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Bereits die Alchemisten gaben dem Arsen ein eigenes Symbol.

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Das „Hittrach“ wurde als abgelagertes Kondensat aus den Rauchfängen von Metallhüttenwerken abgekratzt.

 

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Arsenik im Giftschrank des Pharma- und Drogistenmuseums in Wien.

 

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James Marsh wurde zum Schreckgespenst der Giftmischer.

 

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Eine Anleitung für ein Salvarsan®–Injektionsbesteck aus Paul Ehrlichs Zeiten.

 

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Paul Ehrlich fand nach 605 Fehlversuchen das Salvarsan®.

 
Leben 29. Mai 2014

Ein Weizenkorngroß macht rot, ein Erbsengroß macht tot

Vom Hüttenrauch zum Salvarsan®. Das toxische Arsenik machte gleichermaßen Kriminal- als auch Medizingeschichte.

König der Gifte, Gift der Gifte, Erbschaftspulver, das sind einige der zweifelhaften Bezeichnungen, die einem recht unauffälligen weißen Pulver verliehen wurden. Das Arsenik war über Jahrhunderte hinweg das beliebteste Mordgift. Heute ist es ein wichtiger Bestandteil einiger Arzneimittel.

Arsen ist nicht nur Gift. Es wurde bis ins 19. Jahrhundert in Farbstoffen, mit Blei legiert in Schrotkugeln, bei der Glasherstellung, bei Feuerwerkskörpern und vielfach in medizinischen Präparaten eingesetzt. Noch heute ist es ein wichtiger Bestandteil in Arzneimitteln der Chinesischen Medizin und der Homöopathie, seit dem Jahr 2000 auch in einem Präparat zur Behandlung der akuten Promyelozyten-Leukämie (APL).

Dass Arsen giftig ist, war lange zuvor bekannt. Als Mordgift war es dennoch unbeliebt, da es einen sehr intensiven Geschmack hat und daher nicht unauffällig und unbemerkt mit Getränken und Speisen mischbar ist. Dieses Problem beseitigte um das Jahr 800 der arabische Alchemist Jabir ibn Hayyan (721–815), indem er aus Arsen das hochgiftige, aber geschmacklose Arsenik herstellte. Dies mauserte sich schließlich – wenig überraschend – zum Favoriten der Giftmörder. Die unspezifischen Symptome, wie Leibschmerzen, Übelkeit, Durchfall und Erbrechen rundeten die Vorteile des geruchlosen Giftes ab. Wer kann schon sagen, wie viele Opfer dem heimtückischen Arsenik und nicht einer gleichzeitig grassierenden Cholera-Endemie zuzuschreiben sind. Vermutet wurde das Toxin als Todesursache zwar oft, bewiesen wurde es kaum. Die Grundlage für viele Todesurteile in Giftmordprozessen waren damals vielmehr Gerüchte, Anzeigen, fragwürdige Indizien und Geständnisse unter „peinlicher Befragung“, wie die Folter damals genannt wurde. (Maria Theresia schuf sie unter dem Einfluss ihres Sohnes Josef II. am im Jahr 1776 schließlich ab.)

Droge des kleinen Mannes

Ein spektakulärer Fall in Österreich, bei dem möglicherweise die „peinliche Befragung“ ein letztes Mal angewandt wurde, ist der Prozess wegen Mordes und Giftmischerei 1770 gegen die „Faschaunerin“ im Kärntner Gmünd.

Vorwegzunehmen ist, dass der Verzehr von Arsenik in bestimmten Regionen Österreichs zu einer Spezialität wurde. In den Gebirgsgegenden der Steiermark, Kärntens, Salzburgs und Tirols war die Substanz auch als „Hittrach“ oder Hüttenrauch bekannt, da es ursprünglich als abgelagertes Kondensat aus den Rauchfängen von Metallhüttenwerken abgekratzt wurde. So wurde Arsenik in kleinen Dosen die Droge des kleinen Mannes: Wie Kandiszucker gelutscht oder wie Salz in kleinen Körnchen auf Brot oder Speck gestreut, war es ein beliebtes Stärkungs- und Aufputschmittel. Zum einen, um bei schwerer Arbeit und beim Bergsteigen „einen leichten Athem zu haben“, und „um sich lüftiger zu machen“. Zum anderen wollte man sich (durch die kapillar-toxische Wirkung des Arsens) ein rosigeres Aussehen geben, und durch Stärkung des Fettpolsters und Gewichtszunahme dem damaligen Schönheitsideal besser entsprechen.

Von Busenpillen bis Rattengift

Galt Arsen für Männer zudem als Potenzmittel, so wurde es der Damenwelt als „Busen- oder Orientpillen“ in Geheimpräparaten teuer verkauft. In der Halbwelt war diese Arsenwirkung bestens bekannt. So kam es, dass einer halbseidenen Dame mit besonders üppigem Busen schnell nachgesagt wurde, „sie fresse Rattengift!“ Tatsächlich war Arsenik als Rattengift vermutlich beträchtlich wohlfeiler zu erstehen, als in den geheimnisvollen „Busenpillen“.

Aber nicht nur Menschen kamen in den Genuss der Droge, denn Pferde, die schwere Lasten durchs Gebirge ziehen mussten, erhielten Arsenik. Auch Rosstäuscher verabreichten alten Kleppern Arsenik, um sie jung und feurig erscheinen zu lassen. Um die Gefährlichkeit der Substanz wussten die Anwender genau Bescheid: „Ein Weizenkorngroß macht rot, ein Erbsengroß macht tot“. Durch längere Gewöhnung und langsam steigende Portionen konnten die Arsenik-Esser eine vierfache Dosis zu sich nehmen, die im Normalfall töten würde.

Knoblauchgeruch entlarvte die Täterin

Die Faschaunerin jedenfalls wurde angeklagt, ihren Mann mit Hüttenrauch in der Jause vergiftet zu haben. Am 2. April 1770 wurde die Leiche ihres Mannes zur Beweisaufnahme exhumiert. Da die flüssigen Absonderungen des Magens und des Gedärms auf heißes Blech oder Kohlen geträufelt einen scharfen Knoblauchgeruch erzeugten, stand für das Gericht die Vergiftung mit Hittrach einwandfrei fest. Nach fast drei Jahren Kerker und unter Folter gestand sie schließlich die Tat. Am 9. November 1773 wurde Eva Faschaunerin schließlich hingerichtet. Jedoch pfuschte bei der Hinrichtung der Henker. Erst beim zweiten Hieb fiel der Kopf der Delinquentin. Dies galt damals keineswegs als Lappalie, und so musste der Henker Gmünd fluchtartig und ohne sein vereinbartes Honorar verlassen.

Über eine lange Zeit hindurch hatten Giftmischer es besser als die Faschaunerin. Das Arsen konnte im Körper nicht nachgewiesen werden. Der Nachweis gelang erst dem britischen Chemiker James Marsh (1794–1846). Im Jahr 1836 entwickelte er die sogenannte Marsh’sche Probe, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts der gerichtsmedizinische Standard zum Nachweis des Arseniks blieb. Mit der Folge, dass die Beliebtheit der Substanz bei Giftmördern schlagartig nachließ.

Zweite Karriere als Medikament

Neben der Verwendung als Mordgift war Arsenik im 19. Jahrhundert auch Bestandteil vieler Medikamente. Weit verbreitet war die Fowlersche Lösung, die der englische Arzt Thomas Fowler in den 1780er Jahren erfand. Die hochgiftige Lösung aus Lavendelwasser und Kaliumarsenit hatte den Ruf eines Wundermittels, das zur Fiebersenkung und gegen Syphilis verschrieben wurde. In Deutschland war das Medikament zur Behandlung der Psoriasis sogar bis in die 1960er Jahre erhältlich.

Die magische 606

Tatsächlich fast ein Wundermittel gegen die damals oft tödliche Lues war die arsenhaltige Substanz mit der Labornummer 606, die am 31. August 1909 von Sahachiro Hata (1873–1938) in Paul Ehrlichs Institut in Frankfurt am Main an männlichen Kaninchen getestet wurde. Paul Ehrlich (1854–1915) war auf der Suche nach einem Medikament zur Behandlung der Malaria, Schlafkrankheit oder Syphilis. Es sollte eine ungiftige Verbindung zwischen einem Azo-Farbstoff und Arsen sein. Über 600 Verbindungen hatten er und seine Mitarbeiter bereits getestet. Aber entweder waren sie unwirksam oder zu giftig. Nach jahrelangen Versuchen wurden sie bei der 606ten Verbindung fündig: Gegen die Schafkrankheit wirkte die neue Substanz Arsphenamin zwar nicht, die ausgedehnten syphilitischen Geschwüre des Tieres verschwanden aber nach der Injektion, und es fand sich am Tag danach keine einzige lebende Spirochäte mehr.

Das Präparat erwies sich auch in Versuchen am Menschen als wirksam und zudem relativ nebenwirkungsarm. Nach klinischer Prüfung brachten die Farbwerke Hoechst das Präparat 1910 unter dem Namen Salvarsan® – heilendes Arsen – in den Handel. In Bezug auf Nebenwirkungen war man mit Salvarsan® aber zunächst unzufrieden. Im Jahr 1911 wurde es daher durch Neosalvarsan® ersetzt. Mit Salvarsan® wurde Paul Ehrlich allerdings zum Begründer der Chemotherapie. Erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts lösten schließlich Antibiotika das arsenhaltige Medikament bei der Behandlung der Lues endgültig ab.

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 22/2014

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