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Äußerst adrett mit dem Lastrad unterwegs
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Pumpen mit Stil: John Tweed sorgt für die richtige Optik

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Tweed Ride Wien: Radfahren im Stil der 1930er-Jahre

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Tweed Ride Wien: Frühlingshaftes Radvergnügen

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Ein Mann und sein Moulton: Man gönnt sich ja sonst nichts.

 
Leben 12. Mai 2014

Per Rad in den Frühling

Stilvoll Rad fahren ist das Mindeste, was man sich und seinen Mitmenschen im Frühling gönnen sollte. Ob Londoner Tweed Run oder Vienna Tweed Ride, elegantes Radfahren hat viele Facetten.

Das Fahrrad als Kulturgut: Wer sich auf einem schönen Fahrrad, ob Vintage-Rennrad, Cruiser oder dem klassischen Herren- oder Damenfahrrad durch die Gegend bewegt, sollte auch dementsprechend gekleidet sein.

Das Fahrrad ist ein technisches Wunderding. Fahrrad fahren hatte schon immer etwas Besonderes an sich. Auch heutzutage in einer übermotorisierten Zeit bedeutet es noch immer ein Stück Freiheit. Bei fabelhaftem Wetter zu radeln ist ein Genuss für Körper und Geist. Das unterscheidet die klassische Radpartie vom sportlichen Radfahren. Ersterem konnte auch Hugo von Hofmannsthal, wie dem Briefwechsel mit Arthur Schnitzler, einem ebenfalls leidenschaftlichen Radfahrer, zu entnehmen ist, viel abgewinnen: „Das Radfahren macht mir eine große Freude: es ist wunderschön, ein bissel ermüdet und erhitzt sich irgendwo still hinzusetzen und über die Sträucher, die Wiesen und die Hügel hinzuschauen, und abends ist es sogar wunderschön, in den Straßen der Vorstädte zu fahren.“

Elegant per Rad – eine Frage des Stils

Elegant per Rad unterwegs zu sein schließt natürlich die Wahl des richtigen Fahrrades mit ein. In der Anfangszeit fiel dementsprechend die Wahl auf prestigeträchtige englische Fabrikate oder aber auch das legendäre Steyr Waffenrad. Herren- oder Damenräder mit einer seit den 1920er- und 1930er-Jahren und bis heute im Wesentlichen unveränderten Rahmengeometrie zählen heute, ausgestattet mit zeitgemäßer Technik, zu den neuen Klassikern. Ob Steyr Waffenrad oder Pashley Guv’nor – sie sorgen für den stilechten Auftritt. Fahrrad-Enthusiasten präsentieren sich dementsprechend auf solchen Klassikern, zu denen das legendäre Brompton-Faltrad oder das Moulton-Hightech-Minirad wie auch das 1890 entwickelte Pedersen-Rad mit seinem schwingend aufgehängten Sattel gehört.

Die Londoner City ist im Frühling kurzzeitig völlig im Griff des seit 2009 bestehenden Londoner Tweed Run. Vor nunmehr sechs Jahren sammelten sich 300 in bestem Tweed gekleidete Fahrradenthusiasten am oberen Ende der legendären Saville Row, um an einem frischen Februartag los zu radeln. 2014 ist es am 17. Mai wieder so weit. Dabei gibt es eine Reihe von Preisen für das schönste Vintage-Fahrrad oder die Möglichkeit, in einem Schnurrbart-Wettbewerb zu gewinnen. Natürlich gibt es auf der Strecke eine obligate Teepause und dies ganz ohne Eile, denn schließlich gilt, wie auf der Homepage des Tweed Run zu lesen ist: „Der Nachmittagstee als großer Luxus im Leben“. Das Beispiel der ständig wachsenden Gemeinde stilvoller Bicyclisten, die sich mit zweirädrigen Klassikern im Corso radelnd fortbewegen, hat international Nachahmung gefunden. Im Juni findet etwa der „Zürich Saturday Style Ride“ statt und an drei Terminen für 2014, nämlich im April, Juni und September, ist seit 2012 nun auch Wien mit dem „Vienna Tweed Ride“ mit dabei.

Radfahren ist nicht nur gut für Körper und Geist. Das Fahrrad hat überdies Kulturgeschichte geschrieben. So wurden Ende des 19. Jahrhunderts Radfahrermärsche komponiert und das Radfahren entwickelte sich von einer vorübergehenden Modeerscheinung zu einem Massenphänomen. Ob elegant und herausgeputzt oder sportlich verwegen, der bleibende Eindruck zählte, ein wenig Abenteuer inklusive. Für Überlandfahrten wurden in der Frühzeit des Radfahrens Radfahrerrevolver oder auch Knallkörper empfohlen, um sich gegen freilaufende Hunde zur Wehr zu setzen.

Im sportlichen Bereich kam es bereits 1903 bei der ersten Tour de France zu Höchstleistungen. Auch damals schon wurden Dopingsünder überführt, die Mittel waren allerdings legal erhältlich, handelte es sich doch dabei um Rotwein, den sich der ein oder andere Teilnehmer der Tour zur Stärkung genehmigt hatte. Eigentlich kein Wunder, da die Strecke auf schlechten Straßen und ganz ohne Gang bewältigt werden musste. Einige, die sich für besonders clever hielten, nahmen, um abzukürzen, einfach die Bahn, was aber mit Disqualifikation geahndet wurde.

Aber nicht nur im Sport hat das Fahrrad kulturhistorisch seine Spuren hinterlassen. Auch ein Teil der Selbstbestimmung der Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist dem Fahrrad zu verdanken, weil es mehr Mobilität und dadurch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit ermöglichte.

Als Hilfsmittel und leistbares Transportmittel

Das Rad als Hilfsmittel wurde alsbald aber auch benutzt, um auf zwei Rädern den Weg zur Arbeit zurückzulegen. Über Jahrzehnte blieb es in Stadt und Land das einzige leistbare Transportmittel. Flann O’Brien, der irische Nationalpoet, dem Harry Rowohlt in seinen grandios wortgewaltigen Übersetzungen aus dem Englischen ein Denkmal gesetzt hat, hat dem Fahrrad in seiner Erzählung „Der dritte Polizist“ ein besonderes Kapitel gewidmet. Da wird im Verlauf der Klärung eines Kriminalfalls der nicht uninteressanten Frage nachgegangen, ob beim Radfahren nicht ein ständiger molekularer Austausch zwischen Fahrer und Rad stattfindet. Der Mensch wird folglich radähnlicher und umgekehrt. Ein durchaus skurriler Gedanke mit weitreichenden Folgen, wenn etwa Mr. Gilhaney im Gespräch folgende Bemerkung fallen lässt: „Das Benehmen eines Fahrrades mit hohem Humanitäts-Anteil(...)ist sehr listig und überaus bemerkenswert. Man sieht nie, wie sie sich aus eigener Kraft bewegen, aber man trifft sie unerwartet an kaum erklärlichen Orten. Haben Sie noch nie ein Fahrrad gesehen, in einer warmen Küche gegen die Anrichte gelehnt, während es draußen gießt?“ Dem muss sein Gesprächspartner zustimmen, dem in weiterer Folge eine Menge noch weitaus erstaunlicherer Dinge zu Ohren kommen. Radfahren zeitigt also unerwartete, oft auch überraschende Folgen.

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