfft: Das Pulver aus dem Affenbrotbaum („gibt’s unten in der Drogerie“), die Kette aus selbst gebastelten und selbst getauchten Muscheln („gibt’s bei willhaben.at“), die Gewürze („gibt’s das Fertigpulver“), die Seidenkleider („hat H&M“), selbst die Urlaubsbilder („hab ich im Fernsehen gesehen“), die mitgebrachte Gonorrhö („kriegt man auch hier, aber billiger“) und die spannenden Geschichten von Reisenden („bin schon auf Facebook von 50 Freunden mit Thailandfotos zugemüllt worden“).

Man glaubt die Welt bereits zu kennen, denn die modernen Medien bringen das entlegenste Kuhdorf ins Wohnzimmer und die modernen Transportschiffe sogar die entlegenste Kuh ins Kühlregal. Hier bekommt man alles oder kann alles innerhalb von drei Werktagen mit Geld-zurück-Garantie und ohne Versandkosten, beim Kauf eines zweiten Artikels, bestellen. Das ist ebenso praktisch, wie überaus traurig.

Auch die Medizin rückt zusammen. Man bekommt seinen Cholesterinsenker in Tokio genauso, wie in Buenos Aires oder Amstetten. Selbst das Cholesterin kann man sich aus importierten Produkten ins Essen mischen. Ein Krankenhaus sieht in Reykjavik nicht aus wie ein Iglu, in Peking nicht wie ein chinesischer Tempel, in Austin nicht wie ein texanisches Steak-House und in Tirol nicht wie eine Après-Ski-Hütte. Es ist meist der größte Klotz am Bein des örtlichenGesundheitswesens, mit einheitlichen Betten, Apparaten und Ärzten. Und aufgrund der einheitlichen Klimaanlage merkt man gar nicht, ob man sich nun in Island, im Dschungel oder in der Wüste befindet.

Auch das mag überaus praktisch sein. Denn zunehmend kann man sich darauf verlassen, in den Industrienationen weltweit einen einheitlichen Standard vorzufinden. Starbucks-Kaffee schmeckt in New York genauso, wie er in Wien aussieht. Und in Paris klauben die Restaurantbesucher die gleichen ungeliebten Essiggurken aus dem Big-Mac wie in Mailand. Das bedeutet aber auch, dass man nicht erwarten kann, auf Überraschungen zu stoßen. Wenn die medizinischen Experten in München nicht mehr weiter wissen, dann wissen die medizinischen Experten in Zürich meist auch nicht mehr. Es wirkt nur so aufgrund des seriöseren Auftretens der Schweizer.

Die Ärzte lernen weltweit dasselbe, greifen auf denselben Pool an Medikamenten zurück, halten sich an dieselben Leitlinien und leiden global am selben Burn-out. Chancen, hier etwas Neues kennenzulernen, die Zampanos und Heiler zu finden, sind klein. Aber vielleicht macht ja mal ein kleiner Laden auf, der noch nicht zu einer großen Kette gehört. Bis er schließen muss, da er nicht über eine Klimaanlage verfügt.

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