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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 20. Mai 2014

NebenWirkungen: Wir sind Wurst!

Conchita 12 Punkte, Krankenhaus 0 Punkte.

Um die äußerst begrüßenswerte Conchita-isierung der Gesellschaft voranzutreiben, seien auch an dieser Stelle von Herzen kommende Glückwünsche an die Dame mit Bart übermittelt. Damit schließe ich mich der Meinung all meiner Landsleute an, die es immer schon gewusst haben und selbstverständlich – da Erfolg immer Recht gibt – gelebte Toleranz lieben.

Selbst die konservativsten Kreise outen sich nun und ein Vertreter aus einem niederösterreichischen Jägerverein sagte unlängst sogar: „Auch auf der Pirsch trag ich ab und an ein Dirndl“, und so mancher rüder erster Oberarzt sah zur Feier des Tages von homophoben Bemerkungen ab und postete nur mehr unter seinem Pseudonym „Over-Doc-1“ schwulenfeindliche Meldungen ins Netz.

Zu Recht freut man sich über die zahlreichen „zwölf Punkte“ für Österreich, auf die man ein Song-Contest-Leben lang warten musste. Weltweit hat wahrscheinlich noch nie ein Sieg bei diesem seltsamen Wettbewerb so viele Glücksgefühle ausgelöst. Das positive Pendent zum Begräbnis von Lady Di, nur eben mit Frau Wurst statt Herrn Elton.

Die Österreicher surfen noch auf der Begeisterungswelle dahin und sprayen mit bunten Farben „Wir sind Toleranz!“ auf die Lipizzaner, bevor sie – vermutlich recht rasch wieder – in den üblich raunzenden „Wurst nervt!“-Ton verfallen und der erste Oberarzt sich nicht mehr hinter anonymen Postings im Internet zu verstecken braucht.

So ein gesellschaftlicher Tabubruch ist in der geschützten Werkstätte der Künstlerszene natürlich eher möglich, als in der lebens- und liebesfeindlichen Wald- und Wiesengesellschaft. Wenn der Herr Primar geschminkt und in Pumps zur Visite erscheint, so wird er wahrscheinlich Schwierigkeiten bekommen. Gleiches gilt für Händchen haltende Chirurgen, selbst wenn sie dies nur in der Kantine und nicht im OP tun. – Wenn das der erste Oberarzt sieht!

In meiner Ausbildungszeit wurden einem Kollegen sogar gemusterte Socken von höchster Stelle untersagt. Zum Glück konnte niemand die bunten Feuerwehrmänner auf seiner Unterhose sehen, sonst wäre ihm sofort das Studium aberkannt worden. Wenn so etwas bereits auf Unmut stößt, braucht man die Pumps erst gar nicht aus dem Schrank zu holen.

Sexuelle Orientierung ist in einem Krankenhaus kein Thema und nur dann von Relevanz, wenn es um das Ankreuzen von Risikofaktoren auf dem Formular für sexuell übertragbare Krankheiten geht. Bedienstete werden daher einen Teufel tun, sich zu outen und so wird von den Kollegen einfach nur auf höchstem medizinischem Niveau getuschelt.

Zwölf Punkte für Österreich gibt es aber erst dann, wenn auch für das Personal gilt, dass es egal ist, wer oder was er oder sie ist. Wenn es schlicht und ergreifend „wurst“ ist.

Und vielleicht traut sich dann ja auch der erste Oberarzt endlich einmal, das Händchen des zweiten Oberarztes, der ihm vorher so nett zugelächelt hat, zu nehmen.

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