zur Navigation zum Inhalt
© (3) Sammlung Klüser, München, 2014
Paul Gauguin – Frau im Garten, 1889

Giovanni Battista Tiepolo – Kopf eines Mannes mit geschlossenen Augen, um 1750

Il Guercino, eigentlich Giovanni Francesco Barbieri – Madonna mit Kind, undatiert (um 1625–1635)

© Bildrecht, Wien, 2014

Joseph Beuys – Unbetitelt, 1958, Sammlung Klüser, München

© 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./Bildrecht, Wien 2014

Andy Warhol – Untitled, 1953 Sammlung Klüser, München

 
Leben 3. Juni 2014

Momentaufnahmen

Der Bogen ist weit gespannt: In der Kunsthalle Krems sind derzeit rund 250 Arbeiten auf Papier aus der deutschen Privatsammlung von Bernd und Verena Klüser zu sehen.

Gezeichnet oder aquarelliert haben sie alle – und kaum eine Größe der Kunstgeschichte bildet dabei eine Ausnahme. Die Sammlung Klüser bietet nun einen über Jahrhunderte reichenden Überblick.

Grafische Arbeiten haben als direkte bildlich-künstlerische Umsetzung eines gefassten Gedankens seit jeher einen besonderen Stellenwert. Oftmals dienen sie als wichtige Schritte, um bei einem größeren Werk die Komposition und Proportion bestimmter Partien, wie etwa von Landschaften oder Personen festzulegen. Sie sind, ob mit Bleistift, Rötel, Kohle, Feder oder als Aquarell und Gouache ausgeführt, stets mehr als nur eine visuelle Notiz. Ein Studienblatt oder eine spontane Skizze dient nicht nur als Vorarbeit für größere Vorhaben: Meisterzeichnungen tragen in sich schon das Besondere. Die unvergleichliche Strichführung lässt bereits vor dem Blick auf die Signatur eine unvergleichliche Charakteristik und damit die Hand des Künstlers erkennen. Aber auch bei unsignierten Blättern ist die Zuordnung zu einer bestimmten Schule möglich.

Bildhaft zu Papier gebracht

Meist ist es eine erste Idee, die zu Papier gebracht wird, um sie weiter zu entwickeln oder detailreich auszuführen. Joseph Beuys, selbst ein virtuoser Zeichner, bezeichnete dies anschaulich als „Verlängerung des Gedankens“. Grafische Blätter mit ihrer Vielfalt an unterschiedlichen Sujets und Genres gehören seit Jahrhunderten zum Repertoire nahezu jeden Künstlers. Sie besitzen oftmals eine subtile Feinheit in der Ausführung: Bei Aquarellen vertieft eine oft delikate Ausführung die erwünschte Wirkung der Blätter. Ihre Einmaligkeit macht wohl auch den Reiz des Sammelns von Meisterzeichnungen aus, handelt es sich dabei doch um Originale aus Künstlerhand, die nicht druckgrafisch reproduziert wurden. Zudem erschließt sich ein direkter, unmittelbarer Zugang, der manche aufschlussreiche Annäherung an Künstler und Werk zulässt.

Grundsätzlich aber handelt es sich bei diesem skizzenhaften Festhalten um etwas sehr Intimes. Nicht alle Studien waren dafür bestimmt, ausgestellt und damit einer größeren Öffentlichkeit gezeigt und zugänglich gemacht zu werden. Für den Sammler liegt der Reiz darin, gleichsam Zeuge einer Bildidee, einer Kompositionsfindung zu werden und auf diese Weise dem kreativen Prozess näher zu kommen. Oft bleibt der ursprüngliche gedankliche Ansatz in der Zeichnung erhalten. Mitunter zeigt sich darin auch eine essenzielle Qualität, die erst in Verbindung mit dem ausgeführten Werk umfassend erfahrbar wird.

Meisterzeichnungen wie jene, die nun in Krems zu sehen sind, besitzen demnach eine eigene Autonomie – ihr besonderer Stellenwert im Gesamtwerk eines Künstlers ist unumstritten. Die Akzeptanz des künstlerischen Wertes der Grafik ermöglichte das Zustandekommen von grafischen Sammlungen. Solche „Kabinettstücke“, die den Grundbestand von heutzutage namhaften Grafiksammlungen bildeten, waren zunächst nicht für einen großen Kreis bestimmt, zumal das Format Einschränkungen mit sich brachte. Für Künstler bieten grafische Blätter seit jeher eine gute zusätzliche Verdienstmöglichkeit. Für eine Zeichnung ist der zeitliche und materielle Aufwand weit geringer als etwa bei einem großformatigen Gemälde oder einer Skulptur, und dennoch ist und bleibt sie ein Unikat. Das hat das Sammeln von Grafik bis in die Gegenwart begünstigt, denn Arbeiten auf Papier sind teils zu sehr vernünftigen Preisen zu haben, und es lohnt sich auch deshalb, eine qualitativ hochwertige Sammlung aufzubauen. Noch dazu ermöglicht dies nach und nach, „Werkblöcke“ zu erwerben und so über Jahre hinweg die Entwicklung eines Künstlers zu begleiten.

Von der Renaissance bis in die Gegenwart

Der zeitliche und inhaltliche Bogen der Arbeiten, die in der Kunsthalle Krems nun zu sehen sind, ist wahrlich weit gespannt. Die Blätter aus der Sammlung Klüser bieten die seltene Möglichkeit, das Medium Grafik anhand herausragender Meister der Spätrenaissance und des Barock wie etwa Parmigianino oder Giovanni Battista Tiepolo, über Anthonys van Dyck und Rembrandt Harmenszoon van Rijn bis zu Jean-Honoré Fragonard zu verfolgen. Von dort führt der Weg über Werke des 19. Jahrhunderts, darunter von Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge sowie Carl Gustav Carus, Eugène Delacroix zu Théodore Géricault oder Victor-Marie Hugo. Den Stellenwert der Grafik für die klassische Moderne unterstreichen etwa Paul Cézanne, Henri Matisse, Constantin Brancusi und Alberto Giacometti. Arbeiten von Joseph Beuys, Blinky Palermo sowie Andy Warhol, Zeichnungen von Cy Twombly, Tony Cragg, Olaf Metzel und Jorinde Voigt stehen für die Zeit nach 1945 bis hin zur Gegenwart.

Bei all der Vielfalt vermittelt diese Schau doch auch etwas Kontemplatives, Zurückgenommenes. Man kann über verschiedene Epochen hinweg Vergleiche anstellen und Entwicklungen verfolgen, Vorlieben entwickeln und sich in die Blätter vertiefen. Die nötige Zeit dafür sollte man sich auf jeden Fall nehmen.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 23/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben