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Leben 23. Mai 2014

Nebenwirkungen: Auswilderung von Ärzten

Der drohende Ärztemangel erfordert gezielte Gegenmaßnahmen.

Es mangelt zumindest nicht am Willen. Im Gegenteil, der Ansturm ist groß: 12.600 Bewerber für 1.560 Studienplätze – das ist Brutalität. Und jährlich wird der Kampf um die begehrten Studienplätze härter.

Nur jeder achte hoffnungsfrohe Kandidat darf die heiligen Hallen der Medizin auch wirklich betreten. Und das ist weniger als die Hälfte, wenn ich mich nicht verrechnet habe. In Prozent sogar noch weniger. Oder mehr? Verdammt bin ich froh, dass ich diesen Aufnahmetest damals nicht machen musste.

Denn da geht es ja nicht darum, ob ein Prüfling später einmal gut mit Patienten umgehen kann, sondern, wie gut er mit Prüfungen zurechtkommt. So kommen Fragen wie „Was antworten Sie, wenn ein Patient mit der Diagnose Hammerzehe wissen will, wie lange er noch zu leben hat?“ gar nicht vor. Gefragt wird eher, ob ein Oberarzt, der sich vom Dienstzimmer mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h zur Cafeteria bewegt und ein Patient, der mit einer Geschwindigkeit von 0,1 km/h den Gang quert, zusammenstoßen und sich der Impuls des ungebremsten Oberarztes zur Gänze auf den Patienten oder nur auf den mitgeführten Infusionsständer auf Rollen überträgt, so sich auf diesem Ständer eine 8,4-prozentige Infusionslösung befindet. Dies sind die Dinge, auf die es ankommt in der klinischen Praxis. Schließlich hängt der Umstand, wie lange ein Patient zu leben hat, oft von den Kräften ab, die bei einem Zusammenstoß mit einem Oberarzt freigesetzt werden.

Während die einen den Erfolg der Aufnahmeverfahren an den heimischen Medizinuniversitäten mit großer Genugtuung zur Kenntnis nehmen, da nun endlich zwei Professoren auf einen Studenten kommen, um ihm den Stoff einzuprügeln, kritisieren die anderen, dass sich auf diese Weise die Zahl der aktiven Mediziner sukzessive reduziert.

Wenn sich in den kommenden Jahren immer mehr Ärzte in die Pension verabschieden und der Nachwuchs diese Lücke nicht mehr füllen kann, wird der Ärztestand irgendwann einmal aussterben. Das ist eine einfache Rechnung, die auch von Personen angestellt werden kann, die den Eignungstest nicht schaffen.

Zwar kommt es immer wieder vor, dass auf der Erde bestimmte Arten aussterben. Bei der Spezies Arzt wäre es aber besonders bedauerlich. Daher sollte man schon rechtzeitig beginnen, entsprechende Erhaltungs-Zuchtprogramme zu starten. Vielleicht borgt uns der Pekinger Zoo ein Ärztepärchen, das wir in Schönbrunn zur Deckung bringen können. Der Nachwuchs könnte der Liebling der Kinder sein, was sich zweifelsfrei positiv auf das vielerorts angeschlagene Image der Mediziner auswirken würde.

Nach ein paar Jahren kann der Versuch unternommen werden, die Mediziner im geschützten Rahmen einer geschlossenen Klinik unterzubringen oder sogar in entlegenen ländlichen Gegenden als niedergelassene Ärzte auszuwildern. Bis sich Problem-Ärzte zu nah an die Bevölkerung heranwagen und einem Kassen-Wilderer vor die Flinte laufen.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 22/2014

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