zur Navigation zum Inhalt
© (4) SK Film Archives, LLC
Showgir l– Kubrick photographing Rosemary Williams, 1949, Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.

Shoe Shine Boy – Mickey with his shoe shine stand, 1947, Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.

Street Conversations – Woman walking down the street, 1946, Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.

Rocky Graziano – Portrait, 1947, Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.

 
Leben 20. Mai 2014

Mit offenen Augen

Seinem Blick entging nichts: Als Fotograf hat Filmregisseur Stanley Kubrick vieles von dem, was sein späteres Schaffen auszeichnet, bereits vorweg genommen.

Das Kunstforum Wien präsentiert mit der Ausstellung „Eyes Wide Open. Stanley Kubrick als Fotograf“ eine andere, fast unbekannte Seite des weltberühmten Regisseurs: Die damaligen Bildreportagen für das Magazin „Look“ besitzen Prägnanz und Einfühlungsvermögen.

Stanley Kubrick wuchs in New York auf und verbrachte seine Jugend in einer Zeit, in der die Wirtschaftsdepression die Vereinigten Staaten fest im Griff hatte und der Eintritt auf Seiten der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg erfolgte. Nach 1945 war New York jedoch als wesentliches Zentrum kulturell wichtiger Impulse weiter maßgebend für die 1950er- und 1960er-Jahre. Inwieweit Kubrick dieses spezielle kulturelle Klima bewusst aufgenommen hat, bleibt unklar. Zeitgenossen wie Andy Warhol, Truman Capote oder die Jazz-Legende Miles Davis waren gleichfalls für das kulturelle Nachkriegsklima New Yorks prägend.

Die Zeit auf der Highschool bedeutete Stanley Kubrick wenig. Bereits mit 13 Jahren bekam er von seinem Vater seine erste Fotokamera, ungefähr zur gleichen Zeit begann er sich dem Schachspiel zu widmen. In einem Interview mit Jeremy Bernstein, das in den Jahren 1965 bis 1966 während der Dreharbeiten zu „2001: A Space Odyssey“ für die Zeitschrift „The New Yorker“ in England entstand, erinnert sich Stanley Kubrick daran, dass die Fotografie ihm darüber hinweghalf, ein schlechter Schüler zu sein. Nach eigenen Worten lernte Kubrick als Autodidakt eine Fotokamera einzustellen und sich eine Dunkelkammer einzurichten.

Nachdem er sich das nötige technische Wissen auf diese Weise angeeignet hatte, wurde er so Schritt um Schritt Fotograf. Dies und die intensive Beschäftigung mit dem Schachspiel dienten ihm dazu, Problemstellungen zu lösen. Rückblickend, so Kubrick im Interview, sei dies jedoch nichts, was man generell in der Schule lernt.

Für „Look“ im Einsatz

1945 hat Kubrick die Highschool abgeschlossen, konnte aber wegen seines mittelmäßigen Notendurchschnitts nicht auf das College. Für seine weitere berufliche Entwicklung erwies sich dies als vorteilhaft. Schon vor seinem Abschluss hatte er zwei Fotostrecken an das Magazin „Look“ verkauft. Das Foto eines Zeitungsverkäufers, der inmitten von Schlagzeilen zu Roosevelts Tod fast teilnahmslos und deprimiert wirkt, eröffnete Kubrick weitere Möglichkeiten. Die „Look“-Bildredakteurin Helen O’Brian sorgte dafür, dass er bei „Look“ als Fotografen-Lehrling beginnen konnte. Nach sechs Monaten, mit gerade 17 Jahren, gehörte Kubrick bereits zum fixen Fotografen-Stab des Magazins. Was er in den vier Jahren bei „Look“ lernte, ging nach seinen eigenen Worten weit über das hinaus, was er in der Schule hätte lernen können.

Kubrick erkundete auf der Suche nach Themen für seine Bildreportagen New York mit offenen Augen. In der Motivauswahl und der Komposition seiner Aufnahmen zeigt sich bereits die Präzision, die später auch seine Arbeit als Film-Regisseur charakterisiert. Kubrick interessierte sich zwar für die Person hinter dem Motiv, ihre Bewegründe, ihr Handeln nahm aber bereits da schon dramaturgischen Einfluss. Aus einer Fotoreportage über den Boxer Walter Cartier entstand 1951 Kubricks erster Film „The day of the fight“. Im Interview erinnerte sich Kubrick daran, dass dies kommerziell kein Erfolg war und er sogar 100 USD Verlust beim Verkauf erlitten hatte. Allerdings lief sein erster Dokumentarfilm im Paramount Theater im Programm mit dem Film „My Forbidden Past“, mit Ava Gardner und Robert Mitchum in den Hauptrollen. Wenn schon keinen finanziellen Erfolg, so gab es dafür zumindest erste öffentliche Anerkennung. Für Kubrick bedeutete dies den Ansporn, um sich weiteren Filmprojekten zu widmen.

Der präzise Blick

Das fotografische Know-how Stanley Kubricks bildete die Basis für seine späteren Filme, in denen das Auge und der Blick immer wieder eine wesentliche Rolle spielen. In „2001: A Space Odyssey“ überblickt und kontrolliert der Bord-Computer HAL 9000 mit seiner fotomechanischen Linse alle Vorgänge an Bord des Raumschiffs, was von erheblicher Bedeutung für das Gelingen oder Scheitern der Mission ist. Drei Jahre später drehte Kubrick mit „A Clockwork Orange“, basierend auf dem Roman von Anthony Burgess, ein verstörendes Meisterwerk um Gewalt und persönliche Freiheit. Alex, der Anführer der gewalttätigen Gang, mit schwarz Kajal umrahmten Augen und langen falschen Wimpern, muss im Zuge seiner versuchten Resozialisierung zu Beethovens 9. Symphonie mit gewaltsam geöffneten Augen unbeschreiblich brutale Filmszenen ertragen, ohne den Blick abwenden zu können. Diese radikale Maßnahme soll ihn zu einem besseren Menschen werden lassen.

Kubrick lässt dem Blick auch in Filmen wie „The Shining“ oder „Full Metal Jacket den nötigen Raum, um ihn in Abgründe tauchen zu lassen. Die Präzision, die er sich in jungen Jahren als Fotograf erarbeitet hat, das Ausloten filmtechnischer Möglichkeiten, um eine besondere Atmosphäre und Wirkung zu erzielen, hat auch in „Barry Lyndon“ zu bis heute unerreichten Effekten geführt. Mit der Hilfe von speziellen Zeiss-Linsen, die auch von der NASA für Satelliten-Aufnahmen aus dem Orbit verwendet wurden, gelangen ihm bei reinem Kerzenlicht Aufnahmen unglaublicher Intimität und Intensität. So entstanden durchdacht komponierte Film-Bilder. Damit schließt sich der Kreis zu den atmosphärisch dichten Fotos seiner Frühzeit.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 21/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben