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Eines der ältesten und interessantesten Präparate in der Sammlung des Narrenturms: eine Bauchdecke mit einer Magenfistel. (c) W. Regal

Titelblatt der Helmschen „Zwey Kranken-Geschichten“. (c) Historisch

Die Lektüre über den Verdauungstrakt machte Beaumont weltberühmt. (c) Historisch

Militärarzt William Beaumont starb im Jahr 1785, sein „Experiment“ überlebte ihn um 27 Jahre. (c) Historisch

 

 
Leben 12. Mai 2014

Das Loch im Bauch

Ein seltenes Präparat im Narrenturm zeigt die Magenfistel der Niederösterreicherin Theresia Petz.

Eine künstliche Verbindung des Magens mit der Bauchhaut wird heute zur künstlichen Ernährung verwendet. Einst entstanden die Magenfisteln jedoch zumeist infolge eines Unfalls oder Geschwürdurchbruchs.

Es ist eines der ältesten und interessantesten Präparate in der Sammlung des Narrenturms: Das Feuchtpräparat – ein Stück Bauchdecke mit einer Magenfistel – kam im Jahr 1802 in das 1795 gegründete „Museum Pathologicum“ im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Das Exponat „Ventriculo epigastrico patens“ ist optisch wenig spektakulär. Seine Geschichte macht das „gewiss sehr seltne Stück“ mit der Musealnummer 81 aber einzigartig.

Am 19. Mai 1795 erließ der Sanitätsreferent der niederösterreichischen Landesregierung Josef Pasqual Ferro (1753–1809) eine Verfügung an alle Ärzte und Wundärzte des Allgemeinen Krankenhauses, „merkwürdige Stücke und Präparate in Weingeist und Krankengeschichten in einem besonderen Zimmer aufzubewahren“. Realisiert wurde dieser Befehl zunächst aber nicht. Erst die Reformen des neuen Direktors des Krankenhauses Johann Peter Frank (1745–1821) führten ab 1796 zur gezielten Sammlung von Präparaten und der tatsächlichen Gründung des pathologisch-anatomischen Museums. Hierher brachte der praktische Arzt Jacob Anton Helm (1761–1831) das Magenpräparat der im Oktober 1802 verstorbenen und von ihm gemeinsam mit dem Secundarchirurgen Hürtl im Allgemeinen Krankenhaus in Wien obduzierten Leiche.

Nach der siebten Schwangerschaft eskalierte die Erkrankung

Die Krankengeschichte seiner aus Breitenwaida in Niederösterreich stammenden, 58 Jahre alten Patientin Theresia Petz veröffentlichte Helm im Jahr 1803 mit dem Titel „Zwey Kranken-Geschichten“. „Die erste betrifft ein Weib“ schreibt er, „mit einem Loch in dem Magen, nebst Untersuchung der Verdaulichkeit der Nahrungsmittel, und einiger Arzneyen.“ (In der zweiten Geschichte berichtete der österreichische Praktiker von einer „glücklich geheilten Stichwunde“.)

Bis auf das häufig „unschmerzhafte doch unangenehme Poltern der Gedärme“ (damals als Borborygmus bezeichnet) war Theresia Petz eigentlich stets gesund, notiert Helm. Sie verrichtete die Feldarbeit und unterstütze auch ihren Ehemann, einen Schmied, „ohne merkliche Ermüdung“ bei seiner Arbeit. In den 1780er und 1790er Jahren litt sie öfters an Kolikschmerzen, Erbrechen und empfand manchmal einen heftigen Schmerz als „nage ein Hund an ihrem Magen“. Während ihrer siebenten und letzten Schwangerschaft bemerkte sie eine schmerzhafte Geschwulst in der Magengegend. Nach der Geburt fing „die Geschwulst sowohl an Härte als auch Größe zuzunehmen“ an und reichte 1796 bereits bis in die Nabelgegend. Die von mehreren Ärzten gestellte Diagnose „Milzerhärtung“ konnte aber medikamentös nicht beherrscht werden. Die Patientin wurde zunehmend kränker.

„… da entleerte sich ein Seitel“

Im April 1797 brach die Geschwulst „durch einen unvorsichtigen Druck auf“ und es entleerte sich „ein Seitel (rund 400 ml; Anm.) einer dünnen und gelblichen Materie“, wodurch auch das Leiden vermindert wurde. Die Öffnung hatte zunächst die Größe einer Linse, vergrößerte sich jedoch stetig. Durch das Loch kamen von Anfang an kleine „Theilchen von genossenen Speisen heraus“. Im Juli konnte Helm bereits mit dem Finger in den Magen kommen und einen Katheter bis zum Ein- und Ausgang des Magens einbringen, ohne der Patientin Schmerzen zu bereiten.

Helm beobachtete seine Patientin indes sehr genau und notierte seine Wahrnehmungen akribisch. Er begann die Kranke durch die Magenfistel zu ernähren und bemerkte, dass sie die „eingesteckte Nahrung gut verdauet“. Zusätzlich führte er eine Reihe von Versuchen mit seiner Patientin durch, um die Verdauung verschiedenster Nahrungsmittel zu beobachten. Um zu beobachten, wie die Verdauungskraft“ seiner Kranken von einem gesunden Magen abweicht, brachte er verschiedene Lebensmittel - von Meerrettich, Kartoffeln und Kapaunen bis zu Fröschen und Austern – bei seiner Patientin direkt in den Magen ein. Daneben schluckten er und eine gesunde Versuchsperson diverse Speisen in „leinwandenen Beuteln“, um die unterschiedliche Auflösung „bey dem Weibe“ und „bey uns“ zu beobachten. Er dokumentierte auch Temperatur und Puls und entdeckte die, damals noch nicht bekannte, überraschend große Menge an Speichel die dem Nahrungsbrei beigemischt wird.

Fünf Jahre lang experimentierte Helm an Theresia Petz, bis sie nach „heftigen Kolikschmerzen mit anhaltendem Durst“ zur Zeit der Weinlese verstarb. Die Obduzenten fanden bei der Leicheneröffnung“ das „Netz, Gekrös und den ganzen Gedärm-Kanal Roth-laufartig entzündet“. In der Sprache der heutigen Medizin ist demnach ein septisches Zustandsbild mit einer 4-Quadranten-Peritonitis als Todesursache anzunehmen.

Vom Trapper mit Loch zum ärztlichen Diener

Im Jahr 1833, also zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von Helms „Zwey Kranken-Geschichten“, publizierte der Wundarzt der amerikanischen Armee William Beaumont (1785–1853) eine Untersuchung über die Verdauung. Das Buch galt damals als eine der wertvollsten medizinischen Publikationen aus den Vereinigten Staaten. Beaumont behandelte im Jahr 1822 einen Trapper, der durch einen Schuss aus einer Schrotflinte im Bereich Brust, Zwerchfell und Magen verletzt worden war. Dem Militärarzt gelang es, die Wunden zusammenzuflicken und den jungen Trapper zu retten.

Ein Jahr später war der Pelztierjäger gesund – bis auf eine große Fistel im Magen, durch die alle Speisen und Getränke, die er zu sich nahm, nach außen flossen. Unerwartet bildete sich aber aus der Magenwand eine Art Falte, die wie ein Ventil wirkte, die Nahrung wurde so am Ausfließen gehindert. Die Falte selbst konnte aber mit den Fingern leicht zurück gedrückt werden. Beaumont erkannte, welch einmalige Gelegenheit zur Erforschung der Verdauung er bei seinem Patienten Alexis St. Martin hatte. Wie durch ein Guckloch konnte er in den Magen hineinsehen und „den Verdauungsvorgang beobachten“. Er beschäftigte seinen Patienten sogar als Diener, beobachtete die Schleimhaut des Magens unter verschiedensten Kostformen und experimentierte sechs Jahre lang am Magen seines „Versuchskaninchens“. Beaumont, mittlerweile eine Berühmtheit in der Fachwelt, starb 1853. St. Martin aber überlebte seinen Brötchengeber und wurde trotz seiner Fistel 86 Jahre alt. Nach seinem Tod im Jahre 1880 wollten einige Ärzte ihn obduzieren, um seinen Magen für die Nachwelt zu erhalten. St. Martins Familie war aber strikt dagegen, bestattete seinen Körper erst nach Einsetzen der Verwesung und begrub den Leichnam in 2,40 Meter Tiefe, um Leichenfledderei zu verhindern.

Der Wiener Arzt Helm hat es da wohl besser getroffen. Sein „sehr seltnes“ Feuchtpräparat des Magens landete 1802 im „Museum Patholocicum des Herrn Hofraths von Frank“. Es überstand wohlbehalten über 200 Jahre lang alle Übersiedlungen und Neuaufstellungen und ist heute noch im Narrenturm zu besichtigen.

Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 20/2014

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