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Leben 12. Mai 2014

NebenWirkungen: Lancet, Nobelpreis, Pisa, Harvard

Manchmal genügt es, eine Quellenangabe hinzuzufügen, um seine Kritiker mundtot zu machen. Hier einige gute Beispiele.

Es gibt gewisse Keywords, bei denen man einfach in Ehrfurcht erstarrt und damit alles willig und kritiklos entgegennimmt, was danach folgt: „Der diesjährige Medizin-Nobelpreis ging an zwei Forscher, die den komplizierten aktiven Transportmechanismus des Reisegepäcks von Teilnehmern medizinischer Kongresse am Flughafen analysiert haben. Diese vom norwegischen Nobel-Komitee ausgezeichnete Grundlagenforschung kann dazu führen, in Zukunft neue therapeutische Strategien zu entwickeln, damit Kongressteilnehmer rascher zu Kongressen gelangen, um dort die komplizierten aktiven Transportmechanismen des Reisegepäcks zu diskutieren.“ Beeindruckend!

„Eine Lancet-Studie hat ergeben, dass alles, was bisher nicht im Lancet publiziert wurde, nicht dem State-of-the-Art entspricht. Der Herausgeber, der vor Kurzem im Forbes-Magazin auf einer großen Schatztruhe mit Impact-Punkten sitzend abgelichtet wurde, erläuterte, dass Forschungsergebnisse, die außerhalb des Lancet veröffentlicht werden, zu ignorieren seien.“ Bemerkenswert!

„Wir sind laut Pisa schlechter bei den Mal-Sätzchen als die Deutschen.“ Verdammt! Jetzt müssen wir die vier Wochenstunden Mathe auf sieben Wochenstunden verdoppeln!

„Nach einem Auslandssemester in Harvard wurde der designierte Professor für ordentliche Dinge für den Posten des Beauftragten für außerordentliche Angelegenheiten vorgeschlagen. Seine Berufserfahrung, vor allem an der renommierten Harvard-University sowie auch der Antrag an Harvard, um in Harvard überhaupt ein Auslandssemester absolvieren zu können, machen den einsemestrigen Harvard-Absolventen zum idealen Kandidaten.“ Die Ehrfurcht ist grenzenlos. Vor allem, solange man nicht weiß, dass es in Harvard auch eine Kantine gibt, in der man als Tellerwäscher aushelfen kann.

Was ist es, das den gesunden Menschenverstand so gänzlich over-ruled, wenn diese Keywords genannt werden? Dass man einen Harvard-Absolventen automatisch als Festredner auf die Geburtstagsparty einlädt, die Erwähnung im Lancet als Ritterschlag erachtet, Samenspenden von Nobelpreisträgern so begehrt sind und man aufgrund der Ergebnisse des letzten „Rechenkönigs“ Lehrer und Schüler stundenlang nachsitzen lässt, bis sie begreifen, dass Pisa nicht diese italienische Teigflade ist, auf die man Salami drauflegen kann.

Tatsächlich haben solche Keywords einfach etwas Überirdisches. Bis man jene Menschen näher kennenlernt, die hinter den Begriffen stecken. Wo man honorige Professoren vermutet, sitzen oft Leute wie du und ich, ernähren sich von Fast-Food, sind kleinen finanziellen Aufmerksamkeiten nicht abgeneigt und posten auf Facebook: „Guess, who won the Nobel-Prize? Smiley; Smiley; Smiley! And fuck this other guy from Harvard!! Loser! Maybe next year! Hahaha …“

Und dann ist die Welt wieder ein Stückchen nachvollziehbarer.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 20/2014

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